Weg vom Animateur - Hin zum gemeinsamen Arbeiten

(bikl) Das dreistöckige Gebäude am Senator Wagner Weg in Osnabrück gleicht eher einem Wohnhaus als einem Schulgebäude. Tatsächlich residierte in der denkmalgeschützten Villa aus dem Jahr 1708 bis zur Schulgründung vor gut 23 Jahren der Direktor des angrenzenden Landeskrankenhauses. Jetzt beherbergt das Gebäude 72 Schülerinnen und acht Lehrkräfte. Die staatlich anerkannte Ergotherapie-Schule wird von einem gemeinnützigen Verein betrieben. 265 Euro beträgt das monatliche Schulgeld - nicht ungewöhnlich, schließlich sind die wenigsten Schulen dieser Art unter staatlicher Obhut - von den 23 in Niedersachsen sind es ganze vier.

03.09.2004 Artikel

Vierzehn Schülerinnen des zweiten Jahrgangs sitzen am großen Tisch in der Gemeinschaftsküche. Auf dem Stundenplan steht PBL (Problemorientierter Unterricht), Thema heute: Klientengespräche. Souverän leitet Anna die Sitzung, stellt Fragen, fasst zusammen oder hakt nach. Die Lehrerin Cornelia Streb-Baumann sitzt am Rand und greift nur zwei-, dreimal ein, nicht um Antworten zu geben, sondern um den Schülerinnen mit einer weiteren Fragestellung auf die Sprünge zu helfen.

Ortswechsel. Im Lehrerzimmer berichten Cornelia Streb-Baumann und Schulleiter Christoph Dünnwald von ihrer Schule. Seit gut einem Jahr arbeiten sie hier mit einem Kompetenzraster. Und das hat, wie so vieles, eine Vorgeschichte. Seit vier Jahren nämlich wird rund ein Drittel des Unterrichts nach der Methode des Problemorientierten Lernens durchgeführt: Die Schülerinnen erhalten eine Aufgabenstellung und müssen dann weitgehend selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten. Zusammengetragen werden ihre Ergebnisse in den Tutorien. Doch auf diese Art des Lernens, so mussten die Lehrer bald feststellen, waren die wenigsten Schülerinnen vorbereitet - obwohl sie schon ihr Abitur oder die Fachhochschulreife in der Tasche hatten.

Was tun? Eine Tagung zum Thema PBL gab schließlich den notwendigen Anstoß. "Schon auf der Heimfahrt haben wir erste Ideen entwickelt", erinnert sich Cornelia Streb-Baumann. "Wir haben uns gefragt, welche Kompetenzen sind für unsere zukünftigen Ergotherapeutinnen wichtig und haben dann ein erstes Kompetenzraster entwickelt." Ihre Begeisterung für dieses Konzept übertrug die Lehrerin auf das gesamte Kollegium. Das Raster wurde ausführlich diskutiert - auch mit den Schülerinnen. Heraus kam ein Katalog mit 80 Fragen aus den Bereichen Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz, Selbst- und Personalkompetenz. Nach einjähriger Erfahrung wurden die Fragen auf 50 reduziert. Die müssen von den Schülerinnen auf einer Skala von 1 bis 6 gewissenhaft beantwortet werden.

Ein wichtiger Baustein des Konzepts sind die Mentorengespräche, in denen jede Schülerin mit einem selbst gewählten Mentor das ausgefüllte Raster durchgeht. Gefragt wird sie dann zum Beispiel 'Wo sehen Sie für sich besondere Punkte, an denen Sie etwas tun oder ändern möchten?" Sie bekommen Rückmeldungen, wie "Ja hier stimme ich mit Ihnen überein." oder aber "Ich habe das bei Ihnen aber anders erlebt - was denken Sie darüber?" Am Ende des Gesprächs steht die Lernzielvereinbarung, in der die Schülerinnen notieren, was sie im nächsten Quartal ganz konkret erreichen wollen. Dabei kann es darum gehen, Klausuren längerfristig vorzubereiten, sich Lernstrategien anzueignen, sich mehr oder anders in den Unterricht einzubringen. Beim nächsten Gespräch wird geklärt, was erreicht oder nicht erreicht wurde und warum.

Claudia Streb-Baumann und Christoph Dünnwald machen sich nichts vor: Natürlich bedeuten Kompetenzraster und Mentorengespräche mehr Arbeit und Engagement, aber "es ist auch eine enorme Bereicherung für die Arbeit, für die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler und für das Schulklima. Je mehr wir wissen über die Art und Weise wie Schüler lernen, desto besser können wir auch unseren Unterricht gestalten."

"Für mich als Lehrkraft ist das Unterrichten deutlich angenehmer, weil Schüler mehr Verantwortung übernehmen. Meine Rolle ist eine andere, also weg vom Animateur, oder überspitzt: vom Kameltreiber - es ist ein gemeinsames Arbeiten", betont Cornelia Streb-Baumann.

Eine kleine überschaubare Schule, erwachsene und motivierte Schülerinnen - mit diesen Rahmenbedingungen lässt sich gut arbeiten. Cornelia Streb-Baumann wehrt ab. "So idyllisch das klingt, wir kriegen die Schüler mit einer bestimmten Schulsozialisation, mit festgelegten Mustern: Man darf dem Lehrer gegenüber nichts sagen, man muss nach seiner Meinung gucken, nur lernen was er mir sagt und so weiter."

