Interview

Lose Fäden verbinden

20 Milliarden Euro in zehn Jahren an 4000 sozial benachteiligte Schulen – das Startchancen-Programm ist das größte Bildungsprojekt in der deutschen Geschichte. Wie das erste Jahr lief und warum es noch mehr Ko-Konstruktion, Personal und Daten braucht, damit das Programm ein Erfolg wird, erläutert Bildungsforscherin Martina Diedrich. Von Roman Eisner

27.02.2026 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • © www.pexels.com „Alle Beteiligten müssen einsehen, dass gute Bildung mehr umfasst als nur die
    Basiskompetenzen“, betont Martina Diedrich im Interview.

didacta: Das Startchancen-Programm läuft seit über einem Jahr. Wie bewerten Sie den Erfolg bisher?

Martina Diedrich: Am Anfang hatte das Programm das Potenzial zu überfordern aufgrund seiner enormen Komplexität. Man hat einen Faden aufgenommen und dann festgestellt, da dran hängt noch eine Million anderer Fäden. Die Säulenstruktur des Programms bringt viele technische Fragen mit sich: Mit wie viel Geld kann eine Schule rechnen? Welche Anträge müssen ausgefüllt sein, damit die Schule an das Geld kommt? Es sind unterschiedliche Töpfe, dementsprechend viele Förderlogiken und Akteure, etwa die Kommunen, die man unter einen Hut kriegen muss. Dann kommt die inhaltliche Ausgestaltung mit ihrer Zielkomplexität, für die es die passenden Angebote braucht. Die Schulen sind ungeduldig, wollen zu Recht loslegen. Viele Länder konnten am Anfang nur sagen: Wir sind noch nicht so weit. Ehrlicherweise hätte das Programm ein Vorlaufjahr für die Planung gebraucht. Das Programm ist gestartet und die Erwartungen waren sofort sehr hoch.

Ist die Situation jetzt anders?

Wir hatten zuletzt unsere Gesprächsrunde mit den Ländern. Die Situation hat sich jetzt deutlich verbessert. Die Länder haben ihre Fäden allmählich entwirrt und haben zumindest Klarheit darüber, in welcher Form sie was bearbeiten wollen. Sie haben zu ganz vielen Herausforderungen Antworten gefunden. Mit dem neuen Schuljahr wird das auch deutlicher an den beteiligten Schulen ankommen. Sie werden wissen, worauf sie zugreifen und wie sie verfahren können. Es war ein sehr aufregendes und forderndes Aufbaujahr.

Sie leiten das Governance-Zentrum im Chancen-Verbund. Welche Aufgaben hat der Verbund?

Martina Diedrich leitet am DIPF | Leibniz Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation das Governance-Zentrum im Chancen-Verbund zur wissenschaftlichen Begleitung und Forschung für das Startchancen-Programm. Zuvor war die Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin Direktorin des Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung IfBQ in Hamburg.

Für jedes Ziel des Programms entwickelt der Verbund gemeinsam mit den Ländern wissenschaftlich fundierte Angebote und Qualifizierungen für Personen, die in den Ländern die Lehrkräfte fortbilden beziehungsweise die Schul- und Unterrichtsentwicklung in den Schulen begleiten. Dafür gibt es fünf Kompetenzzentren: Sprachbildung, Mathematik, überfachliches Lernen und Berufsorientierung, multiprofessionelle Schulentwicklung im Sozialraum und datengestützte Qualitätsentwicklung. Der Chancen-Verbund arbeitet nicht direkt mit den Schulen, sondern qualifiziert das Beratungs-, Unterstützungs- und Aufsichtspersonal in den Ländern – alles unter dem Label der Ko-Konstruktion. Wir integrieren von Anfang an die Perspektive aller, die am Programm beteiligt sind, evaluieren die Umsetzung und entwickeln die Angebote und Maßnahmen evidenzbasiert weiter.

Wie genau setzt der Chancen-Verbund das Konzept der Ko-Konstruktion um?

Wenn ein Kompetenzzentrum beispielsweise eine Fortbildung entwickelt, bindet es das Fortbildungspersonal der einzelnen Länder von Anfang an in die Konzeption ein. Wenn diese Multiplikatoren dann losziehen und mit dem Konzept Lehrkräfte qualifizieren, dann melden sie zurück, was bei der Fortbildung funktioniert hat und was nicht, und das Kompetenzzentrum passt das Konzept dann entsprechend an. Neben den thematisch ausgerichteten Kompetenzzentren zum Beispiel begleiten die Transfer- und Transformations-Hubs die Länder bei der Schulund Systementwicklung und unterstützen sie dabei, dass sich die Angebote des ChancenVerbunds in die bestehende Architektur des Landes einfügen lassen. Denn die Länder sind keine unbeschriebenen Blätter, sie haben eine lange Geschichte an Schulsystementwicklungen.

Welche Rolle spielt das Governance-Zentrum in all dem?

Wir arbeiten mit den Ländern daran, dieses komplexe Startchancen-Programm möglichst konsistent zu steuern. Denn die Realität ist häufig so: Gute Ideen aus der Wissenschaft oder einem Land scheitern daran, dass sie nicht durchgängig im ganzen System umgesetzt werden. An gewissen Stellen kommt es zu Abbrüchen oder Widersprüchen. Dann weiß die linke Hand nicht, was die rechte tut. Schulen bekommen dann von den Landesinstituten, der Schulentwicklungsberatung, den Fortbildungsinstanzen oder der Schulaufsicht widersprüchliche Impulse. Das GovernanceZentrum hilft dabei, sich auf gemeinsame Ziele, Vorgehensweisen und Prioritäten zu verständigen. Begleitend dazu bereiten wir die Erkenntnisse aus dem Programm so auf, dass sie auch darüber hinaus nutzbar sind.

Zum Schuljahr 2025/26 kamen zu den 2000 Startchancen-Schulen nochmal 2000 hinzu. Die Ziele sind hoch, unter anderem mehr Chancengerechtigkeit und eine Stärkung der Basiskompetenzen.

Die Ziele sind sehr ehrgeizig und es gibt viele Fragezeichen, eines davon ist: Wie mutig sind die Länder? Wir stoßen aktuell bei vielen Entscheidungen an gläserne Decken, also unsichtbare Barrieren, wo das System oder auch die Schulen das Gefühl haben: Hier kommen wir nicht weiter. Zum Beispiel beim Lehrkräftemangel. Niemand traut sich momentan, hier voranzugehen und danach zu fragen, wie man das System so umbauen kann, dass Unterricht und Schule auch mit weniger Lehrkräften funktionieren. Solche systemischen Barrieren finden wir gerade an Startchancen-Schulen.

Welche Barrieren sind das noch?

Die meisten Lehrkräfte empfinden die Dichte der Lehrpläne als schwierig, vor allem an Startchancen-Schulen, wo die Basiskompetenzen im Fokus stehen. Grundschulen müssen sicherstellen, dass ihre Schülerinnen und Schüler lesen, schreiben und rechnen können, wenn sie auf die weiterführenden Schulen wechseln. Aber eine Grundschule im Startchancen-Programm hat denselben Lehrplan wie die Grundschule eines anderen Stadtteils, die privilegiertere Kinder besuchen. Anpassungen beim Lehrplan sollten möglich sein. Wenn wir nicht mutig an solchen Stellschrauben drehen, hemmen wir die Wirkung des Programms.

Gibt es weitere Stellschrauben?

Wir müssen die vielen Teilbereiche des Startchancen-Programms klug miteinander verbinden. Wenn wir Mathematik, Sprachbildung, sozial-emotionale Kompetenzen, Teilhabekompetenzen und Berufsorientierung parallel und gleichwertig verfolgen, gelingt das nicht. Wir müssen vernetzter denken: Wie lässt sich eine Demokratiebildungsmaß- nahme mit Leseförderung oder Sprachbildung verknüpfen? Wie gelingt es, darin noch ein Training für sozial-emotionale Kompetenzen zu integrieren? Ohne diese Verbindungen bleiben die Maßnahmen rein additiv.

In welchen Bereichen äußern denn die Startchancen-Schulen selbst den größten Unterstützungsbedarf?

Als größte Herausforderung nennen Lehrkräfte das Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler. Deswegen müssen sozial-emotionale Kompetenzen, Selbstregulation und der Umgang mit besonderen Bedürfnissen in den Fokus rücken. Diese enorme Heterogenität betrifft vor allem Startchancen-Schulen, da die Kinder und Jugendlichen hier viele Rucksäcke mit sich tragen: besondere Förderbedarfe, geringe Deutschkenntnisse, einkommensschwache Elternhäuser, benachteiligte Stadtgebiete. Zusätzlich leiden die Startchancen-Schulen besonders unter personeller Unterversorgung. Denn viele Lehrkräfte, die jetzt neu dazukommen, können sich aufgrund des Personalmangels aussuchen, an welche Schule sie gehen – und das sind meist nicht die Schulen mit den herausfordernden Schülerschaften.

Startchancen-Programm: Daten und Fakten

› 20 Milliarden Euro von 2024 bis 2034, finanziert je zur Hälfte von Bund und Ländern

› Förderung für 4000 Schulen mit hohem Anteil sozial benachteiligter Schüler/-innen

› Auswahl der Schulen erfolgte durch das jeweilige Bundesland

› 60 Prozent der geförderten Schulen sind Grundschulen

› Drei Programmsäulen:

I. Investitionen in eine zeitgemäße und förderliche Lernumgebung

II. Chancenbudgets für bedarfsgerechte Lösungen in der Schul- und Unterrichtsentwicklung

III. Personal zur Stärkung multiprofessioneller Teams

› Ziele: mehr Chancengerechtigkeit, Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg aufbrechen, Stärkung der Basiskompetenzen Lesen/Schreiben/Rechnen, Verbesserung der Leistungsfähigkeit des ganzen Bildungswesens

Viel Geld soll auch in den Neubau und die Sanierung von Schulgebäuden und in die Modernisierung von Lernräumen fließen.

Im Moment schieben die Länder und Schulen Säule I zur zeitgemäßen und förderlichen Lernumgebung noch vor sich her. Baumaß- nahmen sind zeitintensiv und verlangen viel Planung. Man muss auch kritisch festhalten: Gute Lernräume wirken unterstützend, aber die Forschung ist sich einig, dass sie nicht der entscheidende Gamechanger sind. Wichtiger ist: Welche Lernangebote macht eine Schule? Wie begleitet und unterstützt sie die Kinder? Deshalb steht an vielen Schulen Säule III im Fokus: die Stärkung multiprofessioneller Teams. Auch hierfür erwarten wir von der wissenschaftlichen Begleitung kluge Konzepte, wie aus dem Buzzword multiprofessionelle Teams eine gelebte Kultur professionellen Miteinanders werden kann. Insgesamt zeigt das erste Jahr: Kohärente Weiterentwicklung und Verzahnung bestehender Ansätze sind entscheidende Faktoren.

Wie meinen Sie das?

Vieles im Startchancen-Programm müssen wir nicht komplett neu erfinden. Alle Ministerien machen bereits etwas zu Sprachbildung, Matheförderung, Teilhabekompetenzen, sozialemotionalen Kompetenzen oder beruflicher Orientierung. Sie müssen diese vielen losen Fäden aber miteinander verbinden, und zwar kohärent und sinnstiftend. Dafür dürfen sie das Startchancen-Programm nicht als ein weiteres von unzähligen Projekten auffassen, das jetzt zehn Jahre nebenherläuft. Das StartchancenProgramm ist das Dach, unter dem die Länder ihre Maßnahmen einsortieren und damit ein solides Gebäude errichten können. Ob alle Akteure diese Haltung gegenüber dem Startchancen-Programm einnehmen, ist die Gretchenfrage.

Sind sich die Kultusministerien dieser Herausforderungen ausreichend bewusst?

Für die genannten Probleme erfahren wir einen unterschiedlichen Grad an Offenheit. Die Leute in den Ministerien unterhalb der politischen Ebene sind überwiegend aufgeschlossen. Die Heterogenität prägt unsere Arbeit im ChancenVerbund. Die Ausgangslagen in den Ländern sind nun mal verschieden. Das ist bereichernd, aber auch herausfordernd. Entscheidend ist: Ungleiches kann nicht gleich behandelt werden. Also müssen wir auch Schulen ungleich behandeln, etwa bei Personalfragen. Das ist in der bisherigen Steuerungslogik aber nicht vorgesehen. Hier ist der Widerstand der Politik groß. Denn alle bildungspolitischen Maßnahmen haben potenziell Systemsprengungscharakter und können einem medial um die Ohren fliegen. Das wollen Politikerinnen und Politiker vermeiden.

In ihrem Koalitionsvertrag verspricht die neue Bundesregierung die Einführung eines Bildungsverlaufsregisters und einer Schüler-ID.

Dieses Vorhaben ist nicht neu. Bereits 2003 hat die Kultusministerkonferenz die Vereinbarung zum sogenannten Kerndatensatz verabschiedet. Alle Länder sollten schulstatistische Daten erheben, um datengestützte Schulentwicklung und eine Vergleichbarkeit unter den Ländern zu ermöglichen. 2025 haben leider immer noch nicht alle Länder diesen Kerndatensatz. Dass die neue Bundesbildungsministerin Karin Prien datengestützte Qualitätsentwicklung zu einem Schwerpunkt machen will, ist positiv. Das Startchancen-Programm und unser ganzes Bildungssystem würden davon profitieren.

Das Startchancen-Programm läuft noch bis 2034. Abgesehen von der datengestützten Qualitätsentwicklung: Welche Änderungen sind jetzt nötig, damit die nächsten neun Jahre erfolgreich werden?

Alle Beteiligten müssen einsehen, dass gute Bildung mehr umfasst als nur die Basiskompetenzen. Wir können uns nicht nur auf Sprachbildung und Mathematik fokussieren, obwohl beides wichtig ist. Auch die Persönlichkeitsbildung gehört zum Auftrag der Schulen. Die Ziele des Programms sind nicht als „entweder oder“, sondern als „sowohl als auch“ zu begreifen. Zudem sollten wir das ko-konstruktive Prinzip noch mehr beherzigen – also die Bereitschaft zeigen, gemeinsam qualitätsvolle Angebote zu erarbeiten. Erst dann haben wir die Chance, unser Schulsystem nachhaltig zu verändern.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 4/2025, S. 44-47, erschienen: https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_4_2025/#46



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