Didacta-Themendienst

„Unterrichtsbesuche sind keine Examensprüfungen“

Referendare sind Lernende und Lehrende zugleich. Diese Doppelrolle nehmen sie insbesondere bei Unterrichtsbesuchen ein, bei denen sie als Lehrkraft vor der Klasse stehen – unter den Augen ihrer Ausbilderin oder ihres Ausbilders. Der Gesamtschullehrer und Lehrbeauftragte an der Universität Duisburg-Essen Frank Nix glaubt, dass sie sich dabei häufig zur sehr unter Druck setzen.

08.12.2016 Bundesweit Artikel Pia Behme
  • © Frank Nix Als Fachleiter für Mathematik und Technik begleitet Frank Nix Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter seit 13 Jahren durch das Referendariat.

Herr Nix, warum sind Unterrichtsbesuche Stresssituationen für Referendare?

Die meisten Referendare betrachten einen Unterrichtsbesuch als vorgezogene Examensprüfung. Es ist oft das erste Mal, dass sie als Lehrkraft unter Beobachtung stehen, und dann wird das auch noch benotet. Deswegen setzten sie sich stark unter Druck. Auch, weil sie häufig erst dann eine Stelle bekommen, wenn sie beim späteren 2. Staatsexamen die Bestnote erreicht haben. Die Einstellungssituation ist schwierig: Die Bundesländer haben eine Ausbildungspflicht, aber keine Einstellungspflicht. Das heißt, es kann Zeiten geben, in denen deutlich mehr Referendare ausgebildet, als Lehrer gebraucht werden und andersherum. Unterrichtsbesuche sind aber gar keine Prüfungen. Das kann man Referendaren nur nicht so leicht vermitteln, weil es dafür Noten gibt.

Wie können sich Referendare auf einen Unterrichtsbesuch vorbereiten? 

Zunächst sollte man vorher die Erwartungen klären: Was möchte mein Ausbilder überhaupt von mir sehen? Was versteht mein Fachleiter unter gutem Unterricht?  Dann sollte man natürlich mit der Schule darüber sprechen, welche Lerngruppe sich für den Unterrichtsbesuch eignet und welche Räumlichkeiten genutzt werden können. Man kann eigentlich gar nicht früh genug damit anfangen, aber spätestens drei Wochen vor dem Unterrichtsbesuch sollte man mit der konkreten Vorbereitung beginnen. Sehr wichtig ist die Terminabsprache. Da kommen Referendare häufig in Zeitnot, weil auch die Fachleiter nur zeitlich begrenzt zur Verfügung stehen. Die sind ja alle selbst Lehrer. In Nordrhein-Westfalen muss man fünf Unterrichtsbesuche pro Fach absolvieren. Wenn man zu lange mit der Vereinbarung der Termine wartet, kann es zum Ende hin eng werden.

Wie haben sich Unterrichtsbesuche in den letzten Jahren verändert? 

Ich selbst habe in meiner Zeit als Referendar vor allem positive Erfahrungen gemacht. Aber aus meinem Jahrgang gibt es viele, die Unterrichtsbesuche äußerst negativ erlebt haben. In den 90er Jahren war noch diffus, was eigentlich erfolgreicher Unterricht ist. Deswegen hat man sich eher daran orientiert, welche Methode der Fachleiter vorgeschlagen hat und es dann genauso gemacht. Heute gibt es konkrete Vorstellungen davon, was guter Unterricht ist, und zwar nicht an Methoden gebunden, sondern an Faktoren: Zum Beispiel an das Feedback der Schüler zu ihrem Lernerfolg oder an die Zieltransparenz und die Klarheit von Abläufen. Diese Kriterien sind heute viel deutlicher und die Referendare können besser einschätzen, was erwartet wird. Außerdem ist es zumindest etwas klarer geworden, dass ein Unterrichtsbesuch eine Beratungssituation ist, keine Prüfung.

Sehen Sie denn noch Verbesserungsbedarf?


Ich finde es schwierig, dass Unterrichtsbesuche beratenden und gleichzeitig bewertenden Charakter haben. Das sollte komplett getrennt werden. In prüfungsartigen Unterrichtsbesuchen sollte es nur um die Noten gehen. In beratenden Unterrichtsbesuchen sollte dagegen besprochen werden, was bereits gelungen ist und wo sich der Referendar weiterentwickeln sollte – ganz ohne Noten. Lehramtsanwärter müssen diese Unterrichtsbesuche ja machen. Das heißt, sie lassen sich von mir nicht freiwillig beraten und werden dann obendrein noch benotet. Das führt dazu, dass sie sich nicht so leicht auf eine Beratung einlassen können. Mir hat mal ein Referendar gesagt: „Ich muss doch meine Stunde verteidigen!“ Das hat mir wieder gezeigt, dass oft nicht richtig verstanden wird, was ein Unterrichtsbesuch ist. Wer nur seine Stunde verteidigen will, kann sich nicht auf gemeinsame Überlegungen einlassen, wie man sie anders hätte halten können.

Über Unterrichtsbesuche spricht Frank Nix auch auf der didacta 2017 in Stuttgart:

Schule/Hochschule

Forum Unterrichtspraxis
Wenn der Fachleiter kommt… - so wird der Unterrichtsbesuch ein Erfolg
Frank Nix, Seminarausbilder am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Essen, Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen
15. Februar 2017
12:00 bis 13:00 Uhr
Halle 1, Stand E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Lehrer motivieren Schüler…Aber wer motiviert die Lehrer?
Werner Gratzer, Schulleiter der Hans-Herrmann-Hauptschule Regensburg, Lehrbeauftragter an der Universität Regensburg
14. Februar 2017
15:00 bis 16:30 Uhr
Halle 1, Stand E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Berufliche Bildung/Qualifizierung

Forum Berufliche Bildung
Podium: Fit für den Beruf: Schule im Zeitalter der Digitalisierung
Darüber diskutieren:

  • Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg
  • Michael Futterer, stellvertretender GEW-Landesvorsitzender
  • OStD Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.
  • Rainer Lupschina, Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen

15. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Forum Berufliche Bildung
Lebenswelten von Jugendlichen verstehen
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Hertie School of Governance
15. Februar 2017
15:30 – 16:30 Uhr
Halle 6, Stand D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Am 15. Februar 2017 ist Referendarstag auf der didacta – die Bildungsmesse. Die ausstellenden Verlage auf der didacta in Stuttgart richten am Messe-Mittwoch mehr als 50 Veranstaltungen als kostenlosen Service für Referendarinnen und Referendare aller Fächer und Schularten aus. Eine Teilnahme ist im Rahmen der Messe kostenlos und ohne Anmeldung möglich. Mehr Infos: www.bildungsmedien.de/referendarstag.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2017 finden Sie unter www.messe-stuttgart.de/didacta.

Information für Redaktionen:
Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die entsprechenden Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2017 finden Sie in unserem Dossier.


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