Uniformiert lernt sich's besser

(bikl) In Klassen mit einheitlicher Schulkleidung herrscht ein besseres Sozialklima und die Schüler sind aufmerksamer als in Vergleichsklassen ohne einheitliche Bekleidungsregelung. Das hat jetzt ein Team von Unterrichtsforschern der Justus-Liebig-Universität Gießen in einer empirischen Studie festgestellt. Die Unterschiede zeigen sich jedoch erst in höheren Klassen, wenn die einheitliche Schulkleidung bereits einige Zeit getragen wird.

26.08.2004 Artikel

Dazu haben die Psychologen im vergangenen Schuljahr in Hamburger Schulklassen geforscht. In der Haupt- und Realschule Sinstorf tragen Schüler mehrerer Klassen bereits seit einigen Jahren einheitlich farbige Oberteile und einheitliche Hosen. In einer Parallelschule wurden entsprechende Klassen ohne Kleiderregeln für die Untersuchung ausgewählt. Von den Ergebnissen war das Gießener Team selbst überrascht: In den höheren Klassen zeigt sich bei den Trägern einheitlicher Pullis ein besseres Sozialklima. Sie berichten, dem Unterricht aufmerksamer folgen zu können und sie legen mehr Wert auf ein Verständnis der Unterrichtsinhalte als die Vergleichsschüler. Ebenso deutlich war der Unterschied zu der Frage, welchen Stellenwert Schülerinnen und Schüler Kleidung und schicken Klamotten generell beimessen. Hier übertreffen die Vergleichsschüler die Träger der Schulkleidung deutlich.

Zehnjährige kennen im Durchschnitt zwölf Labels

Ein Ergebnis, das Lehrer und vor allen Dingen Eltern aufhorchen lassen wird. Denn wozu Mode- und Markenwahn führen, bekommen zumindest Eltern (und Kinder) oft genug schmerzlich zu spüren. Da wird schon mal die Butter auf dem Brot dünn gestrichen oder ganz eingespart, um die 150 Euro teuren Schuhe für den Filius bezahlen zu können. Und statt sich um ihre Mathe- oder Englischaufgaben zu kümmern, verteilen zwölfjährige Kinder Nachmittag für Nachmittag Prospekte für einen Sklavenlohn, bloß um klamottenmäßig mithalten zu können. Replay, Diesel, Chiemsee, Homeboy, Hilfiger, Fubu - Namen, die Kindern und Jugendlichen längst flüssig über die Lippen kommen, während Eltern auf Nachhilfe angewiesen sind, wollen sie in Sachen Jugendmode am Ball bleiben. Bereits Zehnjährige kennen im Durchschnitt zwölf Labels, ob sie wohl ebenso viele Schriftsteller, Gedichte, Titel der Weltliteratur oder - noch einfacher - Bundesländer nennen können? Aktuelle Studien lassen da wenig Optimismus aufkommen.

Manch einer, der beim unausgesprochenen Kleiderkodex nicht mithalten kann, nimmt sich das, was er so dringend zu brauchen glaubt, mit Gewalt. Bereits 1998 hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen herausgefunden, dass ein Drittel aller Neuntklässler in Hamburg Angst vor diesem so genannten Abziehen hat. Das heißt: Wer die angesagten Klamotten trägt, läuft auch Gefahr, beraubt zu werden. Markenträger gehen allerdings auch nicht immer zimperlich mit denen um, die sich diesem Wahn nicht anschließen können oder wollen. Die werden gern mal als Loser verspottet oder mit so netten Begriffen wie "Aldi-Kid" oder "Altkleidersammler" abgestempelt.

Überkommenen Traditionen

Doch auch die Gegner und Kritiker von Schuluniformen haben gute Argumente. Dabei haben sie es leicht, legt doch allein die Wortwahl "Uniform" schon den Vergleich zu militärischem Gehorsam nahe. Und schließlich will niemand zu überkommenen Traditionen zurückkehren. Dabei war Schuluniform in Deutschland nie wirklich Thema oder gar Pflicht, obwohl sie im Laufe der Jahrhunderte von Lehrern und Erziehern mit unterschiedlichen pädagogischen Zielrichtungen immer wieder gefordert wurde. Zum Beispiel, um die gesellschaftlichen Hierarchien zu verdeutlichen oder das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Während der Gründerzeit wurden Schülermützen modern, die Auskunft gaben über Schule und Klassenstufe. Bereits zum Schulanfang setzte man den Jungen Kappen und den Mädchen kleine Hüte auf. Gymnasiasten trugen farbige Mützen, die sie im Straßenbild von den Volksschülern und Lehrlingen abhoben. Die Farben wechselten von Schule zu Schule, von Stadt zu Stadt. Bunte Streifen zeigten den Klassenfortschritt an und blamierten diejenigen öffentlich, die sitzen geblieben waren. In den 30er-Jahren verschwanden dann die Schulmützen aus dem Stadtbild. An ihre Stelle trat mit HJ- und BDM-Einheitskleidung die nationalsozialistische Uniformierung der Jugend, die allerdings nicht auf die Schule beschränkt war. Mag sein, dass wegen dieser Assoziation vielen beim Thema Schuluniform mulmig wird. In der Praxis allerdings könnte etwas anderes schnell zum Problem werden: Wie lässt sich überhaupt durchsetzen, dass alle Schüler sich an die Kleiderordnung halten? Durch Kontrolle oder Sanktionen - gehört das etwa in den Topf moderner Erziehungsvorstellungen? Schließlich argumentieren Befürworter der Schulkleidung doch damit, Kindern zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen, weil sie sich nicht durchs Haben sondern durchs Sein definieren. So gestärkt könnten sich die Kleinen dann aber auch dem Gruppendruck Schulkleidung ganz selbstbewusst entziehen. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist.

Kleidung allein reicht nicht aus

Klar ist, dass sich nicht von heute auf morgen etwas einführen lässt, was in England oder Japan auf eine Jahrhunderte lange Tradition zurückgeht. Und niemand wird so naiv sein, zu glauben, dass ein einheitlicher Schuldress die vielfältigen Probleme in Schule, Elternhaus und Gesellschaft lösen wird. Das wissen auch die Giessener Wissenschaftler "Eine solche Interpretation unserer Befunde wäre überzogen", erklärt der Leiter des Projekts, Dr. Oliver Dickhäuser: "Es ist naiv zu glauben, dass lediglich ein einheitlich farbiger Pulli diese Probleme in deutschen Klassenzimmern löst. Auch unsere Untersuchung zeigt nicht eindeutig, dass es die Schulkleidung ist, die die Unterschiede zwischen den Klassen bewirkt." Damit einheitliche Bekleidungsregeln zum gewünschten Erfolg führen, bedürfe es zusätzlich engagierter Lehrkräfte sowie natürlich einer von diesem Konzept überzeugten Eltern- und Schülerschaft. Wenn diese Faktoren vorliegen, dann gehe wie in Hamburg am Ende die Rechnung vermutlich positiv auf.

"Eine Schulklasse, die es schafft, ein WIR zu sein, ist für die Kinder der beste Platz zum Lernen. Jedes Kind darf dort entspannt es selbst sein, aber es kann sich auch keines hinter der Finanzkraft seiner Eltern verstecken", schrieb Karin Brose jüngst in der Hamburger Morgenpost. Sie ist Studienrätin an der Haupt- und Realschule Sinstorf. Über das Projekt Schulkleidung berichtet sie ausführlich auf ihrer Website: Schulkeidung.

Weiterführender Link

Psychologie Uni Gießen
Pressemitteilung des Projekts
Das Hamburger Modell


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