"Schulen, die fördern, müssen finanziell belohnt werden"
(bikl) Im Dezember 2007 ist es wieder soweit. Ein neuer PISA-Bericht wird vorgelegt: PISA 2006. Dann wird sich zeigen, ob die in Deutschland begonnenen Bildungsreformen bereits Früchte tragen oder ob das deutsche Bildungssystem international auf dem Abstellgleis steht. bildungsklick.de fragte den internationalen Koordinator der PISA-Studie, Andreas Schleicher, jetzt auf der didacta in Köln, was sich seiner Meinung nach in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat und wo er noch Handlungsbedarf sieht.
12.03.2007 ArtikelHerr Schleicher, der UN-Menschenrechtsexperte Vernor Muñoz hat jetzt das dreigliedrige deutsche Schulsystem heftig kritisiert - das ist ja wahrscheinlich Wasser auf Ihre Mühlen?
Andreas Schleicher: Dass das dreigliedrige Schulsystem Chancenungerechtigkeit verstärkt und Bildungschancen sehr ungleich verteilt, ist eine Erkenntnis, die wir seit langer Zeit haben. Ich glaube, dass sich der Trend ganz klar in die Richtung bewegt, dass man über die Organisation von Bildung und von Schule anders nachdenkt. Das ist ein schwieriges Thema, gerade in einem Bildungssystem, das sehr stark in seinen Traditionen verhaftet bleibt, aber es ist ein unausweichliches Thema. Man muss zu einem Umdenken bei der Organisation von Bildung und Schule kommen und ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig, über die Frage der Bildungsstruktur nachzudenken. Es geht darum, die strukturellen Barrieren, die Chancenungerechtigkeit verstärken, abzubauen. Das ist nicht nur die Gliedrigkeit des Schulsystems, das beginnt schon an beim Übergang von der Vorschule zur Schule. Und das geht nach der Schule weiter, wenn wir junge Menschen vor die Alternative stellen, entweder macht ihr eine lange abstrakte Universitätsausbildung oder eine praktische Berufsausbildung – all diese Strukturen, all dies Unterscheidungen zwischen beruflicher Ausbildung und akademischer Ausbildung, die gibt es doch in unserer Realität gar nicht mehr. Niemand könnte Ihnen sagen, ob Ihr Beruf jetzt ein akademischer oder ein praktischer Beruf ist. Hier müssen Schulen nicht nur das verbessern, was sie immer schon geleistet haben, sondern sie müssen sich an ganz neuen Anforderungen in der Gesellschaft orientieren.
Also für viel mehr Durchlässigkeit sorgen?
Andreas Schleicher: Absolut. Es muss sicher gestellt sein, dass jeder Schüler heute an der Wissensgesellschaft aktiv gestaltend mitarbeiten kann. Das muss jedem Schüler bewusst sein. Er darf nicht ständig vor Misserfolgen und vor Sackgassen im Bildungsbereich stehen, sondern er muss die Perspektive haben, wirklich aktiv in dieser Gesellschaft mitzubestimmen und sie mitzugestalten. Dazu brauchen wir ein Bildungssystem das offen ist, wo jeder Mensch seinen eigenen Bildungsweg ständig gestalten und korrigieren kann, statt in irgendwelche Sackgassen gesteckt zu werden.
Sie beobachten das deutsche Bildungssystem nun schon seit längerer Zeit. Sehen Sie da eine echte Entwicklung?
Andreas Schleicher: In diesem Bereich weniger, in anderen Bereichen ja. Ich denke bei der Frage der frühkindlichen Förderung, die ja auch sehr stark damit zusammenhängt, hat sich viel getan. Oder nehemen Sie die Entwicklung von Bildungsstandards. Also man sieht, seit PISA I ist hier in die Diskussion sehr viel Bewegung gekommen. Aber ich glaube, an vielen Fragen wird man immer noch sehr hart arbeiten müssen. Gerade an der Frage von Bildungsstrukturen, an der Organisation von Bildung. Wir schieben Verantwortung ab, wir lassen Verantwortung beim Lernenden und die Schulen, die Lehrer haben wenig Unterstützungsmöglichkeiten, auf die sie sich verlassen können. Sie werden allein gelassen im Unterricht. Damit erreicht man keinen guten Unterricht und keine gute Bildungsqualität.
Das heißt, die Lehrer müssten sehr viel mehr Unterstützung erfahren?
Andreas Schleicher: Ja, das ist ein entscheidendes Instrument. Wir erwarten von den Lehrern sehr viel mehr: die individuelle Förderung, der Umgang mit sozialer Vielfalt - das stellt hohe Anforderungen an den Lehrerberuf. Wir müssen Lehrer in dieser Arbeit unterstützen, indem wir ein offenes Berufsfeld schaffen, indem wir Möglichkeiten zu Kooperationen schaffen in den Schulen. Dass Lehrer nicht immer als Einzelkämpfer arbeiten, sondern sich ständig austauschen, sich ständig weiter entwickeln und dass Unterstützungsprofessionen mit Lehrern auf gleicher Augenhöhe gemeinsam arbeiten. Dahin muss man kommen. Der internationale Vergleich zeigt ja nicht nur Probleme auf, sondern er zeigt auch, dass das wirklich alles lösbar ist, dass es Bildungssystem gibt, die das sehr gut leisten.
