VBE moniert: Neue Werkrealschule plant Scheitern von Schülern nach fünf Jahren als "Option" fest ein
Bei den zurzeit landauf, landab stattfindenden Auftaktveranstaltungen zur Werkrealschule wird besonders betont, dass es sich bei dieser Schulart um einen völlig neuen, durchgängigen, auf sechs Jahre angelegten Bildungsweg mit dem Ziel der Mittleren Reife handle. Gleichzeitig bestehe jedoch die "Option", nach lediglich fünf Jahren mit dem traditionellen Hauptschulabschluss vorzeitig abzugehen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg hält diese Argumentationskette für nicht schlüssig.
30.06.2010 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-WürttembergWürde nämlich der Hauptschulabschluss als erstes Etappenziel von allen Werkrealschülern angesteuert, dann wäre der neue, auf sechs Jahre angelegte Bildungsgang eben nicht in sich geschlossen. Nimmt man die Mittlere Reife jedoch als reguläres Ziel der Werkrealschule, wird jedem Abbrecher nach fünf Jahren mit dem Hauptschulzeugnis das Versagen an der neuen Schulart bescheinigt.
Bei der Einführung der alten Werkrealschule wurde prognostiziert, dass rund ein Viertel eines Hauptschülerjahrganges die zehnte Klasse draufsattelten, um einen mittleren Abschluss zu erreichen. Diese Zahl, die sich in der Praxis bewahrheitet hatte, dürfte sich nach Auffassung des VBE mit der neuen Werkrealschule nicht wesentlich nach oben verändern, falls sich die Qualität des Abschlusses am Ende der zehnten Klasse nicht deutlich nach unten bewegen sollte.
Wenn das Kultusministerium die neue Schulart jetzt neben Realschule und Gymnasium etabliert, heißt das, dass das Ministerium billigend in Kauf nimmt, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz dieser Schüler das Ziel der neuen Werkrealschule nach sechs Schuljahren nicht erreicht, weil die Jugendlichen permanent überfordert sind. Jeweils zwei Stunden Wahlprofilfächer in den Klassen 8 und 9 machen aus Hauptschülern keine Jugendliche, die plötzlich die Mittlere Reife schultern, denn die berufliche Orientierung, die Zusatzstunden in Deutsch und Mathematik in den Klassen 5 und 6 sowie die Kompetenzanalyse AC in Klasse 7 gab und gibt es bereits in der Hauptschule. Das sind keineswegs Errungenschaften der neuen Werkrealschule, wie es gerne heißt.
Die Zahl der "Schulabbrecher" in der neuen Schulart Werkrealschule (nach fünf Jahren Werkrealschule) muss also zwangsläufig höher sein als in anderen Schularten, nicht weil die Schüler schlechter sind, sondern weil das Kultusministerium dies bewusst einkalkuliert.
Da sozusagen per Erlass bereits bei der Schulaufnahme in der fünften Klasse der Werkrealschule das vorzeitige Ausscheiden von Schülern mit eingeplant wird, könnte man im Prinzip ebenso gestatten, dass diese Kinder sich zum Bildungsgang "Hauptschule" an einer Realschule oder gar an einem Gymnasium anmelden. Bereits heute erwirbt ein Gymnasiast oder Realschüler durch Versetzung von Klasse 9 nach 10 automatisch den Hauptschulabschluss.
Eine Anmeldung des Kindes mit der Grundschulempfehlung "Werkrealschule" an einer "echten" Realschule ist Eltern nicht gestattet, obwohl beide Schularten die Mittlere Reife als Abschluss anbieten.
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