Viel Rhetorik, aber wenig Unterstützung
Ganztagsangebote in Bayern sind aus Sicht des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) mangelhaft ausgestattet, die erfolgreiche Umsetzung ist nur mit einem hohen Zusatzaufwand an Organisation und Improvisation möglich. Das Kultusministerium unterstützt Schulleiter und Lehrkräfte nur wenig, bürdet ihnen aber eine hohe Verantwortung auf.
09.11.2011 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Dieser Verantwortung können die Kollegien angesichts der miserablen Voraussetzungen kaum gerecht werden", bilanzierte BLLV-Präsident Klaus Wenzel heute in München. "Ganztagsschule in Bayern" meint häufig nur offene Angebote einzelner ganztägig geführter Gruppen, die neben den Regelklassen bestehen. "Mit echten Ganztagschulen haben sie wenig zu tun", sagte Wenzel. Nur 4 bis 5% aller bayerischen Schüler besuchen derzeit eine echte, d.h. gebundene Ganztagsklasse. In offenen Ganztagsangeboten werden die Schüler nachmittags lediglich betreut - häufig von 400-Euro-Jobbern. Sie sind weder pädagogisch geschult, noch bringen sie Erfahrung oder Profession mit. Die Schulleitungen sind auf sie angewiesen, denn ihr Budget ist zu gering, um Fachpersonal rekrutieren zu können. In kleineren Kommunen ist geschultes Personal zudem Mangelware. An den Gymnasien und Realschulen gibt es bis heute kaum gebundene Ganztagsangebote, obwohl das Gymnasium faktisch ein Ganztagsbetrieb ist - ausgestattet aber nach Maßstäben einer Halbtagsschule. Wenzel bezeichnete dies als skandalös und als Zumutung für Lehrer und Schüler. "Ich habe den Eindruck, dass Leiter von Ganztagsklassen etwas umsetzen müssen, für das es außer Rhetorik wenig Unterstützung gibt, weil es im Grunde nicht gewollt ist."
Die vom Bayerischen Kultusministerium bevorzugte Variante der offenen Ganztagsklassen ist aus Sicht Wenzels eine "Billiglösung". Sie sei aber besser als nichts. Denn: bereits in offenen Ganztagsklassen ließen sich positive Veränderungen feststellen. "Lehrerinnen und Lehrer berichten von einem verbesserten Schulklima und von Erfolgen bei vorher leistungsschwachen Schülern. Sie wünschen sich deshalb auch einen bedarfsgerechten und vor allem weiterführenden Ausbau. Sie wissen, dass viele Eltern, die gerne einen Platz für ihr Kind hätten, abgewiesen werden müssen."
Gleichzeitig berichten sie aber auch davon, dass es zu wenige geeignete Räume gibt, dass es an großzügig gestalteten Gemeinschafts- und Aufenthaltsräumen sowie an Lernorten für kleinere Gruppen mangelt. Sie beklagen, dass Personal fehlt und es zu wenig Lehrer- und Anrechnungsstunden gibt. Sie wissen: Ohne ihren Einsatz würde es nicht funktionieren. Ihre Mehrbelastung ist erheblich: So müssen Übergaben besprochen, individuelle lernstandsspezifische Informationen weitergegeben, Schülerbeobachtungen angesprochen und externes Personal betreut werden. "Dies alles wird derzeit zusätzlich und zum Nulltarif geleistet", betonte Wenzel.
Ein besonderes Problem stellt die Anwerbung von Honorarkräften dar: "Weil es nicht genügend Geld gibt, müssen die Schulleitungen auf 400-Euro-Kräfte zurückgreifen, die die offenen Ganztagsklassen nachmittags mitbetreuen", informierte der Leiter der BLLV-Rechtsabteilung, Hans Peter Etter. Ihnen fehle aber häufig die pädagogische und methodische Kompetenz, obwohl gerade die gefragt sei, vor allem dann, wenn sich die Schule in einem sozialen Brennpunkt befinde. Oftmals seien sie auch der pädagogischen Situation nicht gewachsen. "Für viele Schulleiter ist es beinahe unmöglich, geeignetes Personal zu finden, außerdem ist die Fluktuation sehr hoch", erklärte er. "Die Leidtragenden sind nicht zuletzt die Schüler, denn sie müssen die häufigen Wechsel ihrer Bezugspersonen verkraften." Fragen der Aufsichtsverantwortung würden oft ausgeblendet. "Im Ernstfall haftet der Schulleiter. Er muss das Unmögliche schaffen, nämlich Ganztagsklassen mit völlig unzureichenden Mitteln optimal ausstatten. Das Kultusministerium macht ihn für alles verantwortlich und zuständig, gibt ihm aber nicht die dafür nötigen finanziellen und zeitlichen Ressourcen an die Hand. Viele Schulleiter sind regelrecht verbittert. Sie werden krank oder fühlen sich bis an die Grenze der persönlichen Belastbarkeit ausgenutzt", schilderte Etter.
Hinter dem Begriffswirrwarr um das Thema Ganztagsschule vermutet Wenzel Methode: "Da ist die Rede von offenen, gebundenen, rhythmisierten, geschlossenen oder echten Ganztagsschulen oder -klassen. Was sich dahinter verbirgt, kann der Laie kaum noch durchschauen. Der Verdacht drängt sich auf, dass dies beabsichtigt ist, denn so lassen sich Zahlen über den tatsächlichen Ausbau von Ganztagsschulen in Bayern leichter verschleiern. Fakt ist jedoch, dass gerade einmal vier bis fünf Prozent aller bayerischen Schüler in den Genuss gebundener Ganztagsklassen kommen. Klassen also, die ganztägig geführt werden, in denen sich Unterrichts-, Lern- und Freizeitphasen über den Tag verteilt abwechseln und die Hausaufgaben in der Schule erledigt werden, so dass die Schüler Kinder nach der Schule tatsächlich frei haben. "Eine Variante, die der BLLV stets favorisiert hat, weil sie pädagogisch sinnvoll ist und ihr positiver Effekt von unzähligen Studien belegt ist." Aus Sicht des BLLV auch zentrale Voraussetzung für ein gelungenes achtjähriges Gymnasium. Ohne entsprechende finanzielle, räumliche und organisatorische Ausstattung kann aber weder die eine noch die andere Variante erfolgreich umgesetzt werden."
Eine detaillierte Übersicht über das derzeitige Ganztagsangebot an bayerischen Schulen ist auf der BLLV-Homepage unter www.bllv.de/Ganztagsschulen.7106.0.html nachzulesen (Stand 2010/11).
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