"Den Blick auf die Stärken der Kinder richten"
Gesundheitsförderung sollte so früh wie möglich beginnen - das ist eigentlich selbstverständlich. Doch was bedeutet Gesundheitserziehung: der tägliche Apfel, der Verzicht auf Zucker und ausreichend Bewegung? Bei der Gesundheitserziehung, so Prof. Dr. Ulrike Ungerer-Röhrich, geht es um weit mehr, nämlich darum, Kinder und ihre Ressourcen zu stärken. Im Interview erklärt die Wissenschaftlerin, wie das gelingen kann.
19.05.2011 ArtikelFrau Prof. Ungerer-Röhrich, Gesundheitsförderung im Kindergarten ist mittlerweile zu einem wichtigen Thema geworden. Es steht also schlecht um die Gesundheit der nachfolgenden Generation?
Ulrike Ungerer-Röhrich: In einigen Bereichen stimmt das, aber mit einer solchen Aussage mache ich Kinder zu Versagern, ehe sie überhaupt eine Chance auf ein gutes Leben haben. Wenn ich jemandem immer nur zeige, was er nicht kann, dann kann er auch kein gesundes Selbstkonzept entwickeln. Heute ist Gesundheitsförderung darauf angelegt, Ressourcen zu stärken, damit Kinder gar nicht erst krank werden oder bestimmte Entwicklungsschritte nicht optimal gehen können. Aus diesem Grund ist es absolut wichtig, so früh wie möglich mit der Gesundheitsförderung anzufangen. Eigentlich sollte man immer im Umgang mit Kindern versuchen, sie zu stärken. Leider gucken wir aber in unserer Gesellschaft viel eher auf Dinge, die nicht funktionieren.
Wir pflegen also eher eine Defizitpädagogik?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Ja. Es tut aber der Entwicklung der Kinder nicht gut, wenn sie immer wieder gezeigt bekommen, was sie noch nicht beherrschen, dass sie zum Beispiel die Schuhe noch nicht zubinden können, oder dass sie selbst beim Vorwärtslaufen noch auf die Nase purzeln, während andere Kinder bereits sicher rückwärts laufen können. Dazu gibt es mittlerweile auch eine Fülle von Belegen. In der Psychologie gibt es eine neue Richtung, die sich damit beschäftigt, das ist die Positive Psychologie.
Sollen Kinder also möglichst immer gelobt werden?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Tatsächlich ist die Positive Psychologie zunächst genauso abgetan worden: "Das ist doch alles Lobhudelei und das kann nicht gut sein." Es geht auch nicht darum, Kinder zu loben, wenn Dinge noch nicht funktionieren, sondern es geht darum, gemeinsam mit Kindern zu gucken, was man tun kann, damit sie Erfolg haben. Natürlich sollte man es in den Blick nehmen, wenn ein Kind etwas nicht kann. Aber man muss immer wieder daran denken, nicht an dem Defizit zu arbeiten, sondern an den Ressourcen, die für ein Überwinden dieser Probleme und Schwierigkeiten sorgen können.
Und das bedeutet im Alltag - zum Beispiel beim Schuhebinden?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Wenn ein Kind die Schuhe noch nicht binden kann, dann kann ich sagen: ´Das ist nicht so schlimm, das üben wir jetzt mal`. Und dann üben wir das eine Woche, auch zwei Wochen und immer wieder bekommt das Kind zu spüren ´ich kann etwas nicht`.
Viel klüger wäre, man würde überlegen, was man eigentlich braucht, um eine Schleife binden zu können. Um dann an diesen Fähigkeiten weiterzuarbeiten und sie weiterzuentwickeln. In diesem Fall kann ich mit den Kindern Fingerspiele machen. Dazu gibt es wunderbare Beispiele. Wenn man Kinder solche Dinge machen lässt, die ihnen Spaß machen, und bei denen sie sagen können ´ah, toll was meine Finger können`, dann kann man auch nach einer Weile noch mal gucken, ob ihnen das Schuhebinden jetzt leichter fällt. Aber vorher haben Kinder spielerisch und mit Freude die Fähigkeiten gestärkt, die sie brauchen, um die Schuhe binden zu können. Den Blick zu verändern, das ist das Entscheidende. Den Blick auf Stärken richten und nicht auf Defizite. Kinder sind kompetent, sie wissen, was sie brauchen. Natürlich muss ich Gefahren von ihnen abwenden, die sie noch nicht im Blick haben können. Aber ansonsten wissen Kinder, was ihnen guttut.
Wie lässt sich der bisher übliche Blick auf die Defizite ändern?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Das braucht sicher auch Zeit. Wir haben für solche Themen an der Universität Bayreuth ein E-Learning-Angebot entwickelt, Seminare für gesamte Einrichtungen, für die Erzieherinnen und für die Eltern. Sie arbeiten ein ganzes Jahr an dieser Thematik, das Projekt heißt "Schatzsuche". Denn das ist die Zielperspektive, nach den Schätzen der Kinder zu suchen, aber natürlich auch nach den eigenen.
Ein ganzes Jahr lang - das klingt nach viel Aufwand für die Teilnehmer.
