Gesundheit

Der Arzt auf Rädern

Wenn Kinder sich auffällig verhalten, ist es für Kita-Fachkräfte nicht einfach zu erkennen, ob es sich um normale Entwicklungsschritte oder um psychische Probleme handelt. Ärztlicher Rat hilft, das Verhalten besser zu verstehen und passende Maßnahmen einzuleiten. Von Roman Eisner

15.01.2025 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Blondes Kind malt mit Fensterfarben einen Regenbogen an das Fenster einer Kita. © Adobe Stock

Mit dem Fahrrad sind es nicht mal zehn Minuten. Stefan Berrisch verlässt seine Arztpraxis, steigt auf sein Rad und fährt los. Während er die Innenstadt von Celle durchquert, vorbei an den Fachwerkhäusern der Altstadt, geht er im Kopf nochmal den Vortrag durch, den er gleich halten wird. Er versucht, die Fragen vorherzusehen, die ihm seine Zuhörerinnen und Zuhörer im anschließenden Gespräch stellen könnten. Nach wenigen Minuten hat er sein Ziel erreicht, schließt sein Rad ab und öffnet die Tür der Kita An der Christuskirche.

Stefan Berrisch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In seiner Praxis betreut er Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 21 Jahren, er ist selbst Vater von drei kleinen Kindern. Heute spricht er mit den Erzieherinnen und Erziehern über das Thema „Essstörungen bei psychisch auffälligen Kindern“. Möglich macht das die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ aus Hamburg. In ganz Deutschland vermittelt sie kostenfrei Fachärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie -psychotherapie an Kitas. Diese sollen als Patinnen und Paten die Erzieherinnen und Erzieher, aber auch die Eltern der Kinder mit ihrer Expertise unterstützen. Paten wie Stefan Berrisch veranstalten mindestens zweimal im Jahr Informationsabende in den Einrichtungen – ehrenamtlich, nach Feierabend. Der Kontakt zur Stiftung kam 2023 auf einem Kongress zustande. Zwei Kriterien mussten für ihn erfüllt sein, um sich als Kita-Pate zu engagieren: „Die Kita sollte in der Nähe sein, damit ich mit dem Fahrrad hinfahren kann. Und es sollte nicht die Kita meiner eigenen Kinder sein.“

Corona veränderte alles

Für Esther Netz ist das ein Glücksfall in ihrer 40-jährigen Berufserfahrung. Sie leitet die Kita An der Christuskirche in Celle. Die Einrichtung umfasst fünf Gruppen mit 95 Kindern. Im Frühjahr 2023 erhielt sie eine E-Mail ihres Trägers mit dem Angebot der Stiftung „Achtung! Kinderseele“. Fürsie stand schnell fest, dass eine Zusammenarbeit sinnvoll sei: „Als Kita sind wir für die Erziehung, Bildung und Betreuung der Kinder zuständig. Aber es kommen immer mehr Aufgaben auf uns zu und seit Corona häufen sich die Auffälligkeiten der Kinder.“ Da sind sie für jede Hilfe dankbar.

Die Stiftung „Achtung! Kinderseele“ wurde 2009 von drei Fachverbänden für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie gegründet. Mit verschiedenen Hilfsangeboten setzt sie sich für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein. Im Kita-Patenprogramm engagieren sich aktuell 48 Fachärztinnen und -ärzte an verschiedenen Standorten in Deutschland. 

Die Forschung bestätigt die Beobachtungen von Esther Netz. Die Coronapandemie hat die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland stark belastet. Die COPSYStudie des Universitätsklinikums HamburgEppendorf befragte zwischen 2020 und 2021 2000 Familien dreimal. Es zeigte sich eine Zunahme psychischer Auffälligkeiten: Angststö- rungen und Depression nahmen zu, auch psychosomatische Beschwerden wie Bauchund Kopfschmerzen, Einschlafprobleme und Gereiztheit. Zu Beginn gaben 71 Prozent der Kinder an, sich durch die Pandemie belastet zu fühlen, bei der zweiten Befragung stieg dieser Wert auf 83 Prozent. Die dritte zeigt mit 82 Prozent eine minimale Verbesserung.

Alle Studien nach der Pandemie zeigen diese leichte Verbesserung, die mentale Gesundheit hat jedoch nicht das Niveau vor der Pandemie erreicht. Das bestätigt auch der DAK Kinder- und Jugendreport 2023, der auf Daten von 800 000 Kindern im Alter von 0 bis 17 Jahren basiert. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinderund Jugendärztinnen und -ärzte BVKJ, bezeichnete die Ergebnisse als beunruhigend: „Dass die Neuerkrankungsraten leicht sinken, ist kein Grund für eine Entwarnung." Die Prävalenzen seien gegen- über 2019 immer noch sehr hoch. Insbesondere die zunehmende Komorbidität bei Depressionen, also das Auftreten weiterer Krankheiten, Angststörungen sowie derTrend zur Chronifizierung sorgen Fischbach, denn dies lasse die Hoffnung schwinden, dass die Probleme in absehbarer Zeit von selbst wieder verschwinden werden.

