Sterne-Mensen für die Schulen
(red) Was ist gutes und gesundes Schulessen eigentlich wert? Und was ist empfehlenswert: Tiefkühlkost, Warmverpflegung oder Kochen vor Ort? Anspruch und Wirklichkeit der Schulverpflegung werden immer wieder diskutiert. Und das nicht erst seit September 2012, als mit Noroviren verseuchte Tiefkühlerdbeeren aus China auf den Mensatellern in vielen Schulen und Kitas landeten und bei fast 9000 Kindern und Jugendlichen Brechdurchfall auslösten.
20.12.2012 ArtikelEssen in der Schule - das war in Deutschland lange kein Thema. Schließlich brauchte niemand in der traditionellen Halbtagsschule ein Mittagessen. Seitdem aber auch hierzulande Ganztagsschulen eher die Norm als die Ausnahme sind, müssen Schulen sich auch um die Verpflegung ihrer Schützlinge kümmern. Unterdessen bieten mehr als die Hälfte aller allgemeinbildenden Schulen ein Ganztagsangebot. Und knapp ein Drittel aller Schülerinnen und Schüler nimmt dieses Angebot auch wahr, so der Bildungsbericht 2012.
Mensen ohne Verpflegungskonzept
Tatsächlich wurde auch in den letzten Jahren viel Geld in den Bau von Schulmensen investiert, erklärt Georg Koscielny von der Hochschule Fulda. Allerdings, so schränkt der Ernährungssoziologie ein, wurden sie eher ohne Verpflegungskonzept gebaut. Konzepte für die Qualität von Schulessen hingegen gibt es. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums einen Qualitätsstandard für die Schulverpflegung entwickelt, zuletzt aktualisiert im Jahr 20111. Der gilt allerdings nur als Rahmen - nicht als Verpflichtung.
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"Vier Euro sind wirklich notwendig"
Entsprechend variiert denn auch die Qualität des Essens in den einzelnen Schulen und Bundesländern. Das lässt sich allein schon an den Kosten ablesen. So werden Schulessen in Bayern für 4,20 Euro pro Portion ausgeschrieben, in Thüringen für nur 1,90 Euro. Und in Berlin sollten die Caterer bislang für maximal 2,10 Euro liefern. "Warum ist uns das Essen für Schulkinder so wenig wert?", fragt die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Arens-Azevedo . In einer Studie - beauftragt von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung sowie der AOK – hat sie jetzt ermittelt, dass die Kosten für das Schulessen in der Bundeshauptstadt zwischen 3,14 Euro und 4,25 Euro liegen müssten. Und zwar dann, wenn die Qualitätsstandards in der Schulverpflegung berücksichtigt werden.
"Vier Euro sind wirklich notwendig", sagt auch Georg Koscielny. Er begleitet das Projekt von Sternekoch Johann Lafer, der im November am Gymnasium am Römerkastell in Bad Kreuznach eine eigene Schulmensa eröffnet hat. Die Frage, wie gutes Essen in die Schulen kommen kann, treibt bereits etliche Sterne- und Fermnsehköche um. Jamie Oliver etwa unterstützt das Projekt "Schüler kochen selbst" am städtischen Luisengymnasium München. Sarah Wiener bildet mit ihrer Stiftung Lehrer und Erzieher als Multiplikatoren für Ernährungskunde weiter und wurde dafür auf der didacta 2010 in Köln als Bildunsgbotschafterin ausgezeichnet. Tim Mälzer will mit dem Wettbewerb "Klasse, Kochen!" Schülerinnen und Schüler animieren, sich aktiv mit einer ausgewogenen Ernährung zu beschäftigen.
Ernährung auch Thema im Unterrichtsalltag
Und jetzt sogar ein Sternekoch, der sich in der eigenen Schulmensa die Schürze umbindet. "Das Unternehmen gehört mir zu 100 Prozent. Ich trage das finanzielle Risiko", erklärt er. In seiner Schulmensa will Lafer fast ausschließlich Produkte aus der Region verarbeiten, eingekauft beim Bauern. Die Schüler sind nicht bloß Konsumenten, sie können über einen Mensabeirat auch mitbestimmen, was auf den Teller kommt. Und schließlich wird jedes Essen mit einem Euro vom Kreis bezuschusst, drei Euro zahlen die Schüler. Die erste und einzige Schulökotrophologin im Land Rheinland-Pfalz sorgt außerdem dafür, dass Ernährung hier nicht allein am Mittagstisch in der Mensa thematisiert wird, sondern auch in den Unterrichtsalltag einfließt.
"Wenn wir hier im nächsten Jahr Erfahrungen gesammelt haben, dann – da bin ich ganz sicher – lassen sich auch Konzepte entwickeln sowohl zur Nachrüstung der Schulmensen, die heute noch Probleme haben, als auch in Bezug auf die Qualität von Produkten, die eine Schule braucht", so die Einschätzung von Georg Koscielny. Und damit könnte dann aus der Ausnahmemensa ein Modellprojekt werden, das Schule macht.
Links
- Berliner Studie zum Schulessen
- DGE-Qualitätsstandard für die Schulverpflegung
- foodeducation – Das Projekt von Johann Lafer
- Tim Mälzer - Projekt: Klasse kochen
- Sarah Wiener Stiftung
- Bildungsbotschafterin 2010: Sarah Wiener
- Städtisches Luisengymnasium München: Jamie Oliver Video zur Mensa
- Gymnasium am Römerkastell Bad Kreuznach
Dazu auf der didacta 2013
In Halle 6 werden während der gesamten didacta Mensa- und Verpflegungskonzepte von verschiedenen Ausstellern vorgestellt.
Forum didacta aktuell
Ausgewogenes Schulessen - Was ist es uns wert?Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste. Stimmt das auch wenn es um das Schulessen geht? Die ständige Diskussion über den Preis des Schulessens vermittelt einen anderen Eindruck. Über dieses Thema diskutieren Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis. Zudem werden mehrere Praxisbeispiele mit innovativen Lösungen in der Schulverpflegung vorgestellt.
Teilnehmer
- Bernhard Kühnle, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
- Prof. Ulrike Arens-Azevedo, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
- NN, Vertreter aus der Praxis
- NN, Schulvernetzungsstelle
- Moderation: Birgit Keller, NDR Veranstalter: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMLEV)
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