Schulleistungen 10-jähriger Kinder sind nicht vorhersagbar!

Am 2. Mai werden es alle Viertklasskinder wieder schriftlich in der Hand haben - das Übertrittszeugnis. Es wird klarstellen, "wohin sie gehören": an die Haupt- bzw. neuerdings "Mittelschule", an die Realschule oder ans Gymnasium. Eltern, die die Einzelnoten ihrer Kinder in den drei "wichtigen" Fächern Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht sorgfältig notieren und auch wissen, wie sie zu gewichten sind, haben längst ausgerechnet, welche Schulart ihr Kind ab September besuchen kann.

25.04.2012 Pressemeldung GEW Bayern

Dazu Gele Neubäcker, Vorsitzende der GEW Bayern: "Dennoch ist es für Kinder und Eltern ein beschämendes Gefühl, schwarz auf weiß lesen zu müssen, dass sie zu den ca. 30 % "Aussortierten" gehören, die nur für die Mittelschule "geeignet" sind. Weitere ca. 30 % werden die Wahl zwischen Real- und Mittelschule haben, und ca. 40 % werden sich fürs Gymnasium entscheiden, auch wenn ihnen alle drei Schularten offen stehen. Damit sind die bayerischen Kinder die einzigen, die zum Ende der Grundschulzeit verbindlich in drei Schubladen sortiert werden. Baden-Württemberg hat diesen alten Zopf endlich abgeschnitten, und in den anderen Bundesländern gibt es so gut wie keine Hauptschule mehr."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft weist erneut darauf hin, dass Schulnoten keine haltbare Grundlage für Schullaufbahnentscheidungen sind.

Es gibt keine wissenschaftliche Bestätigung für die Annahme, künftige Schulleistungen von 9- bis 10-jährigen Kindern seien prognostizierbar. Das Gegenteil trifft zu. Niemand kann vorhersagen, wie Kinder sich entwickeln werden. Einer Gruppe britischer NeurowissenschaftlerInnen um Cathy Price ist nun der Nachweis gelungen, dass sich der Intelligenzquotient auch in der Pubertät, und möglicherweise darüber hinaus, noch deutlich verändern kann, und zwar um bis zu 20 IQ-Punkte nach oben und nach unten*.

Dazu Neubäcker: "Unsere Kritik an den Übertrittszeugnissen und an der zu praktizierenden Notengebung richtet sich nicht an die LehrerInnen, sondern ans System. LehrerInnen arbeiten engagiert und sind durch den Spagat zwischen ihren Verpflichtungen und der Sorge um und die Verantwortung für die Kinder hin und her gerissen, was nicht selten krank macht. Eine große Mehrheit lehnt diesen Auslesezwang ab und würde Kinder gern in Bezug auf ihren persönlichen Fortschritt beurteilen. Stattdessen muss eine vorgegebene, große Zahl an für alle gleichen Probearbeiten in den genannten Fächern nachgewiesen werden. Kinder sind in Ranglisten innerhalb der Klasse einzuordnen, Rücksicht auf den individuellen Entwicklungsstand einzelner Kinder ist nicht vorgesehen. Nur so kann das bayerische Schulsystem wieder besseres Wissen künstlich am Leben erhalten werden. Die GEW fordert dagegen seit langem die Überwindung des Schulsystems vergangener Jahrhunderte zugunsten einer Schule für alle Kinder bis zum Ende der Pflichtschulzeit. Die aktuellen o. g. Forschungsergebnisse zur Intelligenzentwicklung untermauern unsere Forderungen wissenschaftlich. Als Zwischenschritt fordern wir die sofortige Abschaffung der Übertrittszeugnisse. Dies würde enormen Druck von Kindern, Eltern und Lehrkräften nehmen und entspannteres und dadurch erfolgreicheres Lernen ermöglichen. Die Entscheidung, welche Schulart ein Kind besuchen soll, ist aus unserer Sicht den Kindern zusammen mit ihren Eltern zu überlassen, die Schule hat dabei eine beratende Funktion!"

*s. Christian Weber in der "Süddeutsche.de" vom 20.10.2011

Ansprechpartner

GEW Bayern

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden