"Wir brauchen eine systematische Umsetzung von Inklusion"

Mit mehr Engagement aus Gesellschaft und Bildungspolitik und einer Neuverteilung der Ressourcen kann Inklusion an Schulen umgesetzt werden und zu einer anderen Gesellschaft beitragen, sagt Frau Prof. em. Dr. Annedore Prengel, die seit 35 Jahren zu inklusiver Pädagogik und Heterogenität in Schule forscht.

11.06.2015 Pressemeldung Cornelsen Verlag GmbH

Frau Prof. Prengel, warum setzen bislang so wenig Schulen Inklusion um?

Prengel: Vielfach hängt es von lokalen Zufällen ab, ob mit dem Übergang von Kindern mit Behinderungen an Regelschulen auch genügend sonder- und sozialpädagogische Fachkräfte aus dem Sonder- ins Regelschulsystem wechseln. Es mangelt an externen schulpsychologischen und sonderpädagogischen Unterstützungs- und Beratungsmöglichkeiten, die Lehrkräfte in Krisen- und Problemsituationen brauchen. Um eine ausreichend gute Qualität inklusiven Unterrichts zu erreichen, sind fest im Stundenplan verankerte, regelmäßige Planungsgespräche, Fallberatungen, Inter- und Supervisionen unerlässlich. Solche verbindlichen Gespräche, etwa im Jahrgangs-, Fach- oder Stufenteam, die zugleich eine kontinuierliche Fortbildung mit sich bringen, sind nicht ausreichend verbreitet.

Wie können sich Lehrer, die erstmals in einer Inklusionsklasse unterrichten, am besten auf den Unterricht vorbereiten?
Prengel: Sie sollten Hospitationen in guten inklusiven Schulen absolvieren, gute Erfahrungsberichte lesen, wie sie zum Beispiel aus der Schule "Berg Fidel" in Münster vorliegen, und ihren Schülern umfassende Lernmaterialien für individualisierenden Unterricht an die Hand geben. Außerdem ist es notwendig, im Team verbindlich zusammenzuarbeiten, da Lehrkräfte, die am Anfang stehen, ausreichend Unterstützung brauchen.

Worauf müssen Lehrkräfte achten?
Prengel: Lehrkräfte, die die Heterogenität ihrer Lerngruppen ernst nehmen, sollten Wert darauf legen, dass jedes Kind so intensiv wie nur möglich lernt und dabei so gut wie individuell möglich vorankommt. Bei der Vorbereitung der Lernumgebung müssen Lehrerteams dafür Sorge tragen, dass die Schülerinnen und Schüler systematisch aufeinander aufbauende Lernmaterialien an die Hand bekommen. Die Methoden einer individualisierenden Didaktik, also die verschiedenen Formen der Freiarbeit und der Projektarbeit, sind voll entwickelt. Auch ist es wichtig, dass die Lehrer und andere Fachkräfte Wert darauf legen, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von ihren Leistungsständen Anerkennung erfahren. Einen Teil der Lernenden als "schlechte" Schüler zu diskriminieren, hemmt ihre Entwicklung und ihre Leistungen und schadet ihrer demokratischen Sozialisation.

Schulen sind mit knappen Ressourcen konfrontiert. Wie können sie dennoch eine inklusive Didaktik ermöglichen?
Prengel: Um eine ausreichende Finanzierung des großen und gesellschaftlich bedeutenden Vorhabens der Inklusion muss in unserer Gesellschaft gerungen werden. Aber Ressourcen können auch sinnvoller verwendet werden. Wenn sie an einem Ort, an der inklusiven Schule für alle, den Lernenden zugutekommen, können sie in gebündelter Form direkter und wirksamer eingesetzt werden. So brauchen zum Beispiel vernachlässigte Kinder eine Halt gebende Bezugsperson an einem zuverlässigen Ort und nicht etwa unterschiedliche Maßnahmen, die an verschiedenen Orten zu beantragen und bei verschiedenen Personen abzurufen sind. Inklusive Schulen finden Wege, vorhandene Mittel klug zu verwenden. Die Teams stellen gemeinsam ihre umfassenden Lernmaterialien zusammen. Das ist nur am Anfang aufwändig. Wenn ein Fundus vorhanden ist, muss er zwar stets gepflegt und erweitert werden, aber er wird gemeinsam genutzt und erleichtert die Arbeit.

Zur Autorin: Prof. Dr. Annedore Prengel ist emeritierte Professorin an der Universität Potsdam und Seniorprofessorin an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Ihre aktuellen Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind pädagogische Beziehungen, inklusive Pädagogik und Heterogenität in der Bildung.

Cornelsen unterstützt Lehrkräfte bei der Vorbereitung und Gestaltung inklusiven Unterrichts mit einem breiten Informationsangebot und Unterrichtsmaterialien, die in einem Portal gezielt nach Schulform und Fach abrufbar sind: www.cornelsen.de/inklusion

Ansprechpartner

Cornelsen Verlag GmbH
Irina Groh
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Mecklenburgische Str. 53
14197 Berlin
Telefon: +49 30 897 85-563
Fax: +49 30 897 85-97-563
E-Mail: Irina.Groh@cornelsen.de
Web: www.cornelsen.de/presse


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