"Integration? Nicht ohne Bildung"
Das deutsche Bildungssystem benachteiligt Kinder mit Migrationshintergrund und hat es versäumt, die kulturelle Vielfalt der Schülerinnen und Schüler zu nutzen. Unter dem Motto "Integration? Nicht ohne Bildung" diskutierten heute (24.02.) auf der Bildungsmesse didacta Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Präsident des Didacta Verbandes mit Cem Özdemir von Bündnis 90/Die Grünen, Berrin Alpbek, Vorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine und dem Vizepräsident des Bundesamts, Michael Griesbeck.
24.02.2011 Pressemeldung didacta - die Bildungsmesse"Türkischen Eltern wird immer wieder unterstellt, sie würden sich zu wenig um die Bildung ihrer Kinder kümmern", beklagte Berrin Alpbek. "Das Land muss den Migranten das Gefühl geben, dass sie hier willkommen sind und gebraucht werden. Wenn ihre Sprache und ihre Kultur nicht mehr jeden Tag zur Disposition stehen, wird es viel leichter, türkische Eltern für das deutsche Bildungssystem zu gewinnen." Alpbek, die ihr Abitur in der Türkei erworben hat und in Berlin Betriebswirtschaft studiert hat, sieht allerdings für die Bildungsmisere türkischstämmiger Kinder andere Ursachen: die hohe Arbeitslosigkeit der Eltern, wenig Berufsperspektiven für die Kinder und vor allem das selektive Schulsystem.
Auch Cem Özdemir setzte sich für eine andere Schulstruktur ein und möchte Kindern die Selektion nach der 4. Klasse nicht länger zumuten. Das Gymnasium will er nicht abschaffen, aber er fragte: "Was spricht dagegen, dass wir nicht für alle Kinder eine Stadtteilschule schaffen?" Wichtig ist Özdemir vor allem, dass Ganztagsschulen eingerichtet werden, damit dort mögliche Defizite aus dem Elternhaus ausgeglichen werden könnten.
Da Bildung am leichtesten noch vor der ersten Klasse beeinflusst werden könne, plädierte der Politiker dafür, den Erzieherberuf aufzuwerten. "Erzieher brauchen mindestens einen Bachelorabschluss und die Bezahlung muss so hoch sein, dass man damit eine Familie ernähren kann", erklärte Özdemir. Zur Finanzierung machte er zwei Vorschläge: Die sogenannte Herdprämie, mit der Eltern unterstützt werden, die ihr Kind zu Hause erziehen, will er abschaffen und der bestehende Solidaritätsbeitrag soll in einen Bildungssoli umgewandelt werden. Um das umzusetzen, müssten sich allerdings die Bildungskompetenzen zwischen Bund und Ländern ändern. "Der Bund sollte mitreden und mitfinanzieren können", sagte der Bundesvorsitzende der Grünen.
Fthenakis wies ebenfalls auf die Missstände der föderalen Bildungsstruktur in Deutschland hin. "Statt 16 unterschiedliche Bildungspläne sollten wir einen, und zwar den besten Bildungsplan für das ganze Land entwickeln", sagte der Wissenschaftler.
Auch wenn der Bund nur begrenzt in Bildung eingreifen kann, unterstützt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge viele Modellprojekte zur Integrationsförderung. Der Vizepräsident dieses Bundesamts, Michael Griesbeck, sagte: "Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. 33 Prozent der Kinder unter zwei Jahren haben heute einen Migrationshintergrund. Diese Generation dürfen wir für unseren eigenen Wohnstand nicht verlieren." Griesbeck plädierte für mehr Anerkennung für die Vielfalt der kulturellen Unterschiede. Auch in der Lehrerbildung müsse mehr kulturelles Verständnis gelehrt werden, damit die Akzeptanz der Diversität auch in den Köpfen ankomme.
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