"Die Schulstruktur ist nicht entscheidend"
In wenigen Wochen endet die Amtszeit des Berliner Senators Prof. Dr. Jürgen Zöllner als Präsident der Kultusministerkonferenz. Wir wollten von ihm wissen, vor welchen bildungspolitischen Aufgaben Deutschland gegenwärtig steht.
11.12.2007 ArtikelHerr Präsident, erklärtes Ziel der Kultusministerkonferenz ist es seit langem, den in Deutschland zu engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen aufzulösen. Aber internationale Studien belegen regelmäßig, wie schlecht es hierzulande noch immer mit der Chancengleichheit bestellt ist. Muss das Problem also grundsätzlicher angegangen werden – etwa mit einem Kindergarten-Pflichtjahr?
Jürgen Zöllner: PISA 2001 hat gezeigt, dass in Deutschland insbesondere die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und von sozial Benachteiligten eine große Herausforderung darstellt. Hierzu haben die Länder viele Maßnahmen ergriffen: In fast allen Ländern finden Sprachstandserhebungen vor der Einschulung und im Bedarfsfall Sprachfördermaßnahmen statt. Angebote von muttersprachlichem Unterricht in verschiedenen Organisationsformen sind nach Bedarf möglich. Dazu kommen in der Mehrzahl der Länder Fördermaßnahmen in einer Fremdsprache für Quereinsteiger, um den erfolgreichen Start in die deutsche Schullaufbahn sicherzustellen. Außerschulisch gibt es außerdem ein flächendeckendes Angebot für die Hausaufgabenhilfe. In allen Ländern gibt es Maßnahmen, um den Übergang von der Schule in den Beruf zu erleichtern bzw. zu ermöglichen. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist bereits in der Lehreraus- und -fortbildung verankert. Im Juni 2006 hat die Kultusministerkonferenz zusammen mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung den ersten Bildungsbericht mit dem Schwerpunkt "Bildung und Migration" vorgelegt. Bei der Vorstellung wurde das klare Ziel formuliert, dass künftig Kinder und Jugendliche verschiedene Bildungsgänge unabhängig vom Migrationsstatus besuchen können müssen. Ebenso soll sich die Quote der Schulabgänger mit und ohne Abschluss nicht mehr nach Migrationsstatus unterscheiden.
- Die guten Ergebnisse der aktuellen IGLU-Untersuchung zum Leseverhalten in den Grundschulen zeigen, dass Deutschland auf dem richtigen Weg ist:
- Der Anteil der Risikogruppe in Deutschland ist von 16,9 auf 13,2 % gesunken. Nur in zwei der 35 Teilnehmerstaaten (Hongkong und Niederlande) ist der Anteil an Risikokindern signifikant geringer als in Deutschland.
- Teilt man ein Maß der sozialen Herkunft in Quartile auf, so zeigt sich für die Leistungsdifferenzen zwischen den oberen 25 Prozent und unteren 25 Prozent der Sozialverteilung, dass die Differenz in Deutschland mit 67 Punkten signifikant über dem internationalen Mittelwert und auch über dem Wert der OECD-Staaten liegt. Deutschland zählt damit weiterhin zu einer Ländergruppe mit hohen Leseleistungen bei vergleichsweise hohen sozialen Disparitäten.
- Werden die Leistungsunterschiede zwischen Kindern, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden, und solchen, deren Eltern beide im jeweiligen Staat geboren wurden, gemessen, so fällt die in Deutschland beobachtete Differenz mit 48 Punkten – also rund einer halben Standardabweichung – im internationalen Vergleich relativ hoch aus.
- Gegenüber 2001 sind die ethnischen Disparitäten in Deutschland jedoch signifikant zurückgegangen (von 55 auf 48 Punkte).
- Erfreulich ist vor allem, dass der Anteil der leistungsschwächsten Risikogruppe in Deutschland abgenommen hat und die ethnischen Disparitäten leicht zurückgegangen sind. Ähnlich Ergebnisse erwarte ich auch für PISA.
