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Fehlt der Bildung Vielfalt?

Obwohl mehr Frauen als Männer ein Studium beginnen, lehren deutlich weniger Professorinnen an Universitäten. Junge Menschen klagen über Alltagsrassismus in Schule und Studium. Hat die deutsche Bildungslandschaft ein Diversitätsproblem? In Schule, Ausbildung, Forschung und Wirtschaft besteht jedenfalls Handlungsbedarf.

28.10.2019 Bundesweit Artikel Andreas Müllauer
  • © www.pixabay.com Darf es etwas divers sein? In deutschen Bildungseinrichtungen fehlen nach wie vor Professorinnen und Lehrkräfte mit Migrationshintergrund.

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„Anderssein“ ist schwierig – auch im deutschen Bildungswesen. Beispiel Alltagsrassismus: Eine Studie der Universität Mannheim belegt, dass Grundschüler mit türkischen Namen trotz gleicher Leistung schlechtere Noten als ihre Altersgenossen mit deutschen Namen erhalten. Etliche Kinder und Jugendliche mit – tatsächlichem oder scheinbarem – Migrationshintergrund berichten, dass sie von Lehrkräften entmutigt wurden und keine Empfehlung fürs Gymnasium erhielten. „Dass sie damit Gehör finden, ist ein gutes Zeichen für den Stand der Integration in Deutschland“, findet die Journalistin und Moderatorin Canan Topçudass. Sie fordert, dass die rassismuskritische und vorurteilsbewusste Selbstreflexion zum festen Bestandteil der Lehrerausbildung werden muss. Im Deutschen Grundgesetz heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Doch wann eine Ungleichbehandlung vorliegt, wie sie sich zeigt und wie sie sich verhindern lässt, muss immer wieder neu diskutiert werden, besonders auch im Bildungssystem.

Wenige Vorbilder, wenig Perspektive

Sozialwissenschaftler und Rassismusforscher Karim Fereidooni weist gegenüber Vice noch auf ein anderes Problem hin: Die Lehrerschaft ist deutlich weniger vielfältig als die Schülerinnen und Schüler. „Ich bin in den 90er Jahren aufgewachsen und habe nie einen Lehrer oder eine Lehrerin ‚of Color‘ zu Gesicht bekommen“, so Fereidooni. „Wenn du aufwächst, einen Beruf ergreifen willst und niemanden siehst, der aussieht wie du und deinen Traumberuf ausübt, denkst du: Vielleicht ist das nichts für mich. Universitäten und Schulen haben der Gesellschaft gegenüber eine Verpflichtung.“ 

Vorreiter Forschung?

Nicht nur an Schulen, sondern auch an Universitäten besteht Aufholbedarf. Zwar wird rund ein Viertel der Professuren mittlerweile von Frauen bekleidet – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2000. Trotzdem haben es Frauen immer noch schwer, wie ein Blick auf das Hochschullehrerverzeichnis 2018 verdeutlicht. Auf den ersten drei Plätzen der häufigsten Professorennamen: Hans, Klaus und Peter. Susanne landete als erster Frauenname abgeschlagen auf Platz 62. Namen wie Karim, Kofi oder Fatima? An deutschen Hochschulen ein rares Gut. Dabei ist sich die Forschung der förderlichen Wirkung von Vielfalt bewusst. „Exzellente Wissenschaft braucht Diversität und Originalität“, fordert die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Um langfristig die Auseinandersetzung mit allen gesellschaftlich relevanten Bereichen zu sichern, müsse die Wissenschaft diese Bereiche angemessen repräsentieren – auch über die Menschen, die in diesen Fächern forschen und lehren. 

Wirtschaft braucht Vielfalt 

In Zeiten, in denen Begriffe wie „Überfremdung“ oder „Genderwahn“ in den öffentlichen Diskurs drängen, setzt sich auch die Wirtschaft verstärkt für Vielfalt ein. Viele Betriebe werben aktiv für einen höheren Frauenanteil oder sind auf ausländische Auszubildende angewiesen. Ohne die 38.000 Bewerber aus Asylherkunftsländern hätten es deutsche Unternehmen letztes Jahr noch schwerer gehabt, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, berichtet das Institut der deutschen Wirtschaft. Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen- Industrie- und Handelskammertags, will den „diffusen Ängsten vor Veränderung“ ein positives Zukunftsbild der Vielfalt gegenüberstellen. „Wir als deutsche Wirtschaft sehen uns dabei besonders in der Pflicht“, sagte Schweitzer dem „Handelsblatt“. „Denn wir können sehr viele positive Erfahrungen aus unserer betrieblichen Praxis berichten.“

Ein kurzes TV-Statement zum Thema „Vielfalt in der Schule“ der Journalistin Kübra Gümüşay. Das vollständige Interview, geführt auf der didacta 2019, können Sie sich auf bildungsklick TV anschauen.

Vom 24. bis 28. März führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Stuttgart zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2020 finden Sie unter
www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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Quellenangabe: Dieser Beitrag erschien zuerst im didacta Themendienst.

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