Schulpolitik muss kinderfreundlicher werden

Rund 1,3 Millionen bayerische Schülerinnen und Schüler erhalten am Freitag ihr Zwischenzeugnis. "Die Empfehlung, Eltern sollen mit diesem Dokument möglichst gelassen umgehen und die Noten ihrer Kinder nicht überbewerten, wirkt angesichts des steigenden Leistungsdrucks unpassend, wenn nicht scheinheilig", erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, heute in München.

20.02.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

Schule mache immer mehr Lehrer und Schüler krank, hemme ihre Motivation und Einsatzbereitschaft. Schule in Bayern zementiere darüber hinaus soziale Ungleichheit und befördere Bildungsungerechtigkeit. Wen-zel forderte anlässlich des Zeugnistages eine ernsthaft Diskussion darüber, "wie wir mit unseren Kindern umgehen, was wir ihnen zumuten und wie wir Schule neu gestalten können - obwohl wir längst kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem haben."

"Die vielen Tipps, die Experten parat haben, wenn es um den Umgang mit dem Zwischenzeugnis geht, sind sicher alle richtig und gut gemeint - doch sie ändern nichts an der Grundproblematik: Nämlich, dass unsere Kinder einer Schulpolitik ausgesetzt sind, die wenig fördert und viel sortiert", sagte Wenzel. Dass sich diese Vorgehensweise nicht nur negativ auf Befindlichkeiten junger Menschen auswirke, sondern auch ihre Lern- und Motivationsbereitschaft hemme, sei wissenschaftlich hinreichend belegt. Trotzdem ändere sich Schule in Bayern nicht. "Es fällt mir inzwischen schwer, Eltern von Grundschulkindern zu sagen, dass sie bei schlechten Noten gelassen bleiben sollen, wenn sie doch wissen, der nicht erreichte Schnitt verbaut ihrem Kind den Zugang zum Gymnasium - und dort wol-len sie es sehen, weil es dort den höchsten Abschluss erreichen kann. Wie soll ich ein Kind trösten, das zwar Lernfortschritte erzielt hat, aber immer noch eine Fünf in Deutsch hat, weil die Fehler, die es macht, immer noch zu viele sind?"

Schulpolitik in Bayern sei nicht gerecht, so Wenzel. "Sie orientiert sich nicht an den Bedürfnissen junger Menschen. Sie führt zu Ungerechtigkeiten und beschö-nigt Probleme, statt sie zu lösen, obwohl sich Tausende von Pädagogen täglich bemühen, den ihnen anvertrauten Schülern trotz Personalmangel und Unter-richtsausfällen gerecht zu werden."

Um den auf Schülern, Eltern und Lehrern lastenden Druck abzubauen, müsste das Verständnis von Bildung geändert werden. Dazu gehöre es zum Beispiel auch, die Praxis der Notenvergabe oder das etablierte Lern- und Leistungsverständnis kritisch zu hinterfragen.

Es wäre vordringlichste Aufgabe der Bayerischen Staatsregierung, sich darum zu kümmern, dass es Kindern in den Bildungseinrichtungen gut geht. "Wir dürfen nicht zulassen, dass ganze Generationen von Schülern leiden, systematisch demotiviert werden und die Lust am Lernen verlieren", sagte der BLLV-Präsident. "Anstatt sich dieser Problematik anzunehmen, stellen die politisch Verantwortlichen die Schulwirklichkeit aber mit dem Weichzeichner dar, bremsen Innovationen aus und quälen Schüler und Lehrer mit Maßnahmen wie die planlose Einführung eines achtjährigen Gymnasiums oder einer Übertrittsreform, die keine ist, weil sie Kinder noch mehr unter Druck setzt. Hinzu kommt der andauernde Man-gel an Ressourcen, der kräftezehrend ist und selbst engagierteste Lehrkräfte irgendwann ausbremst."

Der BLLV nimmt den Tag der Zeugnisvergabe zum Anlass, erneut für eine andere Schulpolitik zu plädieren: "Eine Schulpolitik, die dazu führt, dass Schule für Heranwachsende tatsächlich Lebensraum sein kann, in der sie sich entfalten und bestmöglich entwickeln können - ohne Angst, Fehler zu machen oder zu versa-gen."


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden