Didacta-Themendienst

„Zu schwänzen hätte ich mich nicht getraut“

Hartmut Engler, Frontmann der Band PUR, mag G8 nicht besonders und plädiert dafür, das Selbstwertgefühl deutscher Schüler zu stärken. Er ist Schirmherr der Kinderhilfsaktion „Herzenssache“ und wird bei der didacta 2018 als Bildungsbotschafter ausgezeichnet.

28.11.2017 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © Herzenssache e.V. Hartmut Engler ist seit 2013 Schirmherr von Herzenssache e.V., der Kinderhilfsaktion von SWR, SR und der Sparda-Bank. Seit 17 Jahren fördert der Verein Hilfsprojekte für Kinder und Jugendliche im Südwesten der Republik.

    Die Bilder sind für die redaktionelle Berichterstattung ausschließlich im Kontext der Initiative Herzenssache und unter Angabe der Bildquelle freigegeben.

Herr Engler, in Ihrem Song „Abenteuerland“ singen Sie: „Du kannst tanzen, taumeln, träumen und die Schule versäumen.“ Haben Sie als Kind oft die Schule versäumt?
Meiner Anwesenheitspflicht bin ich immer nachgekommen. Es war damals nicht selbstverständlich, dass man vom Dorf in die nächste Großstadt aufs Gymnasium wechseln darf. Da ich aus einer sozial sehr schwachen Familie kam, war es dann für mich natürlich ganz wichtig, dass ich mich besonders anstrenge. Zu schwänzen hätte ich mich gar nicht getraut, aber ich habe dennoch viel Schule versäumt, weil ich mich weggeträumt habe. In meinem Leben als Musiker hat mich nachher aber niemand jemals nach meinen Schulnoten gefragt, obwohl ich ein gutes Abitur gemacht habe.

Was brauchen Kinder heute, um gut aufzuwachsen?
Die Grundvoraussetzungen werden im Elternhaus gelegt: Liebe, Zuneigung, Vertrauen und ein festes Wertesystem. Da kommen auch schon die Bildung und die Schule mit in Spiel. Ein Wertesystem muss klar vorgegeben werden. Für Kinder ist es in Ordnung, wenn man ihnen den Unterschied zwischen Gut und Böse aufzeigt. Ich denke, dass auch hier mitunter eine christliche Erziehung helfen kann. Die ganze Schulzeit soll schon als Orientierung dienen, in welche Richtung das Kind seine Begabungen ausleben kann. Die Kinder und Jugendlichen sollten dementsprechend auch gefördert und ihre Schwächen nicht allzu sehr in den Mittelpunkt gestellt werden.

Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche galten in Deutschland im vergangenen Jahr als armutsgefährdet. Wie kann mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden? 
Ich bin kein Politiker, insofern versuche ich als Schirmherr der „Herzenssache“ einfach Geld aufzubringen, um verschiedene Missstände zu bereinigen. Wer einmal arm ist, bleibt über Jahre hinweg arm. Deshalb ist es ganz wichtig, entsprechende Einrichtungen zu unterstützen und das macht „Herzenssache“: Wir fördern Projekte, die das Selbstwertgefühl der Kinder stärken, die sich abgehängt fühlen. Wir unterstützen sie, sodass sie an Schulausflügen teilnehmen oder sich bessere Klamotten leisten können, und wir ermöglichen ihnen eine kindergerechte Freizeitgestaltung. Es gibt Projekte an Schulen, die vom Gemüsegarten über gesundes Schulfrühstück bis hin zu Bildungspaten und Präventionsprojekten gegen Mobbing reichen.

Welche Projekte haben Sie besonders berührt?
Ich bin ja durch mein Musikerdasein ziemlich privilegiert und verhätschelt und im Prinzip hat mich dadurch alles berührt. Bei einem Projekt für Straßenkinder in Mannheim habe ich vor Ort mit einem Jungen gesprochen, der mir das Wort „unbeschulbar“ erklärt hat. Er galt als unbeschulbar, weil er von der Erziehung her und durch sein Elternhaus gar nicht in der Lage war, Termine einzuhalten oder pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Und nachdem man ihn von der Schule geschmissen hatte, wäre er einfach auf der Straße gelandet. Man denkt immer, dass unser soziales Netz hier schon irgendwie greifen wird, aber dem ist nicht so. Durch die von „Herzenssache“ geförderte Notschlafstelle und Straßenschule hatte er aber die Möglichkeit, dank freiwilliger Lehrer, seinen Schulabschluss nachzuholen. Das ist schon wirklich sehr beeindruckend.

Wo sehen Sie generell in Deutschlands Bildungssystem den größten Handlungsbedarf?
Was mir nicht gefällt, ist G8. Das habe ich selbst als Vater in den letzten Jahren bei meinen Söhnen mitbekommen, die das Abitur gemacht haben. Meine Jungs haben beide nach ihrem Abschluss eine Auszeit gemacht, um sich von dem ganzen Schulstress zu erholen. Das habe ich ihnen auch gegönnt, denn unsereiner hatte dafür ja neun Jahre Zeit. Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass man ein einheitliches Schulsystem braucht. Im Falle eines Umzugs ist eine Familie oft damit konfrontiert, dass man plötzlich in ein ganz anderes System fällt. Jedes Bundesland hat über sein Kultusministerium die eigene Hoheit in schulischen Fragen. Ich fände es gut, das über den Bund zu regeln.

Hintergrund

Seit 17 Jahren fördert die Kinderhilfsaktion „Herzenssache“ Projekte, die Kinder materiell und ideell unterstützen. „Herzenssache“ kümmert sich um Kinder und Jugendliche in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland. Hartmut Engler ist seit 2013 Schirmherr der Aktion von Südwestrundfunk, Saarländischer Rundfunk und Sparda-Bank, durch die bis heute gut 32 Millionen Euro Spenden gesammelt und insgesamt 850 Einrichtungen unterstützt wurden.

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich in besonderem Maße für Bildung, Kinder und Jugendliche stark machen, ehrt der Didacta Verband seit neun Jahren mit dem Titel „Bildungsbotschafter der didacta“. Vergangene Preisträger waren unter anderen Dunja Hayali, Peter Maffay und die Robert-Bosch-Stiftung. Die Ehrung ist mit einem Preisgeld von 2.000 Euro verbunden.

Vom 20. bis 24. Februar 2018 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Hannover zusammen. Hartmut Engler und die Kinderhilfsaktion Herzenssache e.V. werden dort als Bildungsbotschafter 2018 ausgezeichnet. Die Ehrung findet am 21. Februar 2018 um 13 Uhr statt (Forum didacta aktuell, Messehalle 12, D14). Die Teilnahme ist im Rahmen des Messebesuchs frei.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:

Forum didacta aktuell
Bildungsgerechtigkeit – schon da oder noch weit weg?
21. Februar 2018
11:00 bis 11:45 Uhr
Podiumsdiskussion mit Experten aus Wissenschaft, Politik, Schule und Wirtschaft, u.a.:

  • Dr. Gerhard Braun, BDA-Vizepräsident
  • Marlis Tepe, GEW-Bundesvorsitzende
  • Prof. Dr. Axel Plünnecke, Institut der deutschen Wirtschaft Köln
  • Moderation: Armin Himmelrath 

Veranstalter: Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Forum didacta aktuell
Lehrkräftemangel und marode Schulen – Wege zu einer nachhaltigen Bildungsfinanzierung
21. Februar 2018
14:00 bis 14:45 Uhr
Veranstalter: Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Forum Unterrichtspraxis
Umgang mit herausforderndem Verhalten in der Grundschule
Junior-Prof. Dr. Daniel Mays, Professur für Förderpädagogik mit dem Schwerpunkt Emotionale und soziale Entwicklung, Universität Siegen
20. Februar 2018
13.00 bis 14.00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Teamgeister – soziales Lernen in der Grundschule
Heiner Wilms, war Lehrer an Hauptschule, Realschule und Gesamtschule; seit 1997 Autor und Trainer für ein Programm zum sozialen Lernen in der Sekundarstufe I und seit 2010 auch für Teamgeister in der Grundschule
13.00 bis 14.00 Uhr
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2018 finden Sie unter www.didacta-hannover.de und www.facebook.com/didacta.bildungsmesse.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial beachten Sie bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild. Über ein Belegexemplar an info( at )bildungsklick.de freuen wir uns.

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2018 finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de.


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