Diese Muster gilt es zu durchbrechen. Zeit und Ressourcen, so Christoph Dünnwald, sind da, egal an welcher Schule und rechnet an einem Beispiel vor: "Eine Einheit zum problemorientierten Lernen dauert zehn Stunden. Wir teilen die Schüler in zwei Gruppen auf, die Tutoren begleiten diesen Lernprozess zwei Stunden, dann arbeiten die Schüler acht Stunden allein. Das heißt, man hat zehn Schülerstunden und vier Lehrerstunden. Übrig bleiben sechs Lehrerstunden, die zum Teil in die Vorbereitung und Abstimmung investiert werden, den Rest kann ich für Mentorengespräche nutzen."

Selbst in der Grundschule, so Cornelia Streb-Baumann, gibt es Freiräume, die sich ähnlich nutzen lassen. "Ich denke an Freiarbeit, Lernkarussells oder ähnliches. Zwar bin ich in der Grundschule als Lehrkraft mehr gefordert, aber ich kann mir schon vorstellen, dass ich mich für eine Zeitlang rausziehen kann, um mich um die Lernkompetenzen einzelner Schüler zu kümmern."

Drei Schülerinnen klinken sich in unsere Unterhaltung ein. "Ich habe hier erst richtig herausgefunden, was ich gut kann und was nicht und woran ich noch arbeiten muss", berichtet Claudia und Nina gibt unumwunden zu: "Anfangs habe ich versucht, mir hier und da eine bessere Note zu geben, um nicht so aufzufallen, aber im Gespräch mit dem Mentor kam ich gar nicht darum herum, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen." "Ich war eher ruhig und zurückhaltend und habe mir vorgenommen, an diesem Punkt zu arbeiten", berichtet Jette. Erfolgreich - sie gehörte nämlich heute Morgen im Unterricht zu den Wortführerinnen.

Weiterführende Links

www.etos-schule.de
www.netzwerk-innovativer-schulen.de

Was heißt eigentlich Diagnosekompetenz?

Interview zum Thema mit Dr. Annette Czerwanski

Diagnosekompetenz - das klingt nach Psychoanalyse und Therapie - was hat das mit Schule zu tun?

Czerwanski: "Diagnose" heißt ja zunächst einmal, einen Status Quo festzustellen. Meist werden dann aus dem Ergebnis Maßnahmen zur Verbesserung abgeleitet: beim Arzt die Medikation oder Therapie, beim Computer die Korrektur eines Programms und beim Lernen in der Schule die möglichst maßgeschneiderte Fördermaßnahme für einen Schüler. Diagnosekompetenz zielt darauf ab, den Lernstand der einzelnen Schülerinnen und Schüler zu erkennen, um die Prozesse des Lehrens und Lernens so zu gestalten, dass sie den individuellen Voraussetzungen eines jeden Schülers entsprechen und ihn weiterbringen.

Wie gehören Diagnosekompetenz und Lernkompetenz zusammen?

Czerwanski: Die Diagnosekompetenz bezieht sich zunächst auf die Lehrkräfte, während die Lernkompetenz ein Lernziel für die Schüler darstellt. Um Lernkompetenz zu erwerben, müssen allerdings die Schüler ihre Lernausgangslage kennen. Denn nur, wenn ein Schüler weiß, wo er in seinem Lernprozess steht, kann er seinen weiteren Lernprozess bewusst planen und sich neue Lernziele setzen. Diagnosekompetenz und die an den Ergebnissen der Diagnose orientierte Gestaltung des nachfolgenden Lernprozesses gehören somit zusammen.

Sind Lehrer nicht ohnehin in der Lage, ihre Schüler zu "diagnostizieren"?

Czerwanski: Lehrer sind bisher vor allem in der Lage, ihre Schüler zu bewerten, es ist definierter Teil ihrer Rolle. Diagnose allerdings ist mit dieser Form der Bewertung nicht zu verwechseln. Diagnose stellt zunächst einen bestimmten Status Quo fest und ist entwicklungs- und prozessorientiert. Demgegenüber zielt die traditionelle Bewertung darauf ab, zu bestimmten Zeitpunkten die Leistung eines Schülers darzulegen; der Prozess spielt hier kaum eine Rolle. Die Diagnose zielt in erster Linie darauf ab, Hinweise auf individuelle Fördernotwendigkeiten zu liefern.

Gibt es empfehlenswerte Diagnosewerkzeuge - und welche sind das?

Czerwanski: Besonders interessant sind die so genannten Kompetenzraster oder "Rubrics", die im anglo-amerikanischen Sprachraum verbreitet sind und die langsam auch in die deutsche Schulpraxis durchsickern. Sie werden zum Teil von Lehrern und Schülern gemeinsam erarbeitet. Es handelt sich dabei um eine Tabelle, in der ein bestimmtes Lernziel (z.B."Textverständnis Englisch" oder "Gruppenarbeit") in Kriterien und Indikatoren aufgeschlüsselt ist. Rubrics sind ein Instrument, das die Schüler bei der Diagnose einbezieht und den Lernprozess mehr in die Eigenverantwortung der Schüler legt.

Dr. Annette Czerwanski arbeitet seit Jahren in Projekten zur Qualitätsentwicklung in Schulen und Schulsystemen und leitete bis Mitte 2004 das Bertelsmann-Projekt "Netzwerk innovativer Schulen in Deutschland".


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