Schulnoten: subjektiv und ungerecht

(bikl) Über 10 Millionen Zensuren werden in diesen Wochen allein in den Grundschulzeugnissen erteilt. Spätestens im vierten Schuljahr entscheiden sie in ganz erheblichem Maße über die weitere Schulkarriere. Aber: Schulnoten sind weder objektiv noch gerecht. Das belegt eine Studie der Arbeitsgruppe Primarstufe der Universität Siegen, die heute veröffentlicht wurde.

10.07.2006 Artikel

Gleiche Zensuren werden für unterschiedliche Leistungen erteilt, dieselbe Leistung wird in verschiedenen Klassen, von verschiedenen Lehrern unterschiedlich bewertet. Der Aussagewert für zukünftiges Lernen ist gering, so ein Ergebnis der Studie.

Persönliche Sympathie

„Zensuren sind Urteile von Lehrpersonen. Sie basieren in der Regel auf informellen Leistungsproben und Beobachtungen. Diese Daten und ihre Bewertung in Form von Noten haben sich als nicht zureichend gültig, personunabhängig und verlässlich erwiesen. Soziale und ethnische Herkunft, Geschlecht, aber auch Verhaltensauffälligkeiten und persönliche Sympathie führen zu systematischen Verzerrungen der Beurteilung“, heißt es in der Zusammenfassung der Studie.

Auch gebe es keine Belege dafür, dass Ziffernnoten zum Lernen motivierten. Stattdessen würden sie schwächere Schüler entmutigen und „die Kraft intrinsischer Motivation auch bei den leistungsstärkeren Schülern beschädigen.“

Fördern statt selektieren

Statt durch Noten zu selektieren müsse die Schule ihrem Förderauftrag gerecht werden. PISA-Spitzenreiter wie Schweden - oder im deutschsprachigen Raum: Südtirol - kämen seit vielen Jahren ohne vergleichende Noten aus. Würden dagegen Sanktionen an die Bewertung von Leistungen geknüpft, so die Autoren der Studie, sei mit Rückschlägen statt mit Verbesserungen zu rechnen.

Abschaffung schwierig

Gleichwohl bleibt die Studie realistisch: Trotz der durchgängig negativen Befunde über Nutzen und Nebenwirkungen von Ziffernnoten dürfte deren Abschaffung schwierig werden, heißt es. Dies hänge vor allem mit der frühen und starken Selektionsorientierung des deutschen Schulsystems zusammen. Eine rein »technische« Verbesserung des Beurteilungswesens werde deshalb nicht viel bewirken, wenn sich die institutionellen Bedingungen nicht änderten: Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit; Abschaffung von Zurückstellungen am Schulanfang, von Sitzenbleiben und Aussonderung in Sonderschulen.

Als Alternative zu Noten werden Verbalbeurteilungen vorgeschlagen. Allerdings mit Einschränkungen. Denn auch solche Beurteilungen basieren schließlich auf den Beobachtungen und Bewertungen von Lehrern und können enstprechend subjektiv sein. Allerdings, so die Studie, würden solche Beurteilungen zumindest vom Anspruch her Leistungen differenzierter erfassen.

Zustimmung von der GEW

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat in einer ersten Stellungnahme Forderung des Grundschulverbands nach einem Verzicht auf Noten zugunsten alternativer Beurteilungsverfahren unterstützt. „Besonders junge Kinder reagieren sehr sensibel auf Entmutigungen durch Notenschocks. Im schlimmsten Fall nehmen die Schüler die Noten für bare Münze – und entwickeln sich wie vorgegeben: Wer eine ‚fünf’ bekommt, macht sich danach selbst zum Fünfer-Knadidaten“, erklärte die stellvertretende Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer.

Die Studie "Ziffernnoten und ihre Alternativen im empirischen Vergleich" wurde im Auftrag des Grundschulverbandes von der Arbeitsgruppe Primarstufe der Universität Siegen erstellt. Die Kurzfassung trägt die wichtigsten Ergebnisse und Empfehlungen zusammen.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden