Theater sind gute Lernorte

(ht) Theater für Kinder und Jugendliche meint schon lange nicht mehr nur "Alice im Wunderland" oder "Räuber Hotzenplotz". Starke Stücke, moderne Ästhetik, eigene Inhalte - damit fasziniert die Sparte das junge Publikum ebenso wie das erwachsene und beweist abseits der Bildungsmisere, dass die "Generation Zappen und Zappeln" sehr wohl bei einer Sache bleiben kann.

29.03.2005 Artikel
  • © Theater Metronom

Bühne frei. Der Ort: die Turnhalle einer Schule nahe Stuttgart. Ein Gastspiel des Theaterhauses Frankfurt. Gespielt wird "Stones", ein Stück nach einer wahren Geschichte: Zwei Jugendliche werfen Steine von der Brücke, ein Autofahrer stirbt. Vier Strahler umreißen die simple Bühne, deren Kulisse einzig aus einer Aluleiter besteht. Das multifunktionale Requisit wird im weiteren Verlauf zu Tunnel, Brücke, Verhörraum, harter Pritsche, Richterbank etc. Acht- und Neuntklässler sitzen um das Spielfeld. In rasantem Tempo erzählen zwei Schauspieler die Geschichte, atemlos und aufgeregt wie Jugendliche sind, zwischen totaler Größe, Taumel und "tierischer Angst". Sekundenschnell wechseln die Spieler ihre Rollen. Mal stellen sie die beiden 15-Jährigen dar, dann wieder mimen sie die Polizisten, die den Fall aufklären.

Stück für Stück wird das Geschehene aus verschiedenen Perspektiven nacherzählt und beleuchtet. Der Plot reicht bis zum Tag der Gerichtsverhandlung. Der Steinewerfer ist inzwischen nervlich zerstört. Kurz vor dem Richterspruch bricht die Aufführung ab. Keiner aus dem jungen Publikum geht. Offene Fragen zu Schuld, Nichtschuld und Strafmaß führen zu einer lebhaften Diskussion zwischen Zuschauern und Schauspielern. Das tatsächliche Urteil wird erst zum Schluss verraten. Es überrascht und gibt Einiges zum Nachdenken mit auf den Weg.

Bewegende Stoffe

Ein Beispiel unter vielen. Kinder- und Jugendtheater erzählen und inszenieren modern, packen schwierige Themen an, kommen sogar in Schulen, suchen die Auseinandersetzung mit dem Publikum und bewegen auch Erwachsene. Ein Blick auf die Spielpläne offenbart ein breites Spektrum und die Inszenierungen haben vielfach ernste Hintergründe: In der viel gespielten "Nebensache" geht es um das Schicksal eines Penners; in "Der Ball ist rund" vom Berliner Grips-Theater kommen "beziehungsreich" die Folgen der Globalisierung auf die Bühne; in "Spoonface Steinberg" von Lee Hall rückt die eigenartige, letztlich tödliche Krankheit eines Kindes in den Blick; in "Salto & Mortale" des Nürnberger Theaters Mummpitz verliert ein Clown sein Lachen und geht einen Pakt mit dem Tod ein.

Generationenübergreifend

"Unser Theater hat die gleichen Themen wie jedes andere Theater auch. Es zeigt und greift auf, was die Welt bewegt. Nur zeigt es dies aus spezifischer Perspektive der Kinder und Jugendlichen und macht diesen Blick öffentlich", so die Berliner Theaterwissenschaftlerin und Grand Dame der Kinder- und Jugendtheaterszene Prof. Dr. Christel Hoffmann. Nicht in den Inhalten, sondern im "gemischten Zuschauerraum" aus Erwachsenen und jungen Menschen sieht sie den eigentlichen Unterschied des Kinder- und Jugendtheaters zum etablierten Erwachsenentheater. "Theater der Generationen" lautet das Stichwort für das Konzept, das seit Mitte der 1980er-Jahre die Inszenierungen für junge Zuschauer prägt.

Die Stücke sind nicht nur auf die ausgewiesene Zielgruppe ausgerichtet: "Wir spielen unsere Stücke auch abends", betont Dieter Kümmel, Intendant des Freiburger Kinder- und Jugendtheaters. In seinem "Theater im Marienbad" finden sich viele Erwachsene unter den Besuchern. Kümmel hat - neben Qualität und Inhalt der Stücke - eine einfache Erklärung dafür: "Die künstlerische Verdichtung von Aussagen wird bei uns noch verstanden. Im Erwachsenentheater ist das häufig schwieriger."

Das Kinder- und Jugendtheater ist seit seinen Anfängen vor mehr als 30 Jahren eine eigene, selbstbewusste Gattung geworden: als eigene Sparte an großen Häusern, mit vielen freien Gruppen, eigenen Festivals und Preisen. So versteht es sich auch längst nicht mehr als verlängerter Arm selbstberufener Pädagogen, die mit antiautoritären Stücken über sexuelle Tabus oder gesellschaftliche Hierarchien die Kinder aufzurühren suchen.

Vielmehr rücken die Kunstformen des Theaters zunehmend ins Rampenlicht. So erlebt das Erzähltheater im Kinder- und Jugendtheater seine Wiederentdeckung, angereichert mit vielen sinnlichen Spielelementen. Ebenso modern in der Spielweise präsentiert sich das Puppen- und Figurentheater. Daneben stehen große Inszenierungen wie die des Romans "I Furiosi" von Nanni Balestrini, gemeinsam gestemmt vom Theaterhaus Stuttgart und dem jungen Theater Basel, bei denen 150 Personen auf der Bühne stehen. Oder es entstehen ganze Raumbühnen, die das Publikum zum Teil der Inszenierung machen, worauf sich etwa die Gruppe "Agora" um Marcel Cremer spezialisiert hat. Im Fall von "Schuluhr und Zeitmaschine" startete das Hamburger Profund Kindertheater e. V. sogar vorher in den Schulen eine als Videofilm mitgeschnittene Umfrage, um sie in die Aufführung mit einzubeziehen.

Die meisten Theater geben hierbei einen offenen Einblick in ihre Spielweise, lassen die Illusion des Stücks direkt vor Augen entstehen. Das öffnet - entsprechend der von Bertolt Brecht begründeten Theorie des epischen Theaters - zugleich die Ebene der Reflexion über das Dargestellte. In diesen offenen Angeboten, in den Szenen und Zeichen auf der Bühne einen Sinn zu entdecken, liegt das bildende Potenzial dieses kind- und jugendgerechten Theaters.

Lernort Theater

"Kinder und Jugendliche lernen hier Medienkompetenz", konstatiert Dr. Geesche Wartemann, Juniorprofessorin für Kinder- und Jugendtheater an der Universität Hildesheim. Sie verweist dabei auf die "Livesituation" und die "soziale Verbindlichkeit" des Theaters: "Im Theater kann man nicht um- oder abschalten. Erwartet werden Respekt vor den Schauspielern und Konzentration auf das Geschehen der Aufführung. Wenn dann noch die lustvolle Deutung einer Inszenierung hinzukommt, lernen die jungen Zuschauer für sich exemplarisch, eine komplexe Wirklichkeit zu entschlüsseln und mit Sinn zu versehen."

"Mut zu machen zum Leben", ist denn auch für Christel Hoffmann die entscheidende Aufgabe des Kinder- und Jugendtheaters. In Zeiten von Bildungsmisere, Kriegsgemetzel und Naturkatastrophen, die über den Bildschirm flimmern, brauche es Visionen und beispielhafte Haltungen. Dies verkörpert für sie das Stück "Niemand heißt Elise" vom Theater Metronom im niedersächsischen Visselhövede. Darin stöbert ein Kind in der Geschichte seiner Großeltern. So führt die Inszenierung in die Zeit zurück, in der Bahnwärter Lukas über die weitere Flucht entscheidet und damit über Leben und Tod von Elise. Mitgefühl und Mut sind gefragt und die Zuschauer erhalten eine unerwartete Antwort.

Doch trotz Einladungen nach Südkorea, Belgien und einer französischsprachigen Adaption von "Niemand heißt Elise": Dem Theater Metronom stehen wie vielen anderen freien Gruppen Sorgenfalten auf der Stirn. Auf Grund des Drucks, der von PISA ausgeht, streichen die Schulen immer öfter Theaterbesuche oder -einladungen. Metronom-Mitbegründer Andreas Goehrt kennt das leidige Manko: "Über unsere Stücke lassen sich leider nicht so leicht Klassenarbeiten schreiben."

Service

Vom Zuschauen zum eigenen Spiel
Der Ernst Klett Verlag gibt in Kooperation mit den Berliner Festspielen und dem ZDF-Theaterkanal die Theater-Reihe "Werkstatt Theater - Inszenierungskonzepte" heraus. In den ersten drei Bänden werden die Stücke vorgestellt, die 2004 zum "Theatertreffen der Jugend" eingeladen waren: "Penthesilea", "Heiligeisdorf" und "Männersache". Neben der Textvorlage finden sich auch methodisch-didaktische Hinweise zur eigenen Inszenierung mit Schülern in den Büchern.

Alle zwei Jahre findet das Deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen der professionellen Bühnen in Berlin statt. Auch dieses Jahr ist Berlin wieder Gastgeber dieses Treffens, das unter dem Motto "Augenblick mal" steht. Zur Aufführung kommen vom 27. April bis zum 2. Mai zehn Beispiel gebende Stücke.

Ansprechpartnerin

Prof. Dr. Geesche Wartemann
Institut für Medien- und Theaterwissenschaft
Universität Hildesheim
Domänenstraße 2
31144 Hildesheim
Telefon: 0 51 21-8 83-6 76
Fax: 0 51 21-8 83-6 71

Erstveröffentlichung:
Klett Themendienst


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