Bedeutsam sind die Befunde zur Rolle des vorschulischen Kindergartenbesuchs. In PIRLS/IGLU 2006 konnte wie schon 2001 gezeigt werden, dass ein längerer Kindergartenbesuch mit höheren Leseleistungen einhergeht. Der systematische, aber spielerische Umgang mit der Sprache im Kindergarten erleichtert nach Erkenntnissen der Lehr-Lernforschung das Leselernen. Dies gilt es weiter in den Kindergärten umzusetzen. Auf der anderen Seite gibt es gerade im vorschulischen Bereich einen enormen Verständnis- und Sinneswandel: Vor zehn Jahren haben wir noch darüber gestritten, ob wir die Grundschule zu einer Spiel- und Lernschule machen wollen. Heute gibt es eine sehr ernsthafte Diskussion um die frühpädagogische Förderung. In vielen Ländern sind die Bildungsanteil in der Kindertagesbetreuung eingeführt oder deutlich verstärkt worden. In Berlin gibt es sogar ein verbindlichen Bildungsprogramm für die Kitas. Auch wenn vorschulische Förderung ungeheuer wichtig ist, bin ich gegen das allgemeine Pflichtjahr in der Kita. Denn zum Lernen kann man nicht gezwungen werden. Ich halte es für sinnvoller, die Eltern von dem Wert der frühkindlichen Bildung zu überzeugen, anstatt sie zu zwingen. Wir müssen ihnen da finanziell entgegenkommen. In Berlin etwa brauchen die Eltern seit Jahresanfang nichts mehr für das letzte Kindertagesstätten-Jahr vor der Schule zu bezahlen. Schon jetzt nehmen in Berlin ca. 90 aller Kinder an den Bildungs- und Betreuungsangeboten in Berliner Kitas teil..Bis 2011 werden auch die anderen beiden Kitajahre beitragsfrei gestellt.
Während Ihrer Amtszeit ist viel Bewegung in die Schulstruktur gekommen: In Schleswig-Holstein haben die ersten Gemeinschaftsschulen ihre Türen geöffnet, auch Hamburg hat mit seinen Stadtteilschulen das Ende der Hauptschule eingeleitet und zuletzt hat Rheinland-Pfalz die Abschaffung der Hauptschule angekündigt. Sie selbst wollen in Berlin im kommenden Jahr einen Modellversuch zur Gemeinschaftsschule starten. Andere Bundesländer wie Bayern, Hessen und Baden-Württemberg aber halten eisern an der Hauptschule fest. Ist eine Annäherung zwischen diesen Positionen überhaupt denkbar?
Jürgen Zöllner: Entscheidend für die Zukunft eines Bildungssystems ist nicht die Schulstruktur, sondern ob es gelingt, den Paradigmenwechsel in den Schulen hin zu einer optimalen Förderung jedes einzelnen Kindes zu verwirklichen.
Keine Schulstruktur schafft allein einen guten Unterricht. Es geht um die optimale Förderung jedes einzelnen Kindes in seiner Unterschiedlichkeit. Keiner bestreitet, dass dabei Chancengleichheit durch einen möglichst langen gemeinsamen Weg erreicht wird, wie auch keiner bestreiten kann, dass ein optimaler Erfolg dazu führt, das der theoretisch Begabte am Ende seiner Förderung durchaus in anderen Gruppen gefördert werden kann und muss als der praktisch Veranlagte. Deshalb sage ich, man kann jedes einzelne Kind, sei es besonders begabt oder sei es lernschwach, in jedem Schulsystem gut fördern. Die Frage ist, wo die Bedingungen einer individuellen Förderung, die ich in jeder Schulform brauche, wahrscheinlicher und günstiger umgesetzt werden können.
Dennoch halte ich die Strukturdebatte für richtig, wenn sie nicht notwendige pädagogische Reformen zur inneren Schulentwicklung ausblendet, sich ideologischer Kurzatmigkeit entzieht und einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens sucht. Dann haben wir endlich die Chance, Grabenkämpfe von Befürwortern und Gegnern von gegliederten und nicht gegliedertem Schulsystem hinter uns zu lassen. Ich sehe diese Chance deutlich.
