VBE zur Schulstrukturdebatte: Das Etikett kann man auswechseln, die Schüler und deren Probleme bleiben

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg begrüßt, dass im Stuttgarter Landtag am Donnerstag über die Schularten diskutiert wird und man sich Gedanken über die Hauptschule macht, die nur selten eine starke Lobby hinter sich hat. In die Hauptschule gehen Schüler (und bisweilen sogar Lehrer) gezwungenermaßen, moniert VBE-Chef Rudolf Karg. Diese Schulart werde in der heutigen Zeit nicht als echte Angebots­schule, sondern nur noch als eine "Not- oder Zwangslösung" angesehen.

23.05.2007 Baden-Württemberg Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Seit Jahren versuchen Bildungspolitiker die Hauptschule "aufzuwerten" und zu stärken - bisher ohne spürbaren Erfolg. Das Gegenteil von dem, was man errei­chen wollte, sei sogar eingetreten, stellt der VBE-Chef mit Bedauern fest. Wech­selten früher 70 Prozent eines Schülerjahrgangs auf die Hauptschule, so ist es heute gerade einmal ein gutes Viertel. Von den Grundschulempfehlungen her ist das Gymnasium zur "Haupt"-Schule geworden. Waren es früher lediglich die Schüler und deren Eltern, die einen großen Bogen um die Hauptschule machten, meiden jetzt auch angehende Lehrkräfte diese Schulart. "Die wenigsten Berufs­anfänger wollen an die Hauptschule, wenn sie nicht müssen", versichert Karg.

Die Hauptschule krankt daran, dass ihr die gesellschaftliche Anerkennung ver­sagt wird. Jeder beteuert zwar, wie wertvoll diese Schulart im gegliederten Schulwesen sei, schickt aber das eigene Kind in den seltensten Fällen dorthin. Die Hauptschule ist immer nur die Schule für die anderen. In den Augen vieler scheint die Hauptschule nicht mehr zeitgemäß zu sein, gilt als Relikt aus alten Tagen, als diese noch für die Mehrzahl der Schüler da war und den Grundstein gelegt hatte für eine solide Lehre im "goldenen Handwerk" und den dann mögli­chen Meisterprüfungen.

"Das Image der Hauptschule ist im Keller, obwohl die Lehrer hervorragende Ar­beit leisten", bedauert der Vorsitzende des gewerkschaftlichen Berufsverbandes VBE, welcher vornehmlich Pädagogen aus dem Bereich der Grund-, Haupt-, Real- und Sonderschulen vertritt.

Manche Bildungsexperten sehen in der Zusammenlegung von Realschule und Hauptschule einen Ausweg aus der Misere, andere in der Verlängerung der Zeit des gemeinsamen Lernens in der Grundschule. Eine Erfolgsgarantie gibt es nach Auffassung des VBE für beide Maßnahmen nicht. Es sei irrig zu glauben, dass in einer Gemeinschaftsschule alle Schüler gleich gute Ergebnisse erzielen könn­ten, dass dort keine "Selektion" stattfinden würde. Die unterschiedliche Förde­rung durch das Elternhaus, die Binnendifferenzierung im Unterricht, verschie­dene Kurse mit unterschiedlichen Anforderungen und Zeugnisnoten, individuel­le Begabungen, Abneigungen und Interessen lassen auch da bei der Schüler­schaft ein breites Spektrum des Erfolgs oder Misserfolges zu.

Sogar in der neu konzipierten Grundschule findet durch die unterschiedliche Verweildauer der Kinder in der jahrgangsgemischten Eingangsstufe "Selektion" statt: Das eine Kind kommt schon nach einem Jahr in die dritte Klasse, ein an­deres benötigt dafür drei Jahre.

Schüler mit Sprachschwierigkeiten bedürfen einer gesonderten intensiven För­derung, ganz gleich ob sie sich nun Grund-, Haupt- oder Sekundarstufenschüler nennen. Eine Zusammenlegung der Haupt- und Realschule bringt zwar den Hauptschülern eine Imageaufwertung, führt jedoch nicht automatisch zu besse­ren Leistungen in Deutsch, Mathematik und Englisch. Ist aber ein Realschüler in Sport, Musik und Kunst leistungsmäßig wirklich per se besser als dessen Kum­pel an der Hauptschule, der nur deshalb dort gelandet ist, weil er gegen Ende der vierten Klasse nicht den erforderlichen Notendurchschnitt in Deutsch und Ma­thematik vorweisen konnte? Insofern wäre ein gemeinsames Unterrichten von Haupt- und Realschülern in Nicht-Hauptfächern sicher keine schlechte Lösung, und das nicht nur wegen des besseren sozialen Lernens in einer gemischten Gruppe. Die Argumentation jedoch, dass ein guter Mathematiker fachlich von einem schwächeren Klassenkameraden etwas lernen kann, erscheint Eltern und Lehrern von Realschülern zu Recht nicht ganz schlüssig und würde in letzter Konsequenz auch das differenzierte Sonderschulwesen in Baden-Württemberg infrage stellen. Dass beide Schüler vom gemeinsamen Lernen menschlich pro­fitieren, steht außer Frage.

Nicht der Brief der "rebellischen" Rektoren aus Oberschwaben, sondern die Ab­stimmung der Eltern und deren Kinder mit den Füßen hat die Totenglocke der Hauptschule in Gang gesetzt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Hauptschule endgültig stirbt, selbst wenn das Land an der Dreigliedrigkeit fest­halten sollte, glaubt man beim VBE. Die wenigsten werden der Hauptschule nachweinen. Die Schüler des Bildungsganges "Hauptschule" gibt es jedoch auch weiterhin. Man könne zwar das Etikett überkleben, nicht aber die Schülerper­sönlichkeiten auswechseln. Um die müsse man sich auch künftig pädagogisch intensiv bemühen, ganz gleich wie sich diese Schüler nun nennen dürfen, mahnt der VBE-Vorsitzende.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden