Neues Übergangssystem

Der direkte Übergang in die Berufsausbildung muss Ziel der Bildungspolitik sein

(red) Zwei Drittel der Ausbildungsplätze werden mittlerweile von Schulabsolventen mit mittlerem Abschluss und Hochschulreife besetzt. Da bleibt für Hauptschulabsolventen nicht mehr viel übrig. Tatsächlich fanden im Jahr 2012 rund 266.700 junge Menschen nach der allgemeinbildenden Schule keinen Lehrplatz, sondern verbrachten wertvolle Lebenszeit im sogenannten Übergangssystem. In Baden-Württemberg scheint sich jetzt eine Abkehr von diesen oftmals kritisierten Warteschleifen anzubahnen. Ein Ausbildungsbündnis setzt auf neue Wege. Welche das sind, erklärt der Abteilungsleiter Bildungspolitik beim Baden-Württembergischen Handwerkstag, Dr. Stefan Baron im Interview.

14.03.2014 Artikel
  • © privat

Herr Baron, das sogenannte Übergangssystem zwischen Schule und Berufsausbildung ist in den letzten Jahren in die Kritik geraten. Der Baden-Württembergische Handwerkstag etwa sagt, das Übergangssystem habe seinen Namen nicht verdient. Warum?

Stefan Baron: Aus Sicht des Handwerks sollte die Bildungspolitik das Ziel des direkten Übergangs von der Schule in die Ausbildung verfolgen. Immer seltener gelingt dieser direkte Übergang und Jugendliche belegen vollzeitschulische Bildungsgänge an Beruflichen Schulen. Meistens mit dem Ziel, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Einen höheren Bildungsabschluss kann man aber auch parallel zur Ausbildung erwerben, beispielsweise durch den ausbildungsbegleitenden Erwerb der Fachhochschulschulreife oder das Duale Berufskolleg. Warum also Warteschleifen im sogenannten Übergangssystem ziehen, während man auch direkt in eine Ausbildung starten kann?

Regionales Übergangsmanagement

Das Ausbildungsbündnis Baden-Württemberg hat an dieser Stelle Reformen gestartet. Wie genau sehen diese aus?

Stefan Baron: Ende vergangenen Jahres wurde durch das Ausbildungsbündnis ein Eckpunktepapier zur Neugestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf in Baden-Württemberg beschlossen. Die vorgelegten Eckpunkte wurden in einer Landtagsdebatte von allen Landtagsfraktionen begrüßt. Im Kern beinhaltet das Papier einen Vorschlag zur Verringerung des berufsschulischen Übergangsbereichs mit derzeit über 32.000 Schülern durch eine Stärkung des direkten Übergangs von der Schule in die Ausbildung. Das Ziel soll durch eine Intensivierung der Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen sowie die Einrichtung eines regionalen Übergangsmanagements erreicht werden, an dem alle maßgeblichen Akteure beteiligt werden. Gelingt der direkte Übergang nicht, sieht das Eckpunktepapier mit der Dualen Ausbildungsvorbereitung (AV Dual) und der Berufsqualifizierung (BQ Dual) zwei neue Bildungsgänge für unterschiedliche Zielgruppen vor, die jedoch deutlich höhere Praktikumsanteile als bisher aufweisen.

Aktive Einbindung der Eltern

Und was tut das Handwerk, um leistungsschwächeren Jugendlichen eine Brücke in die berufliche Ausbildung zu bauen?

Stefan Baron: Neben der Mitwirkung bei den oben erwähnten Aktivitäten des Eckpunktepapiers laufen bei den einzelnen Handwerkskammern in Baden-Württemberg noch verschiedene Projekte. Die Handwerkskammer Karlsruhe setzt im Rahmen einer systematischen Berufsorientierung schon sehr früh bei den Jugendlichen an. Dies beginnt bereits ab der 5. Klasse in der Haupt- und Werkrealschule und seit etwa einem Jahr in der Realschule, beispielsweise mit Schulbesuchen durch Ausbildungsbotschafter, Einladungen ab der 7. Klasse in die Werkstätten unserer Bildungsakademie oder einem individuellen Matching zwischen Jugendlichem und Ausbildungsbetrieb.

Für schwächere Schüler ohne Perspektive auf eine Berufsausbildung bieten wir in einem vom baden-württembergischen Finanzministerium geförderten Projekt eine intensive und individuelle Betreuung an. Dabei werden Eltern, Lehrer und eventuell Schulsozialarbeiter eingebunden, bei Bedarf weitere Partner, wie Arbeitsagentur und Jugendamt. Nach einem Berufseignungstest, der Aufschluss über passende Berufsfelder für eine duale Ausbildung gibt, folgt das Matching mit einem entsprechend ausbildungsbereiten Betrieb. Entscheidend für den Erfolg sind Anpassung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, dauerhafte und aktive Einbindung der Eltern und die Stärkung der persönlichen Kompetenzen, etwa durch Workshops und frühzeitige Kontakte zu den vorgesehenen Ausbildungsbetrieben.

Weiterführende Informationen

Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart

27.03.2014

Unser gemeinsames Ziel: Jugendliche direkt in Ausbildung vermitteln! Was ist zu tun?

Angesichts des wachsenden Fachkräftebedarfs und Azubi-Mangels vieler Betriebe bei einem gleichzeitig weiterhin zu großen schulischen Übergangssystem steht neuerdings die direkte (Nach-)Vermittlung von Jugendlichen in die duale Ausbildung ganz oben auf der politischen Agenda. Viele Betriebe sind bereit, auch schwächeren Jugendlichen eine Chance zu bieten. Die Herausforderungen für eine solche Ausbildung und der Abstimmungsbedarf mit der Berufsschule sind jedoch hoch und das Ausbildungsverhältnis von einem Abbruch bedroht. Der Vortrag zeigt auf, welche Herausforderungen auf Schulen und Betrieb zukommen und welche Unterstützungsangebote es geben kann. Referent: Hans Schmeiser, Handwerkskammer Karlsruhe (Fachbereichsleiter Fort- und Weiterbildung), 15:00 - 15:30 Uhr, Marktplatz Beruf ist Zukunft, Halle 6, Stand C22

Pädagogische Erprobung im Übergangsbereich an beruflichen Schulen

An acht Erprobungsschulen testet Baden-Württemberg ein neues pädagogisches Konzept, mit dem besonders bei zurückgehenden Schülerzahlen ein effizientes Bildungsangebot auch im ländlichen Raum gesichert werden kann und das durch Individualisierung der Lernprozesse eine hohe Durchlässigkeit und gute Lernperspektiven bietet. Welche Erfahrungen werden dabei gemacht? Was bedeutet die Umstellung für die Lehrkräfte an beruflichen Schulen? Wie wird die Anbindung an die Betriebe erreicht? Es diskutieren: Dr. Martin Frädrich, IHK Region Stuttgart, Ministerialrätin Hildegard Rothenhäusler, Ministerium für Kultur, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Joachim Ruth, DGB-Bezirk Baden-Württemberg, Abteilung Berufliche Bildung, Bildungspolitik, Handwerk, Margarete Schaefer, Verband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg e. V. (BLV) Moderation: Markus Bender, Teilnehmer im Qualifikationsprogramm Moderation der Hochschule der Medien, Stuttgart. 12:00 - 13:15 Uhr, Marktplatz Beruf ist Zukunft, Halle 6, Stand C22

28.03.2014

Wohin mit den Schwächsten?

Seit 2013 unterstützt die Porsche AG das "Förderjahr", ein Tarifvertrag, der Jugendlichen mit geringen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt und nicht ausbildungsreife Jugendliche an die berufliche Ausbildung heranführen will. Über dieses Projekt und die Chancen der Schwächsten auf dem Arbeitsmarkt sprechen Uwe Hück, Betriebsratsvorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und Dieter Esser, Leiter der Berufsausbildung, mit Kate Maleike, Deutschlandradio. 11:00 - 11:45 Uhr, Forum Berufliche Bildung, Halle 6, Stand C61

Braucht die duale Ausbildung mehr Abiturienten und Studienabbrecher?

Während Betriebe händeringend nach Azubis suchen, platzen die Hörsäle an den Hochschulen aus allen Nähten. 2013 begannen erstmals mehr junge Menschen ein Studium als eine Lehre. Zugleich ist der Anteil der Studienabbrecher hoch, beispielsweise in den Ingenieurwissenschaften. Sind zu viele deutsche Studenten nicht für die Hochschulen geeignet – und sollten deshalb besser eine duale Ausbildung machen? Darüber diskutieren Dr. Esther Hartwich, Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK), Barbara Hemkes, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Prof. Dr.-Ing. Peter Ritzenhoff. Hochschule Bremerhaven, Prof. Dr. Stefan Sell. Hochschule Koblenz. Moderation: Kate Maleike, Deutschlandfunk. 12:00 - 12:45 Uhr, Forum Berufliche Bildung, Halle 6, Stand C61

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