Baden-Württemberg

VBE: Elterngespräche zur Grundschulempfehlung schon ab der ersten Klasse erhöhen Druck auf Kinder

Die Aussage des Landeselternbeiratsvorsitzenden, Christian Bucksch, mit dem "Beratungsverfahren zur Grundschulempfehlung" bereits in der ers­ten Klasse zu beginnen, hat beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) großes Kopfschütteln und Unverständnis hervorgerufen.

16.02.2011 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Sicher müsse Elternberatung früh einsetzen und regelmäßig durchgeführt wer­den, unterstreicht VBE-Chef Gerhard Brand, aber es sei wohl etwas daneben, die Grundschulempfehlung, die über den Grundschülern - und vor allem über deren Eltern - wie ein permanent präsentes Damoklesschwert hänge, bereits ab der ersten Klasse zum Leitthema in Lehrer-Eltern-Gesprächen zu machen. Ziel aller Bemühungen während der Grundschulzeit dürfe nicht sein, dass das Kind eine Bildungsempfehlung für das Gymnasium erhalte, koste es, was es wolle. Nach Auffassung des VBE fängt der Mensch nicht erst beim Gymnasiasten an. Auch sei die Bildungsempfehlung für das Gymnasium kein Garantieschein für ein bestandenes Abitur. Vor diesem "Traumziel" würden acht arbeitsintensive Schuljahre liegen.

In Baden-Württemberg gibt es unter dem Motto "Kein Abschluss ohne An­schluss" verschiedene anerkannte Wege zum Abitur - etwa über die beruflichen Gymnasien im Anschluss an eine mit guten Noten abgeschlossene Realschule, Werkrealschule, zweijährige Berufsfachschule oder Lehre. Mittlerweile erreicht jeder Zweite die Studierfähigkeit nicht auf dem "geraden" Weg über das allge­mein bildende Gymnasium (G8). Dieser direkte Weg zur Reifeprüfung ist nicht für jedes Kind der beste, vor allem wenn der Schüler das Klassenziel stets nur mit Ach und Krach und ständiger Nachhilfe erreicht. Schulisch permanent überforderte Kinder sind frustriert, haben keine Freude am Lernen mehr und gefährden mit ständigen Streitereien über die zu große Stofffülle, zu schwierige Hausaufgaben und verhauene Klassenarbeiten den Familienfrieden.

Durch zu großen Ehrgeiz erliegen manche Eltern der Gefahr, Schulversager zu produzieren. Eltern sollten sich, so Brand, nicht von ihren eigenen unerfüllten Karriereträumen oder von einem am Abitur ausgerichteten Prestigedenken leiten lassen, sondern sich ausschließlich an der Begabung des Kindes und dessen schulischer Leistungsfähigkeit orientieren. Auf keinen Fall sollten sie auf die vermeintlich unendliche Leidensfähigkeit des Schülers vertrauen.

Als ärgerlich empfinden es viele Pädagogen, dass die Grundschulzeit von der "Jagd nach der richtigen Bildungsempfehlung" überschattet wird. Dies verhin­dert ein gelassenes und damit effizientes Arbeiten und Lernen und erhöht den Druck auf Grundschüler. Schlafstörungen und Verhaltensauffälligkeiten sind häufig die Folge.

Die Grundschule ist kein Vorgymnasium, sondern eine eigenständige Schulart mit einem klar definierten Bildungsauftrag. Die Lehrer wünschen sich wie die meisten Eltern auch, dass die Freude, die Neugier, die Spannung und die Begeisterung der Kinder bei der Einschulung recht lange erhalten bleiben.

Eltern sind nach Einschätzung des VBE vor allem dann unzufrieden und fordern die Freigabe der Schulartenwahl, wenn die Grundschulempfehlung für das Kind ausschließlich den Besuch der Hauptschule/Werkrealschule zulässt, was zuletzt landesweit bei jedem vierten Viertklässler so gewesen ist.


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