Bildung, Betreuung und Erziehung unter einem Dach
Die ersten Jahre sind entscheidend für die Entwicklung der Kinder – darin sind sich Entwicklungspsychologen und Bildungspolitiker schon lange einig. Aber erst in den letzten Jahren ist das Lernen im frühkindlichen Bereich stark in den Fokus der gesellschaftlichen Diskussion gerückt. Bildungspläne für Kindergärten und Kindertagesstätten sind ein Produkt dieser Diskussion. Ebenso die sogenannten Bildungshäuser. Was steckt dahinter?
19.12.2007 ArtikelVorbild für die Bildungshäuser sind Einrichtungen in skandinavischen Ländern, die bereits längere gemeinsame Betreuungs- und Bildungsphasen für Kinder und Jugendliche entwickelt haben. Andere Länder verfügen über ähnliche Konzepte, in Belgien etwa besuchen alle Kinder ab drei Jahren die sogenannte Kleuterschool. In der Hälfte der europäischen Staaten gehen Kinder ab dem Alter von drei oder vier Jahren in schulische, dem jeweiligen Bildungsministerium angeschlossene Einrichtungen.
Verzahnung von Kita und Schule
In Deutschland will man jetzt aber noch einen Schritt weitergehen und plant mit den Bildungshäusern Lern- und Spielorte für Kinder von drei bis zehn Jahren mit jahrgangsgemischten Gruppen sowie gemeinsam erarbeiteten Entwicklungszielen. Kindergarten und Grundschule wären dann unter einem Dach, der Elementar- und der Primarbereich würden verschmelzen. In den Bildungshäusern soll die Zusammenarbeit von Kindergärten und Grundschulen so miteinander verzahnt werden, dass eine durchgängige Bildungseinrichtung entsteht. Vorangetrieben wird die Idee unter anderem von Bundesbildungsministerin Annette Schavan, "Bildungshäuser sind ein guter Ort, um allen Kindern bestmögliche Chancen einzuräumen und um den Benachteiligungen frühzeitig entgegenzuwirken", erklärte sie bei einer Fachtagung im Oktober 2007 in Berlin.
In Baden-Württemberg bereits gestartet
Angestoßen wurde das Projekt von den beiden Bundesländern Hessen und Baden-Württemberg. Andere sind dem Beispiel gefolgt oder auf dem Weg dorthin. Als erstes Bundesland hatte Hessen einen gemeinsamen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren entwickelt; da war der Weg für eine gemeinsame Einrichtung vorgezeichnet. In Baden-Württemberg ist sogar schon ein erster entscheidender Schritt getan: Sieben Jahre lang soll in 20 Modellprojekten mit 20 Grundschulen und 31 Kindergärten das Miteinander erprobt und wissenschaftlich begleitet werden. "Unser Ziel ist es, Kindern eine kontinuierliche und bruchlose Entwicklung ihrer Bildungsbiografie zu ermöglichen", erklärte Bildungsminister Helmut Rau im Juli in Stuttgart, als er den Start des Projekts ankündigte. Insgesamt hatten sich 93 Grundschulen und 134 Kindergärten aus 93 Orten für das Modellprojekt Bildungshaus beworben.
In Ulm, Bad Wurzach und anderswo finden jetzt gemeinsame Projekte und Ausflüge von Kindergarten- und Schulkindern statt. Kinder haben die Möglichkeit, an Bildungsaktivitäten im jeweils anderen Bildungsort teilzunehmen. Kinder lernen von Kindern. Horte werden in die Aktivitäten einbezogen, ebenso sonderpädagogische und integrative Einrichtungen für Kinder. Einrichtungen und Schulen dokumentieren und entwickeln die Bildungsprozesse von Kindern. Die Zusammenarbeit mit den Eltern hat in diesem Modellprojekt einen besonderen Stellenwert, insbesondere die Zusammenarbeit mit Eltern mit Migrationshintergrund.
Organisatorische Herausforderungen
"Zumindest für bestimmte Kinder wäre eine regelmäßige Teilnahme an Aktivitäten in der Schule eine Herausforderung, an der sie wachsen können. Umgekehrt wäre die Teilnahme an bestimmten Aktivitäten im Kindergarten für manche bereits eingeschulten Kinder eine optimale Förderungsmöglichkeit", heißt es in einer vom BMBF in Auftrag gegebenen Expertise des Sozialpädagogischen Instituts (SPI) der FH Köln. Gleichwohl verweist das Gutachten auf organisatorische Herausforderungen. Da Tageseinrichtungen für Kinder zumeist deutlich kleinere Einheiten seien als Grundschulen, werde eine Zusammenarbeit ´Eins zu Eins´ die seltene Ausnahme sein. Die Wissenschaftler sehen deswegen eher ein Modell, bei dem sich mehrere Grundschulen und Tageseinrichtungen als gemeinsames Netzwerk verstehen, das dann zu einem Bildungshaus wird.
Die Arbeit in den Bildungshäusern hat erst begonnen. Sicherlich werden sich unterschiedliche Typen entwickeln. Bildungsministerin Annette Schavan hält Bildungshäuser indes schon jetzt für den "interessantesten Schritt zur Weiterentwicklung des Bildungssystems." Der endet allerdings nach wie vor an der Schwelle zur Sekundarstufe, dann gibt es kein gemeinsames Bildungshaus mehr für alle Kinder, sondern ganz unterschiedliche Lerngebäude.
Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart
Die Anschlussfähigkeit von Bildungsprozessen in Kindertagesstätten und Grundschulen ist Thema des Symposions "Persönlichkeit stärken – Leistung fördern in Kindergarten und Grundschule", das von Prof. Dr. Gisela Kammermeyer und Prof. Dr. Sabine Martschinke gemeinsam mit dem VdS Bildungsmedien am 21.02. und 22.02.2008 im Internationalen Congresscenter (ICS) in Raum C 5.2 + 5.3 veranstaltet wird.
"Die Kinder im Blick" - Vorschulische und schulische Bildung in Baden-Württem¬berg - ein Konzept aus einem Guss. MR Christa Engemann, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg, Dienstag, 19.02.2008, 10.00 bis 11.00 Uhr, Forum Unterrichtspraxis, Halle 1 Stand 1K60
Frühkindliche Bildung in Baden-Württemberg. Rektor Klaus Lindner, Mörikeschule Backnang, Brigitte Stumpf, Städt. Humboldt-Kindergarten Heidenheim, Rektor Roland Dangelmaier, Ostschule Heidenheim, Donnerstag 21. Februar 2007, 09:30 - 10:15 Uhr, Forum am Landesstand des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg,,Halle 5, Stand 5A71.
Der Beitrag "Ausbaufähig: Weiterbildung in Deutschland" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008
Weiterführende Links
- Homepage didacta 2008
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