Demokratiebildung an Berufsschulen: „Das ist die große Gelegenheit“
Kleidertauschbörsen, Tiny Houses für Obdachlose, Produktionsbedingungen von Kosmetik: Im bildungsklick-Interview spricht Juliane Stubenrauch über spannende Projekte bayerischer Berufsschüler:innen im Bereich Werte- und Demokratiebildung.
17.06.2026 Bundesweit Artikel Anna PetersenBerufliche Schulen seien wegen ihres Fokus auf Kompetenz- und Handlungsorientierung für diese Art der Bildungsarbeit prädestiniert, meint die Geschäftsführerin der Stiftung Bildungspakt Bayern.
Anna Petersen: Frau Stubenrauch. Wie beurteilen Sie denn den Status quo von Demokratiebildung an Berufsschulen?
Juliane Stubenrauch: An den Berufsschulen und in der beruflichen Ausbildung stehen natürlich die beruflichen Fachinhalte an allererster Stelle und im Fokus. Hat ein bisschen so damit zu tun, dass die allgemeinbildenden Fächer – unter anderem eben auch Politik und Gesellschaft – tendenziell nachrangiger sind. Wir haben auch eine hohe Heterogenität an den Berufsschulen, vor allem in Bezug auf Alter, Herkunft, Bildungshintergrund, Religion, Inklusionsbedarf. Und das zeigt sich natürlich auch in der Beschulung von besonderen Schülergruppen wie den Berufsintegrationsklassen. Was auch noch eine Herausforderung ist für Demokratiebildung und Schülerpartizipation an den Berufsschulen ist die Tages- und Blockbeschulung. Die Schülerinnen und Schüler sind nicht wie in den Allgemeinbildenden Schulen jeden Tag da: Man hat den direkten Draht und Kontakt und die Kontinuität.
Was ist denn das Besondere an Berufsschulen mit Blick auf Demokratieförderung?
Das ist tatsächlich so, dass wir an den Berufsschulen und Berufsfachschulen sehen, dass es ein gesellschaftlicher Ort ist, an dem ganz unterschiedliche Milieus und gesellschaftliche Schichten und Hintergründe der Schülerinnen und Schüler aufeinandertreffen. Und gerade da ist es besonders wichtig, dass Werte wie Toleranz und Akzeptanz gelebt und ausgehandelt werden. Also, hier sind die Schülerinnen und Schüler auch in einer Lebensphase, in der viele Themen der Werte- und Demokratiebildung so richtig relevant werden, und zwar unmittelbar relevant. Also, sie erhalten das erste Mal Lohn, zahlen Sozialabgaben. Wofür sind die Steuern? Warum machen wir das? Sie kommen in Kontakt im Ausbildungsbetrieb mit Betriebsrat, Gewerkschaften, Jugend- und Auszubildendenvertretung. Für viele Schülerinnen und Schüler steht auch das erste Mal die Wahl an. Dinge wie Familienplanung rücken in den Fokus. Es geht um Abschluss von Verträgen, Sozialversicherung. All diese Dinge werden da relevant. Und das ist die große Gelegenheit, Werte und Demokratiebildung noch mal in der Schule zu leben und umzusetzen mit den Schülerinnen und Schülern. Denn die Berufsschule ist oftmals die letzte Schule, die sie besuchen, […].
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