Haben Sie ein Erklärung dafür, warum man in Deutschland so gnadenlos festhält an diesem System?
Andreas Schleicher: Nein, eine Erklärung habe ich dafür nicht, denn alles, was wir an Daten und Fakten haben, weist darauf hin, dass dieses System so wie es ist, ganz entscheidend die Probleme prägt, die wir heute haben: Kinder mit Migrationshintergrund, Schüler aus sozial schwachen Familien landen in der Hauptschule, unabhängig von ihrem kognitiven Potenzial. Das ist für den einzelnen schlimm, das ist aber auch für die Gesellschaft schlecht, denn das führt dazu, dass wir das Potenzial, was in jungen Menschen steckt, einfach nur unzureichend nutzen.
Es gibt ja jetzt eine Entwicklung zu einem zweigliedrigen System, etwa in Berlin oder in Schleswig-Holstein mit den Gemeinschaftsschulen. Ist das der richtige Weg?
Andreas Schleicher: Ich weiß nicht, ob die Veränderung solcher Organisationsformen immer zielführend ist. Die Gefahr besteht doch darin, dass wir sagen: Gut, die Hauptschule ist jetzt eine Restschule, da legen wir sie zusammen mit der Realschule. Dann kommen mehr Schüler ins Gymnasium und irgendwann sieht man dann, die Gymnasien sind überfüllt und man schafft Elitegymnasien. Dann haben Sie alles geändert und nichts verändert. Äußere Strukturen allein sind also nicht die Lösung. Die Frage ist doch, wie kann man die Anreiz- und Unterstützungssysteme so ändern, dass die Schulen Verantwortung für individuelles Fördern übernehmen, anstatt diese abzuwälzen. Da geht bis zur Frage der Finanzierung. Wie können wir sicherstellen, dass Schulen, die zum Beispiel Schüler aus schwierigem sozialen Verhältnissen unterrichten, dazu bessere Möglichkeiten haben? Anstatt zu sagen, ´ich werde die Schüler los und das Problem ist gelöst´, bekomme ich mehr Ressourcen. Klassenwiederholer – auch so ein beliebtes Thema. Wir lassen junge Menschen ein Jahr Schule noch einmal machen – das bringt dem einzelnen nichts, das wissen wir, das führt zur Stigmatisierung fürs ganze Leben und schließlich kostet es die Gesellschaft auch. Die direkten Kosten, die der Bildungsminister betrachtet, sind nicht sehr hoch fürs Sitzenbleiben. Aber die Kosten für die Gesellschaft, die liegen zwischen 15 000 und 18 000 Euro pro Schüler und Jahr. Wenn ich also das Geld mobilisiere und in wirkliches Fördern stecke, dann kann ich damit unglaublich viel erreichen. Das meine ich mit Umdenken. Das sind die Strukturen, die Organisation von Lernen, an denen man arbeiten muss, um letztlich zu einem Bildungssystem zu kommen, das nicht selektiert sondern fördert.
Also die Schulen belohnen, wenn sie keine Sitzenbleiber mehr haben?
Andreas Schleicher: Klar. Und im Gegenteil vielleicht auch sanktionieren, wenn sie ihre Probleme nicht lösen. Das gehört beides zusammen. Ich glaube, dafür gibt es in vielen Staaten gute Beispiele. Gerade, indem man für bestimmte Schülergruppen, bei denen Förderbedarf besteht, viel mehr in die Schulen gibt. Jetzt belohnen wir das Sitzenbleiben. Die Schule wird noch einmal bezahlt, wenn sie einen Schüler sitzen bleiben lässt. Wenn die Schule aber fördern will, muss sie dafür zusätzliches Geld aufbringen - was sie nicht hat. Wenn man das umverlagert, dann kann man sehr viel mehr erreichen. Indem man sagt: Wir belohnen das Lösen von Problemen und wir sanktionieren das Verschieben von Problemen.
Was erwartet uns mit PISA 2007?
Andreas Schleicher: Darüber kann ich noch nichts sagen. Wir haben die Ergebnisse noch nicht. Ich denke, die Ergebnisse werden das widerspiegeln, was im Bildungssystem passiert
Erwarten Sie wieder einen Aufschrei in Deutschland?
Andreas Schleicher: Ich würde mir mehr Normalität im Umgang mit diesen Resultaten wünschen, weniger Hysterie, mehr konstruktiven Umgang, bessere und intelligentere Nutzung der Erkenntnisse, eine bessere Außensicht. Und nicht gleich die Abwehrargumentation ´von anderen Staaten können wir nichts lernen weil wir anders sind´ sondern ´wie können wir aus der Vielfalt der Bildungssysteme lernen, um das eigene Bildungssystem zu verbessern?´.
Gehen Ihre Kinder eigentlich auf eine Gesamtschule?
Andreas Schleicher: Meine Kinder gehen in Frankreich zur Schule, da stellt sich das Problem nicht.
Und Sie sind mit der Schule zufrieden?
Andreas Schleicher: Ich glaube, Frankreich leidet an vielen ähnlichen Problemen wie Deutschland. Es ist ein sehr starres Bildungssystem, sehr ausgerichtet auf formales Fachwissen. Ich glaube nicht, dass das ideal ist, aber als Eltern muss man damit leben.
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