Interview

„Wir brauchen Lehrkräfte genauso wie Mediziner und Ingenieurinnen.“

Inklusion, Mehrsprachigkeit, Digitalisierung – Lehrerinnen und Lehrer stehen ständig neuen Herausforderungen gegenüber, auf die die Lehrkräftebildung reagieren muss. Andreas Müllauer und Karoline Estermann sprachen mit Prof. Dr. Isabell van Ackeren von der Universität Duisburg-Essen über die Entwicklung der Lehrerbildung in Deutschland.

02.06.2020 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Andreas Müllauer, Karoline Estermann
  • © Alexandra Roth, Mülheim

Die Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Duisburg-Essen leitet das dortige Projekt im Rahmen der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“.

Frau Prof. Dr. van Ackeren, wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der Lehrkräftebildung in Deutschland? 
In den letzten Jahren gab es sehr viele Reformen, um die Lehrerbildung neu zu strukturieren. Die Praxisphasen sind beispielsweise gestärkt worden: Viele Bundesländer haben Praxissemester eingeführt, in denen die Studierenden während eines Schulhalbjahrs in der Schule sind. Wir verzeichnen außerdem eine deutliche Ausweitung der Professionsforschung. Damit einher geht, dass Entwicklungen in der Lehrerbildung stärker wissenschafts- und forschungsbasiert sind. Zudem gibt es zusätzliche Ressourcen, beispielsweise durch den Ausbau der Zentren für Lehrerbildung, den Ausbau der Fachdidaktiken in allen Bundesländern oder neue Professuren, die für Inklusion geschaffen wurden. Neben den positiven Entwicklungen sehe ich aber auch, dass es zwischen den Ländern weiterhin recht unterschiedliche Ausbildungsmodelle gibt.

Wie bewerten Sie diese Unterschiede?
Der Föderalismus trägt dazu bei, dass unterschiedliche Modelle erprobt werden können. Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ fördert beispielsweise, dass man sich über Unterschiede und sinnvolle Modelle austauscht und gleichzeitig hinterfragt, welche Standards übergreifend gelten sollten. Wir brauchen durchaus auch mehr Vergleichbarkeit in der Lehrerausbildung, damit wir auch in den Schulen zu vergleichbareren Bedingungen beitragen. Es handelt sich hier um ein gewisses Spannungsfeld zwischen Standardisierung und Flexibilisierung, das es im Hinblick auf die Ausbildungsqualität immer wieder zu reflektieren gilt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Hochschulen bei der Lehrkräftebildung? 
Eine Schwierigkeit ist, entsprechendes Personal zu gewinnen und zu halten. Wir stehen in Konkurrenz zum Arbeitsmarkt Schule. Dort kommen die Studienabgänger gut unter und werden in der Regel verbeamtet. An den Universitäten gibt es zumeist befristete Angestelltenverträge, die vergleichsweise weniger attraktiv sind. Dabei müssen für die optimale Lehrerbildung die Rahmenbedingungen stimmen. Das fängt schon beim Personal an. 

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf bei der Lehrkräftebildung in Deutschland?
Es muss systematischer erfasst werden, was Absolventinnen und Absolventen am Ende von Ausbildungsphasen tatsächlich können. Inwiefern die Inhalte der Modulhandbücher vermittelt wurden und sich bei Studierenden tatsächlich als Kompetenz nachweisen lassen, ist ein zentrales Thema. So lässt sich auch analysieren, wie Ausbildungskonzepte tatsächlich wirken. Außerdem muss darüber nachgedacht werden, wie wir im Studium prüfen: Ob Massenklausuren beispielsweise immer zielführend in Hinblick auf Kompetenzen für das Berufsfeld sind, ist sicherlich fraglich. Bei den Kompetenzen geht es schließlich auch um Haltungen und Einstellungen. Für mich gehört es als Ausbildungsziel dazu, dass Unterricht später nicht als private Angelegenheit betrachtet wird. Grundsätzlich müssen wir zudem besser analysieren, an welchen Stellen Brüche im Lehramtsstudium entstehen. Wir verlieren zu viele junge Menschen, die abbrechen. Die Herausforderung besteht darin, Absolventenquoten zu verbessern, ohne Qualitätsstandards in der Ausbildung abzusenken. Außerdem sollte mehr auf die Lehrerfortbildung geschaut werden. 

Warum?
Weil Lehrkräfte so viel schneller für akut anstehende Herausforderungen qualifiziert werden können. Aktuelle Beispiele sind das Thema Flucht, also etwa der Umgang mit Traumata, Mehrsprachigkeit und fehlenden Deutschkenntnissen, oder die Themen Inklusion und Digitalisierung. Lehrkräfte müssen sich heute beispielsweise mit Social Media, Cyber-Mobbing und der Frage beschäftigen, wie sie Medien sinnvoll für Lernprozesse nutzen können. Dazu kommt der Paradigmenwechsel von der sogenannten Inputorientierung hin zur Outputorientierung. Bis wir diese Themen in der ersten Phase der Lehrerausbildung verankert haben und die Lehrkräfte mit entsprechenden Kompetenzen in der Praxis ankommen, sind Jahre vergangen. Wir müssen auch Hochschulen stärker in die dritte Phase der Lehrerbildung einbinden, die bei der Fortbildung mit ihrer Expertise aktuell häufig außen vor bleiben. 

Wie werden neue Anforderungen in die Lehrkräftebildung integriert? 
Es wird erwartet, dass sich alle großen gesellschaftlichen Anforderungen in der Lehrerausbildung abbilden. Die enorme Herausforderung besteht darin, die neuen Themen in den Curricula zu verankern und Personen mit einschlägiger Expertise zu finden, die diese Themen voranbringen. Unsere Studierenden befassen sich beispielsweise mehrmals während des Studiums mit Inklusion und erhalten dafür, so sieht es die Landesgesetzgebung vor, entsprechende Credits. Zudem findet ein Austausch mit der zweiten Phase der Lehrerbildung statt, der Ausbildung in der Praxis. An unserem Standort haben wir zum Beispiel einen guten Austausch mit den kooperierenden Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung. Dort arbeiten wir gemeinsam an den neuen Themen. Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ hat dazu beigetragen, dass wir uns noch stärker vernetzen und mit Kooperationspartnern zusammenarbeiten, die in den verschiedenen Phasen der Lehrerbildung aktiv sind. Dazu gehören auch die Akteure der Lehrerfort- und -weiterbildung.

Welchen Zweck verfolgt die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“?
Bund und Länder haben sich darauf geeinigt, substanzielle Mittel zur Weiterentwicklung der Lehrerbildung zur Verfügung zu stellen. Alle deutschen Hochschulstandorte, die Lehrerbildung anbieten, konnten sich einzeln oder im Verbund mit Projektideen bewerben, durch die sie die Lehrerbildung zukunftsgerichtet weiterentwickeln wollen. Jeder Antragsteller musste eine Stärken-Schwächen-Analyse vorlegen und darlegen, in welchen Bereichen und wie etwas verbessert werden soll. Die praxisnahe Weiterentwicklung ist ein ganz zentrales Thema der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“, ebenso wie die Aufwertung des Lehramtsstudiums. Das Programm schafft Aufmerksamkeit, um das Lehramtsstudium zu verbessern.

Die „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ ist ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiertes Förderprogramm zur Verbesserung der Lehrkräfteausbildung in Deutschland. Seit 2015 werden Hochschulen mit insgesamt bis zu 500 Millionen Euro dabei unterstützt, das Lehramtsstudium zu modernisieren. Deutschlandweit wurden bereits 49 Projekte ausgewählt und gefördert.

Inwiefern?
Lehrerbildung hat oftmals einen anderen Stellenwert als Hauptfachstudiengänge an den Universitäten. Durch das Förderprogramm rückt die Lehrerbildung öffentlich und innerhalb der lehrerbildenden Institution noch stärker in den Fokus. Es soll noch deutlicher werden, dass wir ein wichtiges Feld bearbeiten, das gesellschaftlich höchst relevant ist. Lehrerinnen und Lehrer haben einen großen Einfluss auf nachwachsende Generationen, die wiederum Studierende und Absolvierende werden sowie in gesellschaftlichen Positionen Einfluss nehmen. Das Bewusstsein dafür soll geschärft werden, dass wir Lehrerinnen und Lehrer genauso wie Mediziner und Ingenieurinnen brauchen. Es ist sinnvoll, weitere Ressourcen in diesen Bereich der Universitäten zu investieren und eine gute Ausstattung sicherzustellen, um das Studium attraktiver zu machen und mehr junge Menschen dafür zu begeistern.

Sie sind Projektleiterin der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ an der Universität Duisburg-Essen. Welche Erfolge können Sie vor Ort vorweisen? 
Das sind die mittlerweile etablierten Austauschstrukturen mit der zweiten Phase der Lehrerausbildung. Zudem haben wir ein Graduiertenkolleg zur Nachwuchsförderung eingerichtet mit dem Schwerpunktthema Lehrerbildung und Professionalisierung. Lehrerbildung ist außerdem mittlerweile fester Berichtspunkt in den hochschulischen Gremien. Mit der Stadt Essen zusammen begleiten wir zurzeit die Einrichtung einer Universitätsschule, in die wir unsere Ideen und Konzepte aus der Qualitätsoffensive mit einfließen lassen können. 

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 3-2019 veröffentlicht.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden