Wiederholen macht Sinn – aber doch nicht im Sitzen!

(Von Jörg Schlömerkemper) Alle Jahre wieder – wenn das Schuljahr zu Ende geht – wird heftig diskutiert, ob man das Sitzenbleiben abschaffen sollte. Dafür gibt es gute Gründe – nicht zuletzt den, dass die Wissenschaft deutlich überwiegend und immer wieder keine positiven Effekte finden kann. Vielmehr ist festzustellen, dass die meisten betroffenen Schülerinnen und Schüler eine "Ehrenrunde" alles andere als "ehrenvoll" empfinden, sondern das nächste Schuljahr ohne die vertrauten sozialen Beziehungen beginnen und sich mehr oder weniger langweilen, wenn sie nicht nur das Fach wiederholen müssen, in dem sie Probleme hatten, sondern auch all das, was ihnen im vergangenen Jahr womöglich noch Spaß gemacht hatte.

06.06.2008 Artikel
  • © photocase / bommeloni

Mit schöner Regelmäßigkeit werden dann aber auch immer wieder bekannte Persönlichkeiten zitiert, denen das Sitzenbleiben angeblich nicht geschadet hat. Sie seien sogar dankbar gewesen, wieder neu beginnen zu können und doch noch erfolgreich zu lernen, was sie vorher – warum auch immer – versäumt hatten. Und schließlich sei ja doch noch etwas aus ihnen geworden! Aber kann das für die vielen jetzt betroffenen Schülerinnen und Schüler mehr als ein ironischer Trost sein?

Und was folgt dann daraus? Gar nichts! Es wird von Jahr zu Jahr nach dem gleichen Muster verfahren: Defizite müssen ausgeglichen werden und das geht in einer Schule, in der Unterricht nach Jahrgängen in festen Klassengruppen erteilt wird, eben nur mit einer Radikalkur: wer Defizite hat (und diese nicht rechtzeitig durch Nachhilfe ausgleichen konnte), dem kann die Schule nur damit helfen, dass ihm ein ganzes zusätzliches Jahr verordnet wird. Was das an Lehrerarbeitszeit kostet, wird dabei gar nicht bedacht. Es fällt ja auch nicht auf, weil die eine Lehrkraft jenen Schüler weniger zu unterrichten hat, den die andere übernimmt: ein scheinbares Nullsummen-Spiel.

Nun wäre es sicherlich Unsinn, eine Schülerin oder einen Schüler in der nächst höheren Jahrgangsklasse weiterlernen zu lassen, wenn sie die dazu erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten nicht besitzen. Sie werden sich schwer tun und nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Mitschüler vor Probleme stellen. Aber ist es sinnvoll, dann gleich ein ganzes Jahr lang an diesen immer doch nur partiellen Defiziten zu arbeiten?

Wenn man nach Alternativen sucht, wird man sich zunächst bewusst machen müssen, wie es eigentlich zu dieser Problematik kommt. Das fällt allerdings schwer, weil uns die Grundmuster von Schule und Unterricht so vertraut sind, dass wir es uns kaum anders vorstellen können: Unterrichtet und geprüft werden die Kinder und Jugendlichen in unseren Schulen nach Lehrplänen, die vorgeben, welche Kenntnisse und Fertigkeiten für eine Schulform und die jeweilige Altersstufe angebracht sind. Das baut im Prinzip aufeinander auf und erfordert ein ziemlich gleichmäßiges Fortschreiten von Jahrgang zu Jahrgang. Für die Schülerinnen und Schüler einer Klasse ist das ein Einheitsprogramm. Wie sollte denn auch eine Lehrkraft "Unterricht erteilen", der für jedes einzelne Kind ein Sonderprogramm vorsieht. Und ohne Lehrer können Schüler offenbar nicht lernen (s. Unterrichtsgarantie plus!).

Bei diesem Einheitsprogramm wird dann Schritt für Schritt nach dem gleichen Muster verfahren: Die Lehrperson informiert über das, was gelernt werden soll. Und nach einer vorab festgelegten und begrenzten Zeit wird festgestellt, wer diesen Anforderungen besser oder schlechter als der Durchschnitt der Lerngruppe entspricht. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass sich Leistung nach der Gauß´schen Normalverteilungskurve richtet und dass man daran kaum etwas ändern kann – und nicht zuletzt: Es können ja nicht alle Abitur machen!