Achtung vor den Red Flags

Stefan Berrisch hilft dem Team um Esther Netz nicht nur bei den zwei verpflichtenden Informationsabenden, sondern auch in regelmäßigen Besprechungen und Telefonaten. Netz und ihre Kollegen überlegen sich vorab, welche Themen und Fälle sie mit Berrisch besprechen möchten. „Mit seiner Expertise hilft er unserem Team besser einzuschätzen, ob das Verhalten bestimmter Kinder schon auffällig oder noch normal ist“, betont Kita-Leiterin Netz. So beobachtet sie bei den Kindern zunehmend sozial-emotionale Schwierigkeiten, aggressives Verhalten und Konzentrationsprobleme. Als Erzieherinnen und Erzieher könne man sich nicht nur auf sein pädagogisches Bauchgefühl verlassen, erläutert Netz: „Wir haben keinen diagnostischen oder keinen therapeutischen Auftrag. Wenn wir das Verhalten eines Kindes nicht vollends verstehen, bitten wir Doktor Berrisch, sich den Fall genauer anzusehen und uns Hintergrundinformationen zu geben.“ Das ermögliche ihnen neue pädagogische Handlungsoptionen im Umgang mit dem Kind, aber auch eine bessere Beratung der Eltern – diese kann auch darin bestehen, dass das Kita-Team den Eltern die Vorstellung in einer Facharztpraxis empfiehlt.

Wenn die Erzieher/-innen mit Stefan Berrisch über Fallbeispiele sprechen, hört er vor allem auf Warnsignale: „Bei bestimmten Verhaltensweisen von Kindern werde ich hellhörig. Dann frage ich genauer beim Kita-Team nach und wir loten Handlungsoptionen aus.“ Eine Erzieherin berichtete ihm darüber, dass ein Kind sehr wenig und teilweise gar nicht essen wolle. Berrisch erinnert sich: „Wir sprachen über dieses auffällige Essverhalten und darüber, ob es die Krankheit Anorexie, also Magersucht, im frühen Kindesalter schon gibt oder ob das Verhalten des Kindes eine Reaktion auf Vorkommnisse im Elternhaus sein kann.“ Daraus entstand die Idee, einen eigenen Informationsabend zu diesem Thema zu veranstalten.

Probleme liegen tiefer

Der Aufklärungsbedarf in Netz‘ Kita-Team ist auch bei anderen Themen hoch. Viele der Kinder, die 2024 einen Kindergarten besuchen, sind in der Coronazeit geboren und aufgewachsen. Bemerkbar sei vor allem, dass viele dieser Kinder zurückhaltender und ängstlicher seien. Netz sagt: „Die Kinder haben aufgrund der Corona-Isolation nie oder nur eingeschränkt eine Krippe, eine Turngruppe oder einen Spielplatz besucht. Sie verbrachten die erste Zeit nur mit ihrer Familie. Dann kommen sie in unsere Einrichtung in eine Gruppemit 25 anderen Kindern und es ist keine Mutter da, die rund um die Uhr ihre Bedürfnisse vom Gesicht abliest.“ Viele Kinder reagieren dann auffällig und sind ängstlich. Sie sind den Umgang mit so vielen Menschen und Gleichaltrigen nicht gewohnt.

Oft läge das Problem mit der Ängstlichkeit der Kinder tiefer, erklärt der Psychiater Berrisch: „Ängste können von den Eltern kommen, die sie auf ihre Kinder übertragen, etwa die Angst vor Erkrankungen.“ Esther Netz beobachtet, dass es zunehmend Kinder gibt, die sich ständig die Hände waschen. Gemeinsam mit ihrem KitaPaten haben Netz und ihr Team über das Thema reflektiert: Kann es zum Beispiel sein, dass sich die Mama und der Papa des Kindes ständig die Hände waschen? Und dass sie das deshalb tun, weil sie einen Opa oder eine Oma durch Corona verloren haben? Diese Gespräche mit Stefan Berrisch helfen dem Kita-Team, das Verhalten der Kinder besser einzuordnen und Strategien für Elterngespräche zu entwickeln. Und auch Berrisch lernt dabei dazu: „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern Psychiater.“ Berrisch wird sich weiterhin in der Kita von Esther Netz engagieren. Er muss nur auf sein Rad steigen und losfahren.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Meine Kita, Ausgabe 4/2024, S. 36-38 erschienen.



Mehr zum Thema


Schlagworte

Ein Kommentar vorhanden

  • 18.01.2025 17:44 Uhr
    Eine pädagogische Beratung kann etwas bringen. Aber einfach Psychopharmaka zu verabreichen, wäre natürlich schädlich. Ich hoffe, dass das hier nicht vorkommt.
Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden