Bildungssystem

„Wir beseitigen den Fachkräftemangel“

Nach den verheerenden PISA-Ergebnissen diskutiert die Schulwelt über Wege aus der Krise. Im Interview spricht Ralf Neugschwender über Irrtümer der Bildungspolitik, die Vorzüge von Realschulen und die Notwendigkeit einer positiven Zukunftserzählung. Von Roman Eisner

11.07.2024 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
  • Schulkinder sitzen an einem Gruppentisch und schreiben etwas auf. © Adobe Stock

Die Anzahl der Realschulen in Deutschland ist in den letzten zehn Jahren stark zurückgegangen, während die Zahl der Gesamtschulen wächst und die der Gymnasien konstant bleibt. Stecken die Realschulen in einer Krise?

Ralf Neugschwender: Ja, aber es zeichnet sich eine Trendwende ab. Die Situation in den Bundesländern ist unterschiedlich. In Bayern steigt die Zahl der Realschulen. In Baden-Württemberg wurde die Realschule marginalisiert, in Schleswig-Holstein hat man sie ohne Not abgeschafft. Bereits im Ländervergleich der IQB-Studie 2018 zeigte sich, dass Bundesländer wie Bayern, die auf ein differenziertes Bildungssystem setzen, stets zu den Gewinnern zählten, während Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein nur noch mittelmäßige Leistungen hervorbrachten. In diesen Bundesländern muss man jetzt mit sinkender Qualität in den Schulen und in der Ausbildung leben. Die Gemeinschaftsschule hat die Erwartungen nicht erfüllt, die Menschen dort wollen die Realschulbildung zurück. Die Eltern wollen wieder mehr Leistung, mehr Qualität und mehr Differenzierung im Schulwesen.

Ralf Neugschwender ist seit November Vorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer VDR und zudem Vizepräsident des Deutschen Lehrerverbandes. Zuvor hat er Deutsch, Geschichte und Sozialkunde an Realschulen unterrichtet und war als wissenschaftlicher Referent für Bildung und Sport im Bayerischen Landtag tätig.

Und nur das mehrgliedrige Schulsystem mit den Realschulen kann das leisten?

Ja, denn die Lerngruppen an Realschulen sind homogen. Je homogener eine Klasse ist, desto leichter ist es für die Lehrkraft, individuell zu fördern. So können die Lernenden Leistung bringen. Wir müssen die Qualität in den Abschlüssen der deutschen Schularten halten und nicht herunterschrauben, um statistisch gut dazustehen. Handwerk, Industrie und Verwaltung haben erkannt, dass der Trend zur Akademisierung dem Wirtschaftsstandort Deutschland nicht gutgetan hat.

Schicken also zu viele Eltern ihre Kinder auf Gesamtschulen und Gymnasien?

Schwer zu sagen, aber die Akademisierung seit der ersten PISA-Studie 2000 hat sich negativ auf die Qualität unserer Bildung ausgewirkt. Die OECD hat lange Zeit nicht verstanden, dass die Stärke der deutschen mittelständischen Wirtschaft in der dualen Berufsausbildung liegt. Wir haben uns das auch selbst schlechtgeredet und sind der falschen Vorstellung hinterhergerannt, man müsse Abitur machen, um überhaupt Chancen in der Arbeitswelt zu haben. Die Unternehmen haben jetzt verstanden, dass sie aufgrund des Fachkräftemangels proaktiv für die duale Berufsausbildung werben müssen. Die Realschulen liefern diese Fachkräfte.

Was leisten die Realschulen konkret im Gegensatz zu anderen Schularten?

Die Verbindung von Theorie und Praxis und eine gute berufliche Orientierung in Zusammenarbeit mit der regionalen Wirtschaft. Realschulen sind genau darauf spezialisiert, haben Erfahrung und gute Kontakte, im Gegensatz zu anderen Schularten. Der Realschulabschluss ist die Eintrittskarte in die Berufskarriere – und zwar in der Region. Man muss nicht umziehen und verdient schnell gutes Geld. Und die Absolventen haben auch die Möglichkeit, später noch zu studieren.

Dann locken die Realschulen auch damit, dass das Schulsystem durchlässiger geworden ist?

Ja, die Frage ist nur, ob jeder weiß, dass es diese Vielzahl an Möglichkeiten gibt. Unser Verband und die Realschulen sollten darüber noch mehr informieren. Absolventen der Realschule in Bayern können zum Beispiel über die Berufliche Oberschule FOS / BOS die fachgebundene oder sogar die allgemeine Hochschulreife erlangen.

In 13 der 16 deutschen Bundesländer entscheiden die Eltern, auf welche Schulart ihr Kind nach der Grundschule geht. Wäre eine verbindliche Grundschulempfehlung besser?

Das wäre ein guter Ansatz, aber das geben die politischen Kräfteverhältnisse in den Bundesländern nicht her. Aber bei Baden-Württemberg bin ich zuversichtlich. In Vergleichstests war das Land früher immer in der Spitzengruppe, in den letzten Jahren sind die Leistungen abgerutscht. Der schnellste Weg, wieder nach oben zu kommen, wäre die Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung und eine Stärkung der Realschulen.

Wie kann man Eltern dafür sensibilisieren, dass das Abitur nicht der einzige Weg ist?

Nicht die vierte Klasse entscheidet über das Leben, Kinder und Jugendliche entwickeln sich ständig weiter, die Wege im Bildungssystem sind offen – diese Botschaft muss bei Eltern ankommen. In ländlicheren Regionen besuchen viele Schülerinnen und Schüler eine Realschule, die eigentlich für das Gymnasium geeignet wären. Aber die Wertschätzung für die Realschule und für die Nähe zur regionalen Wirtschaft ist dort hoch. Eltern mit akademischer Ausbildung, die in größeren Städten leben, wollen ihr Kind dagegen oft unter allen Umständen auf einem Gymnasium sehen. Der Bildungsweg muss aber zum Kind passen.

Sorgt nicht die Freiheit, die weiterführende Schulart selbst zu wählen, für mehr Bildungsgerechtigkeit in Deutschland?

Nein, der entscheidende Faktor für Bildungsgerechtigkeit ist die Sprache. Hier sind die Bildungsministerien gefordert, Sprachförderung zu gewährleisten. Und die Klassen müssen kleiner und homogener werden, damit Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler individuell fördern können. Deswegen markiert das Startchancenprogramm einen Mentalitätswechsel in der Politik, der für mehr Gerechtigkeit sorgt: nicht nach dem Gießkannen-Prinzip zu fördern, sondern entsprechend der Bedingungen vor Ort.

Welche Rolle spielen dabei die Schulleitungen vor Ort?

Schulentwicklung hängt entscheidend von der Schulleitung ab. Bisher ist es so: Wenn eine Lehrkraft guten Unterricht macht, wird sie irgendwann in die Schulleitung befördert. Das ist der falsche Ansatz. Eine Schulleitung muss politisch agieren, mit dem Kreis- oder Stadtrat über finanzielle Mittel verhandeln und die Schule nach außen repräsentieren. Dafür sind Leadership, Kommunikation und unternehmerisches Denken gefragt. Die Ministerien müssen Lehrkräfte dafür schulen und qualifizieren. Das ist in vielen Bundesländern noch nicht der Fall.

Welche weiteren politischen Maßnahmen wünschen Sie sich für die Realschulen?

Wir brauchen Quer- und Seiteneinsteiger, da wir in Deutschland vor allem in der Sekundarstufe I Lehrkräftemangel haben. Dafür müssen wir attraktive Vergütungen, Aufstiegsmöglichkeiten und zeitliche Ressourcen für die Mentoren der Quer- und Seiteneinsteiger schaffen. Die Rahmenbedingungen für Lehrkräfte müssen sich verbessern, die Teilzeitregelungen etwa sollten unangetastet bleiben. Gesellschaft und Lehrerverbände sind gefragt, eine positive Zukunftserzählung über Schule und den Lehrerjob zu formulieren. Wenn führende Medien vom „Höllenjob Lehrer“ berichten, müssen wir uns nicht wundern, wenn junge Menschen den Beruf ablehnen. Lehrkraft zu sein ist ein erfüllender Job, man kann sich mit jungen Menschen, neuen Themen und gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen und eigenes Wissen und Erfahrungen weitergeben.

Seit November sind Sie Vorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem VDR?

Mein persönliches Thema ist die Demokratiebildung. Die Welt befindet sich in einer schwierigen Lage, Russland führt Krieg gegen Ukraine, die Hamas greift Israel an. Diese Konflikte finden nicht im luftleeren Raum statt, sondern kommen an den Schulen an. Schule ist kein neutraler Ort, um das deutlich zu sagen. Wenn es gegen unser Grundgesetz geht und gegen Menschenrechte, wenn es rassistisch, diskriminierend oder antisemitisch wird, dann ist jede Lehrkraft gefragt, Haltung zu zeigen. Dabei müssen wir Lehrkräfte unterstützen. Außerdem wollen wir das Alleinstellungsmerkmal der Realschulen mehr in die Öffentlichkeit bringen: Wir sind die Schulart, die den Fachkräftemangel beseitigen kann. Und das dritte Ziel ist es, dem VDR als Verband ein Update zu verpassen. Wir wollen diverser werden, die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilen und in den Gremien anderer Verbände mitarbeiten.


Dieses Interview ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 2/2024, S. 32-35 erschienen. https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_2_2024/#0



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