Ulrike Ungerer-Röhrich: Die Teilnehmer brauchen sicher zwei Stunden pro Woche, um sich mit den Themen im Internet auseinanderzusetzen und dann brauchen sie Zeit, um die Dinge auch auszuprobieren, aber das ist im Grunde genommen ja ihr Alltag, den sie sowieso gestalten müssen. Trotzdem kommt immer wieder das Argument´ das kostet zu viel Zeit und wir haben sowieso so wenig Zeit`. Pädagogische Fachkräfte sind heute tatsächlich hochbelastet, denn sie stehen unter massivem Druck. Mit dem Seminar kommt noch eine zusätzliche Herausforderung. Aber es bietet ihnen langfristig eine andere Perspektive im Umgang mit Kindern und Eltern, die sie entlastet.
Das wäre zum Beispiel?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Oft haben pädagogischen Fachkräfte ´Bauchweh` vor Gesprächen mit Eltern. Eine unserer Strategien ist, Erzieherinnen und Eltern einen Luftballon zu geben, auf den sie jeweils am Tag vor dem Gespräch die größte Stärke des Kindes schreiben. Und wenn sie am nächsten Tag zum Gespräch zusammenkommen, haben sie erst einmal beide einen Luftballon – auf diese Art in ein Gespräch einzusteigen, bringt ein anderes Klima. Sie können feststellen, wo sie jeweils die ganz besonderen Fähigkeiten des Kindes sehen, ob sie übereinstimmen oder ob ihre Wahrnehmung ganz unterschiedlich ist. Auf jeden Fall sorgt diese Herangehensweise dafür, dass sie positiv und wertschätzend auf das Kind schauen.
Und was bedeutet es für den Kindergartenalltag?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Kindergärten sollen Bildungseinrichtungen sein. Deswegen muss man wissen, wie kleine Kinder eigentlich lernen und das ist in den ersten Jahren zweifelsohne bewegt. Ein Beispiel: Wir haben an der Universität Bayreuth eine neue Krippe gebaut. Dort können Kinder, auch wenn sie noch nicht laufen können, vier Meter hoch bis unter die Decke krabbeln und die Welt von oben angucken, von der Seite und aus allen Ecken. Es ist einfach toll, wenn man die Kinder dabei beobachtet, wie sie strahlen, wenn sie die nächste Ebene erreicht haben oder wenn sie Dinge in Angriff nehmen, die sie sich zunächst nicht zugetraut haben.
Krabbeln in vier Meter Höhe, ist das nicht gefährlich?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Das ist nicht gefährlich, das wurde natürlich vom TÜV geprüft und Kinder wissen in der Regel sehr gut, wo etwas gefährlich für sie wird, und wo sie den nächsten Schritt besser noch bleiben lassen. Sie wollen von sich aus lernen, sie sind neugierig auf die Welt, die sie selbsttätig und selbst bestimmt erobern möchten. Kinder, die viele Bewegungsgelegenheiten nutzen können und denen die Bewältigung von Herausforderungen grundsätzlich zugetraut wird, entwickeln in der Regel ein sehr gutes Gespür dafür, wozu sie in der Lage sind und was sie sich zutrauen können und wollen. Die Aufgabe von begleitenden Erwachsenen sollte dabei sein, zu erkennen, wo sie Kinder noch zum nächsten Schritt ermutigen können oder wo sie Kinder auch darin bestärken, diesen Schritt noch nicht zu gehen.
Eine solche außergewöhnliche Einrichtung erfordert gewiss auch außergewöhnliche Finanzen?
Ulrike Ungerer-Röhrich: Es erfordert eher Mut, man muss die Einrichtung umdenken. Nicht jedes Kind braucht einen Stuhl in der Einrichtung, Kinder liegen auch gern auf dem Fußboden oder sitzen auf der Fensterbank. Man muss also weniger Geld für klassisches Mobiliar ausgeben, und investiert es in ein anderes Konzept. Die Dinge fangen einfach im Kopf an.
Zur Person
Dr. Ulrike Ungerer-Röhrich ist Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Bayreuth. Ihre aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen: Gesundheitsförderung in Kindergarten und Schule, Bildung und Bewegung im Elementarbereich, Bewegte Schule, Qualifikation durch E-Learning, systemische und ressourcenorientierte Konzepte im Coaching. Sie war Mitglied im Projektbeirat Kitas bewegen der Bertelsmann-Stiftung und gehört zum erweiterten Vorstand der Plattform Ernährung und Bewegung. Ulrike Ungerer-Röhrich war außerdem vier Jahre lang Vizepräsidentin der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft.
Literatur
"Gesunde Kita – starke Kinder!"
Methoden, Alltagshilfen und Praxistipps für die Gesundheitsförderung in Kindertageseinrichtungen
Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (Hrsg.)
Euro 17,95
ISBN 978-3-589-24708-0
Cornelsen Verlag Scriptor 2011
Links
Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb)
peb ist eine nationale Plattform, die Akteure, Kompetenzen, Informationen und Aktionen mit dem Ziel vernetzt, eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung und mehr Bewegung bei Kindern und Jugendlichen zu fördern.
Schatzsuche
Informationen zum Fortbildungsangebot der Universität Bayreuth: "Schatzsuche im Kindergarten"
Kinderkrippe der Uni Bayreuth
Kurzinformation zur Kinderkrippe der Universität Bayreuth
Weiterführende Links
- Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (peb)
- Schatzsuche in der Kita
- Kurzinformation zur Kinderkrippe der Uni Bayreuth
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