Politische Bildung

Verdrehte Kritik am Schulbuch

(red) - In der politischen Analyse der öffentlichen Meinung zum Nahost-Krieg hat Gideon Böss in [welt.de](http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13619194/Veraltet-verdreht-und-voellig-einseitig.html) hierzulande u.a. Schulbuchverlage als Urheber für das schlechte Image des israelischen Staates ausgemacht. Der Vorwurf gibt Anlass, die Kritik von Böss unter die Lupe zu legen.

22.09.2011 Artikel

Ausgangsthese des Autors ist ein in sich widerspruchsfreies Israel auf demokratischer Basis, für den Nahen Osten beispielhaft organisiert und herausragend in seinem technologischen Output. Fazit: Alles in Butter.

Unverständlich für den Autor, dass trotzdem die Mehrheit der Deutschen die Rolle Israels im Konflikt mit den Palästinensern mit Sorge und bisweilen auch kritisch sieht. Eine israelkritische Haltung, die uns Deutschen in die Wiege gelegt wurde? Nein, aber wenige Jahre später durch Schulbücher indoktriniert, die einen einseitigen Blick auf den Krisenherd vermitteln. Nachdem er dieses Übel ausgemacht hat, holt der Autor die Keule der Pauschalisierung aus dem Schrank und erkennt Werke voller "historischer Fehler und Verdrehungen", "systematischer" Falschdarstellungen der Palästinenser als Opfer und der Israelis als berechnende Täter.

Die kritisierten Geschichtsbücher machen in der Tat genau derartige Schwarz-Weiß-Malerei erkennb- und analysierbar und leiten die Lernenden zum reflektierten Umgang mit Geschichte an, sie lassen deshalb in ausgewiesenen Quelltexten die gegensätzlichen Positionen zu Wort kommen. Kriterien für die Auswahl sind in diesem Zusammenhang die "Kontroversität" und die von Böss kritisierte "Multiperspektivität" der Lehrtexte.

Damit befinden sich die Schulbuchverlage auch in dem erforderlichen Einklang mit den Lehrplänen der Schulministerien, etwa den bayerischen: "Der Nahostkonflikt, seine Ursachen und möglichen Lösungen werden weltweit höchst unterschiedlich beurteilt; dasselbe gilt für die amerikanische Außenpolitik, die im Mittelpunkt des zweiten Themenstrangs steht. Beide Themen wurden gerade auch deshalb ausgewählt, weil sie Diskussionen provozieren und emotionale Reaktionen hervorrufen können – nicht nur in den Medien, sondern auch in den Elternhäusern der Schüler, in Lehrer- und Klassenzimmern. Die unterschiedlichen Sichtweisen sollten nicht harmonisiert oder gar verschwiegen werden, sondern dürfen durchaus Gegenstand des Unterrichts sein. Die Lehrkraft wird bei diesen Themenfeldern aber in besonderem Maße bemüht sein, unterschiedliche Perspektiven wertfrei gegenüberzustellen und durch hohe Sachkompetenz den u. U. von Vorurteilen und fehlender Sachinformation geprägten Haltungen der Schüler zu begegnen." (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München)

Das beschreibt einen den modernen Demokratien angemessenen Konsens zur Vermittlung von historischen Ereignissen, ein Verfahren, das ja übrigens auch in Israel nicht unüblich zu sein scheint. Denn auch dort äußern sich zahlreiche und namhafte Stimmen, die in einer einäugigen Betrachtung der Historie und in Ausgrenzungen keinerlei Perspektiven sehen.


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