"Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten besser ausschöpfen können"
Als "Einstieg zu längerem gemeinsamen Lernen und individueller Förderung unserer Kinder" hat Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave im vergangenen Jahr die Umsetzung des neuen Schulgesetzes bezeichnet, das die Umwandlung der Gesamtschulen in Gemeinschaftsschulen und die Einführung von Regionalschulen vorsieht. Warum in Schleswig-Holstein also bald keine Gesamtschulen mehr existieren werden und warum Hauptschüler auf den neuen Schularten besser gefördert werden können, erklärt sie im folgenden Interview.
07.05.2008 Schleswig-Holstein ArtikelIn Schleswig-Holstein regiert gegenwärtig eine Große Koalition aus CDU und SPD. Ein Leitgedanke der von Ihnen verantworteten Schulpolitik beinhaltet die Ausdehnung der gemeinsamen Lernzeiten von Schülerinnen und Schülern in Verbindung mit einer stetigen Erweiterung des Angebotes von Ganztagsschulen. In welcher Weise wird sich die Schulstruktur Ihres Bundeslandes bis zum Ende der Wahlperiode im Vergleich zu deren Beginn verändert haben?
Erdsiek-Rave: Mit einem neuen Schulgesetz haben wir Anfang 2007 die Grundlage für ein neues Schulsystem geschaffen. Es setzt einen deutlichen Schwerpunkt auf die bessere und individuelle Förderung der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers, längeres gemeinsames Lernen und eine höhere Durchlässigkeit des Systems. Das alles wird möglich in den neuen Schularten Gemeinschaftsschule und Regionalschule, die bis zum Schuljahr 2010/11 aus bestehenden Schulen entstehen. In der Gemeinschaftsschule, die grundsätzlich ein Ganztagsangebot hat, können die Schülerinnen und Schüler unter einem Dach den Hauptschulabschluss, den Realschulabschluss oder den Übergang zur gymnasialen Oberstufe erreichen. Dabei werden die Kinder bis zur 10. Klasse gemeinsam unterrichtet. Ihren unterschiedlichen Leistungsmöglichkeiten wird vor allem durch Formen binnendifferenzierenden Unterrichts entsprochen.
An Regionalschulen wird nach einer gemeinsamen Orientierungsstufe ab Jahrgangsstufe 7 nach Leistungsentwicklung und nach Abschlüssen differenziert, so dass die Schülerinnen und Schüler den Hauptschul- oder den Realschulabschluss erlangen können. Die Übergänge zwischen den beiden Bildungsgängen können durchlässig gestaltet werden und es werden Möglichkeiten für gemeinsames Lernen geschaffen. Zum kommenden Schuljahr 2008/09 werden wir in Schleswig-Holstein bereits mehr als 50 Gemeinschaftsschulen und rund 30 Regionalschulen haben.
Warum benötigen wir eigentlich Gemeinschaftsschulen?
Erdsiek-Rave: Gemeinschaftsschulen sind Ausdruck eines entscheidenden Umdenkens im Schulwesen. Wir wollen, dass Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten besser ausschöpfen können, ohne früh auf einen Bildungsabschluss festgelegt zu werden – und zwar unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Ein weiterer Aspekt sind die stark rückläufigen Schülerzahlen, die in den kommenden 10 bis 15 Jahren landesweit um durchschnittlich 20 bis 25 Prozent zurückgehen werden. Mit der Gemeinschaftsschule haben die Schulträger die Möglichkeit, den Eltern auch in Zukunft ein umfassendes Bildungsangebot an ihrem Standort zu machen, das alle Schulabschlüsse ermöglicht.
Die Gemeinschaftsschule erfährt bislang sehr viel Zuspruch. Zusätzlich zu den bestehenden sieben wird es zum kommenden Schuljahr weitere rund 50 neue Gemeinschaftsschulen geben, deutlich mehr als ursprünglich erwartet. Viele Schulträger, Schulen und Eltern sind offenbar der Meinung, dass Kinder und Jugendliche mit längerem gemeinsamen Lernen, individueller Förderung und einer hohen Durchlässigkeit innerhalb des Schulsystems die besten Bildungschancen erhalten.
Ist nicht ein weiterer Ausbau von Gesamtschulen ein sinnvollerer Weg? Schließlich war diese doch nicht ohne Grund ein schulpolitisches Lieblingsprojekt der Sozialdemokratie?
