Bayern

Viele Unterrichtsausfälle auch an Förderschulen

"An unserem Förderzentrum fällt seit Jahren Unterricht aus." "Seit mehreren Wochen sind im Schnitt zwei bis drei Vollzeitlehrkräfte und immer auch einige Teilzeitlehrkräfte pro Woche krank." "Wir sind personell nicht so gut ausgestattet, wie immer getan wird." Oder: "Wir haben seit Schulbeginn zahlreiche Ausfälle von Kolleginnen und Kollegen. Das hat zur Folge, dass in kaum einer Klasse noch Förderstunden gehalten werden können." "Ich organisiere täglich den Notstand." So oder so ähnlich lauten Antworten, die Lehrer und Schulleiter aus dem Förderschulbereich geben, wenn sie spontan nach ihrer Unterrichtssituation gefragt werden. Das hat der Leiter der Fachgruppe Förderschulen im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Frank Tollkühn, vor ein paar Tagen getan und entsprechende Antworten bekommen. "Mir ist klar, dass es sich hier um keine repräsentative Umfrage handelt", sagte er heute in München. Dennoch würden die Antworten seiner Kollegen ein bezeichnendes Licht auf die derzeitige Situation an Förderschulen und -zentren sowie der Lehrkräfte im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst werfen.

25.01.2013 Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V.

BLLV-Präsident Klaus Wenzel bezeichnete die Reaktionen als alarmierendes Indiz dafür, dass es an den Förderschulen nicht nur vereinzelte Engpässe gebe, sondern der Mangel den Alltag präge. "Kollegen werden zermürbt und bis zur völligen Erschöpfung ausgebeutet." Auch die Schüler könnten bei Weitem nicht so gefördert werden, wie es sein sollte. Die Forderungen Tollkühns und Wenzels liegen auf der Hand: "Förderschulen brauchen mehr Personal und eine deutlich bessere Unterstützung."

Zwar sei zum Schuljahresbeginn eine Aufstockung der Mobilen Reserve erfolgt, "doch sie reicht bei Weitem nicht aus", stellten Wenzel und Tollkühn fest. Die Engpässe seien für die Beschäftigten deutlich spürbar, das führten die Antworten der Lehrer und Schulleiter deutlich vor Augen. Beide verlangten eine Aufstockung der Mobilen Reserve um mindestens 100 Vollzeitstellen. "Diese könnten auch zur Verstärkung der individuellen sonderpädagogischen Förderung an Förderschulen genutzt werden", sagte Tollkühn.

Die Antworten der Sonderpädagogen zeigen auch, wie kreativ Lehrerinnen und Lehrer sein können, wenn es darum geht, Unterrichtsausfälle zu vermeiden: Sie bleiben beispielsweise in der Schule und halten Unterricht, obwohl sie bereits Schulschluss haben. Ein "Auszeitraum", er dient eigentlich als Ruheraum für schwierige Schüler, wird kurzer Hand umfunktioniert und von ehemaligen Schulleitern in Rente genutzt, die dort unterrichten. Schüler einer Klasse werden in andere Klassen verteilt, Listen werden ausgehängt, in die sich "Freiwillige" eintragen sollen, die nachmittags kurzfristig anfallende Vertretungsstunden übernehmen - "das ist zwar freiwillig, doch jeder kommt dran, die Stunden werden nicht abgegolten. Das kommt einiges zusammen", teilt ein Betroffener mit. Lehrkräfte pendeln ganze Vormittage auch mal zwischen zwei Klassen hin und her. Ein anderer berichtet, dass sich einige Kollegen "mit dem Kopf unter dem Arm" in die Schule schleppen würden. Es sei schon vorgekommen, dass Kollegen aus Fürsorgepflicht wieder nach Hause geschickt worden seien. Unisono wird darüber informiert, dass die Mobilen Reserven bereits am Schuljahresbeginn aufgebracht seien: Langzeiterkrankungen oder Schwangerschaften würden diese Stunden "auffressen".

"Die Schilderungen sind teilweise wirklich erschreckend und sie gehen unter die Haut", sagte Tollkühn. Es gehe hier um die Bewältigung des Alltags unter denkbar schlechten Voraussetzungen - von der Umsetzung des viel beschworenen Inklusionsgedanken sei hier noch gar nicht die Rede. "Hinzu kommt, dass immer mehr Kinder einen hohen Förderbedarf haben", erklärte er. Gerade diese Kinder bräuchten besonders intensive und stabile Beziehungen sowie verlässliche pädagogische Rahmenbedingungen. Die knappen Ressourcen machten es aber oft unmöglich, den betroffenen Kindern das geben zu können, was für sie und einen erfolgreichen Unterricht wichtig wäre.

"Dieses Dilemma stellt für viele Lehrkräfte an Förderschulen eine große psychische Belastung dar", betonte Tollkühn. Sie wollten jedem Kind gerecht werden - und schafften es nicht, weil sie einfach nicht genügend Zeit haben, wirklich auf seine Bedürfnisse einzugehen. Sie könnten es daher nicht nachvollziehen, dass auch im aktuellen Doppelhaushalt keine weiteren Stellen geschaffen wurden.


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