Die KMK drängt – ähnlich wie die Bundeswissenschaftsministerin – auf eine Reduzierung der derzeit rund 350 Ausbildungsberufe. Und empfiehlt eine Straffung auf breit angelegte gemeinsamen Kernqualifikationen und grundlegende Fachqualifikationen. Steht die duale Ausbildung – die ja laut nationalem Bildungsbericht 2006 die teuerste Bildungsform in Deutschland ist - jetzt grundsätzlich auf dem Prüfstand?
Jürgen Zöllner: Nein. Die duale Ausbildung ist und bleibt eine tragende Säule unseres Bildungssystems. Damit sie insgesamt zukunftsfähig bleibt, müssen einige Ausbildungen weiterentwickelt werden mit dem Ziel, die Einsatzmöglichkeiten der Jugendlichen nach Abschluss ihrer Ausbildung auszuweiten. Dies liegt auch im wohlverstandenen Interesse der Wirtschaft.
Nachdem die Bundeshauptstadt jetzt auch eine Elitehochschule hat, wollen Sie Berlin sogar zu "einem der attraktivsten Forschungsstandorte der Welt" ausbauen. Wo aber bleibt die exzellente Lehre – die ja von Kritikern bundesweit eingefordert wird?
Jürgen Zöllner: Die Förderung der exzellenten Lehre in einer Ausbildungsoffensive ist neben der Forschungsoffensive das zweite Standbein des Masterplans "Wissen schafft Berlins Zukunft". Die Ausbildungsoffensive eröffnet erheblich mehr Studienplätze als bisher, denn wir benötigen eine breite Basis hochqualifizierter junger Menschen. Mit 58 Millionen Euro zusätzlich bis 2011 werden wir die Zahl der Studienplätze deutlich erhöhen. Es geht aber nicht nur um die Quantität der Studienplätze, sondern vor allem auch um deren Qualität. Die Hälfte der Mittel (ca. 35 Millionen Euro) setzen wir für Qualitätsverbesserungen ein. Durch eine Verbesserung der Lehre werden die Studierenden in Berlin in Zukunft mehr Unterstützung erhalten. Mehr als jeder zweite Euro für die Ausbildungsoffensive kommt aus dem Landeshaushalt, insgesamt 35 Millionen Euro. Der Restbetrag von 22,6 Millionen Euro erhält Berlin aus dem Hochschulpakt 2020 – und zwar aufwachsend von 4,1 Millionen Euro im Jahre 2008 bis zu 10 Millionen Euro im Jahre 2010.
Zum Schluss noch ein Blick zurück und einer nach vorn: Welches war die für Sie bildungspolitisch wichtigste Entscheidung in Ihrer Amtszeit als KMK-Präsident? Und vor welchen entscheidenden bildungspolitischen Herausforderungen werden die Kultusminister in den kommenden Jahren stehen?
Jürgen Zöllner: Wenn man an das Jahr 2007 später zurückdenkt, wird man sich womöglich daran erinnern, dass die vielen bildungspolitischen Entscheidungen der Kultusminister seit PISA im Jahre 2001 erstmals unverkennbar Früchte tragen. Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben bessere Ergebnisse erzielt als in den Jahren zuvor. Dennoch zeigt sich bei IGLU und PISA erneut, dass Deutschland nach wie vor zu den Staaten mit den größten ethnischen und sozialen Ungleichheiten gehört. Die Leistungen der Kinder mit Migrationshintergrund bleiben erheblich hinter den Leistungen der Kinder ohne Migrationshintergrund zurück. Dasselbe gilt für den Unterschied zwischen der unteren und der oberen Sozialschicht. Ohne Frage sind in den letzten Jahren viele Maßnahmen ergriffen worden um insbesondere benachteiligte Kinder zu fördern. Bei den sozialen Disparitäten zeigen sich leider noch keine positiven Veränderungen. Grundsätzlich ist es wichtig, die Sprachförderangebote unabhängig vom Elternhaus zu verstärken. Wir werden die begonnenen Anstrengungen im vorschulischen und schulischen Bereich sowie bei den Ganztagsschulen fortzusetzen und auszubauen.
(Vollständige Fassung des Interviews mit Prof. Dr. Jürgen Zöllner, gekürzte Fassung siehe im Themendienst 1 zur didacta 2008.)
Weiterführende Links
- Homepage didacta - die Bildungsmesse 2008
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