Dieses Muster hat sich in den Köpfen so verfestigt, dass nach dem vielzitierten PISA-Desaster "Bildungsstandards" entwickelt und deutschlandweit verbindlich werden, die noch einmal eine Spur präziser feststellbar machen sollen, worin die Schülerinnen und Schüler sich in ihren Leistungen unterscheiden. Das soll es dann gerechter ("objektiver") machen (oder so erscheinen lassen), wenn ein niedriges Leistungsniveau festgestellt wird. Dabei kann man das "feststellen" durchaus wörtlich nehmen: Der einmal erreichte Leistungsstand wird dadurch zu einem Persönlichkeitsmerkmal verfestigt, dass die Defizite, die bei einem Lernschritt erkennbar geworden sind, nicht ausgeglichen, sondern in die nächste Lerneinheit mitgenommen werden. Und dann wundert man sich, dass ein Schüler dort auch wieder unter dem Durchschnitt abschneidet. Als gerecht gilt das deshalb, weil es ja immer wieder eine neue Chance gegeben hat (und Nachhilfe hätte der Schüler ja schließlich selbst nehmen können).

Diese Struktur führt zu Problemen, die vermeidbar wären! Wir müssten das Lernen in den Schulen nur konsequent "neu denken". Statt die Schülerinnen und Schüler nach einem Einheitsprogramm für die jeweilige Klasse zu unterrichten, sollten wir jeden einzelnen dort lernen lassen, wo er mit den jeweiligen Kenntnissen und Fertigkeiten angekommen ist. Dazu sollten die herkömmlichen Lehrpläne, die sich an einem Durchschnitt orientieren, durch "Kompetenzmodelle" ersetzt werden, die den Schülerinnen und Schülern zeigen, was sie lernen können und in welchen Schritten sie von einer Stufe zur nächsten fortschreiten sollten. Und sie sollten erst dann zur nächsten Stufe fortschreiten, wenn sie jene Kenntnisse und Fertigkeiten sicher und "nachhaltig" erworben haben, die für den nächsten Schritt wichtig sind. Sie sollten also so lange "wiederholen", bis sie erfolgreich sind. Sie müssen dann aber nur das wiederholen, was sie tatsächlich noch nicht sicher beherrschen, und sie sollen dies nicht für ein ganzes Schuljahr tun, sondern in überschaubaren Dimensionen. Das Lernen sollten also nicht einer "Unterrichtung" durch den Lehrer folgen, sondern die Schülerinnen und Schüler sollen sich selbstständig mit den Kompetenzen auseinandersetzen, die sie sich gerade aneignen sollen.

Die Schülerinnen und Schüler werden in einer solchen Form des Lernens mehr Erfolge erleben, sie werden wissen, was sie der Sache nach wirklich können. Ihr Selbstwertgefühl baut auf Können auf und nicht auf dem Vergleich mit anderen und auch nicht darauf, wie geschickt sie mit den Anforderungen des Lehrers umgegangen sind. Und wenn sie dann noch erleben können, dass sie ihre Kompetenzen – auch wenn sie sich von denen der anderen unterscheiden – in gemeinsame Projekte einbringen können und sie dort gebraucht werden, dann bekommt Leistung eine ganz andere persönliche und zugleich soziale Bedeutung. Das "Sitzenbleiben" wird so gesehen auch in seiner emotionalen Wirkung als Problem deutlich: Wer sitzen bleibt, bleibt passiv. Er kann sich zurücklehnen, abwarten und die Verantwortung für sein Lernen denen zuschreiben, die ihn haben sitzen lassen. Wir brauchen aber Schülerinnen und Schüler, die sich für ihr Lernen selbst verantwortlich fühlen und sich aktiv mit Lernmöglichkeiten auseinandersetzen. Die herkömmliche Struktur des Einheits-Unterrichts, in dem Lehrpläne abgearbeitet werden, wird dem nicht gerecht!

Zur Person

Prof. Dr. Jörg Schlömerkemper lehrt an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Institut für Pädagogik der Sekundarstufe.


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