VBE: Inklusion von Schülern mit Behinderungen kann nur dann gelingen, wenn an Schulen mehr Experten sind

Ungeachtet der zum Teil kompromisslos geforderten sofortigen Integration von Schülern mit (Schwerst-)Behinderungen möchte der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg eher den pragmatischen Weg verfolgen, der Inklusion vorsieht, wo immer dies von den Ressourcen mög­lich und machbar ist, der aber auch weiterhin spezielle Fördermöglichkei­ten in unterschiedlichsten Sondereinrichtungen garantiert.

27.10.2009 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Nach Auffassung von Uschi Mittag, der Referatsleiterin Sonderschulen im VBE, würden durch die völlige Abschaffung von Förderschulen, Sprachheilschulen und Schulen für Erziehungshilfe Lücken in der Förderung entstehen, die die all­gemeinen Schulen trotz einer Beteiligung von Sonderpädagogen nicht auffangen könnten. Außerdem gingen Reha-Ansprüche verloren, die Kinder dringend be­nötigen, um langfristig in die Gesellschaft integriert zu werden. Ein Rechtsan­spruch auf Inklusion, der u. a. von den Bündnis-Grünen gefordert wird, würde bedeuten, dass ausschließlich die Eltern bestimmen können, wo ihr Kind be­schult werden soll.

Mittag hält die Aussage für falsch, dass eine Sprach- oder Lernbehinderung re­spektive ein Förderbedarf im Bereich der Erziehungshilfe keine Behinderungen, sondern lediglich Lernbeeinträchtigungen seien und man daher diese Sonder­schulen ganz abschaffen und stattdessen die sonderpädagogische Kompetenzen der Lehrer in die allgemeinen Schulen verlagern könne. Mit Vehemenz wehrt sich die VBE-Referatsleiterin gegen die Aussage von Wissenschaftlern, die sa­gen, dass Förderschüler in einer Regelschule mehr lernen würden und Förder­schulen daher gar nicht notwendig seien. "Es ist erwiesen", so Mittag, "dass der Intelligenzquotient (IQ) - noch dazu mit antrainiertem Wissen - für das spätere Leben weniger von Bedeutung ist als der Emotionale Quotient (EQ). Schüler, die sich im Griff haben und sich der Situation entsprechend angemessen verhal­ten können, haben wesentlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt." Es sei bei aller berechtigter Kritik an der augenblicklichen schulischen Situation nicht von Vorteil, wenn man einfach "eine Prise Sonderpädagogik über die allgemei­nen Schulen streut" und dann glaube, dass alles besser werde, empört sich Uschi Mittag zu recht.

Sonderschullehrkräfte benötigen große fachliche und empathische Kompetenzen sowie diagnostische, beratungstechnische und systemische Kenntnisse. In der Konzentration der Fachlichkeit liegen viel mehr konstruktive Möglichkeiten.

Sonderschulen führen Kinder, die im Regelsystem keine Chance gehabt hätten, zu Abschlüssen. Sie bauen Schüler auf, deren Selbstwertgefühl in der Regel­schule verloren gegangen ist. "Wenn alle Kinder von heute auf morgen voll inte­griert und gleichzeitig zieldifferent unterrichtet werden sollten, brauchten die Schulen entweder Superpädagogen oder einen ganzen Stab von Fachleuten für jede einzelne Klasse", versichert die VBE-Sonderschulexpertin.


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