Erdsiek-Rave: Die Gemeinschaftsschule entwickelt den Grundgedanken der Gesamtschule – gemeinsames Lernen für alle Kinder – konsequent weiter. Deshalb werden auch die bestehenden Gesamtschulen spätestens zum Schuljahr 2010/11 in Gemeinschaftsschulen umgewandelt. Die neuen Schulen haben größere Gestaltungsfreiheiten für das gemeinsame Lernen und die konsequente Förderorientierung. Dafür müssen sie jeweils eigene Konzepte erstellen, die Auskunft darüber geben, wie innerhalb der Schule differenziert wird.
Die Schulform Hauptschule betrachten Sie als ein Auslaufmodell. Wie kann gewährleistet werden, dass es in den Regional- und eventuell auch den Gemeinschaftsschulen nicht zu einer Verdichtung von Gruppen am unteren Ende der Leistungsskala kommt? Wird nicht die Problematik der Hauptschule nur in ein anderes Gebäude mit einem anderen Türschild verlagert?
Erdsiek-Rave: Ein Grund für unsere Schulreform waren unter anderem die Prognosen über die Schülerzahlen und die allgemeine Abkehr von der Hauptschule, wie sie auch in anderen Bundesländern zu beobachten ist. In diesem Schuljahr sind in Schleswig-Holstein durchschnittlich nur noch 14,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler von einer Grundschule zu einer Hauptschule gewechselt, nach knapp 17 Prozent im vorherigen Schuljahr. In manchen Regionen sind es sogar deutlich unter 10 Prozent. Da die Aussichten auf einen Ausbildungsplatz für Hauptschüler überall ungünstig bleiben, ist kein Ende dieser Entwicklung abzusehen. Folglich wären durch den verstärkten Schülerrückgang in den kommenden Jahren besonders Hauptschulstandorte bedroht gewesen. Allein deswegen ist die Integration der Hauptschulzweige in langfristig überlebens- und leistungsfähige Gemeinschaftsschulen und Regionalschulen sinnvoll.
Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass Hauptschülerinnen und Hauptschüler auf den neuen Schularten besser gefördert werden können. Das Lernmilieu in vielen Hauptschulen ist sehr schwierig, für Schüler wie für Lehrer. Wir haben doch gute Erfahrungen in etlichen Bundesländern mit Schulen, die mehrere Bildungsgänge vereinen. In Schleswig-Holstein sind wir auch sehr zufrieden mit unseren Gesamtschulen. Und unsere Grundschulen machen seit langem vor, dass man Kinder gut fördern kann, ohne sie zu trennen.
In den 70er und 80er Jahren kam im Zuge der zum Teil von heftigen ideologischen Grabenkämpfen begleiteten Auseinandersetzungen um die Einführung der Gesamtschulen dem Argument Elternwillen eine zentrale Bedeutung zu. Welche Bedeutung messen Sie dem Elternwillen für den Erhalt der Schulform Gymnasium bei?
Erdsiek-Rave: Der Elternwille spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg aller Schularten. Ohne die Unterstützung der Eltern ist ein Schulstandort auf Dauer nicht überlebensfähig. Schließlich kann keine Schule existieren, ohne dass die Eltern ihre Kinder dort anmelden. In Schleswig-Holstein können Eltern frei aus dem Schulangebot auswählen und geben damit den Schulträgern auch wichtige Hinweise für die Akzeptanz einzelner Schulen. Das unterstützt die Entscheidungsprozesse vor Ort, trägt zur Profilierung der Schulen bei und ist insgesamt eine gute Rückenstärkung für die Arbeit in den Schulen. An den Gymnasien sind die Anmeldungen in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Für das kommende Schuljahr 2008/09 sind sie erstmals wieder zurückgegangen. Wir haben aber nach wie vor einen großen Zuspruch für die Gesamtschulen und die neuen Gemeinschaftsschulen. Der Trend zum angestrebten höheren Bildungsabschluss ist also ungebrochen. Das bestätigt uns in der Entscheidung für die neuen Schularten, deren Ziel es ja ist, die Schülerinnen und Schüler zu möglichst hohen Abschlüssen zu führen.
Das Interview führte Dr. Peter Pahmeyer
Alle Rechte und Erstveröffentlichung bei www.schulstruktur.com
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