Kinderrechte

Ein unvollendetes Versprechen

Kinderrechte werden noch nicht ernst genug genommen. Experte Jörg Maywald stellt klar: Erwachsene tragen dafür die Verantwortung – trotz stressiger Zeiten und Fachkräftemangel. Interview: Martin Stengel

17.12.2024 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Kinderhände schaufeln Sand in ein Sandförmchen. © www.pixabay.de

Meine Kita: Kinderrechte sind in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben, die Deutschland 1992 ratifiziert hat. Wie sieht es mit der Umsetzung aus?

Jörg Maywald: Die Konvention gilt in Deutschland seit der Rücknahme der Vorbehaltserklä- rung 2010 ohne Einschränkungen. Doch sie hat hier nur den Rang eines einfachen Bundesgesetzes und ist damit der Verfassung untergeordnet. Es gibt sogar Konflikte mit dem Grundgesetz. Das zeigt, wie wichtig es wäre, Kinderrechte direkt in die Verfassung aufzunehmen.

Wie kommen Kinder im Alltag zu ihren Rechten?

Kinder haben zwar Rechte, doch die Umsetzung hängt von den Erwachsenen ab, die diese Rechte durchsetzen müssen. Kinder sind Rechteinhaber, aber Erwachsene tragen die Verantwortung. Sie müssen darauf achten, dass Kinder geschützt und gefördert werden und ihnen Beteiligung ermöglicht wird.

Wie kann man Kindern ihre Rechte vermitteln?

Sie sind häufig zu jung, um diese selbst einzufordern. Es ist wichtig, dass Kinder früh erfahren, welche Rechte sie haben. Natürlich können sie nicht alleine dafür einstehen, weshalb hier Erwachsene gefragt sind. Die Verantwortung kann und darf nicht auf die Kinder abgewälzt werden.

Jörg Maiwald ist Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der Fachhochschule Potsdam.

Gerade in Kitas oder Schulen besteht ein Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern.

Es ist unvermeidlich, dass Erwachsene Macht über Kinder haben. Entscheidend ist, dass sie diese Macht immer im besten Interesse der Kinder einsetzen. Leider gibt es in Familien, Kitas und Schulen auch Fälle von Machtmissbrauch, vor allem in Form seelischer Gewalt. Hier muss die Sensibilität steigen, denn auch subtile Verletzungen können großen Schaden anrichten.

Welche Formen von Gewalt treten in Kitas auf?

Wir müssen hier differenzieren. Schwere Vorfälle wie Misshandlung oder sexueller Missbrauch sind glücklicherweise selten. Aber leichtere Formen von seelischer Gewalt, wie Beschämung oder Bevorzugung einzelner Kinder, kommen häufiger vor. Für diese Verhaltensweisen gibt es meist keine Meldepflicht. Sie sind daher in ihrer Häufigkeit oft unsichtbar, auch wenn sie einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben. Die Intakt-Studie zeigt, dass jede vierte pädagogische Interaktion nicht kindgerecht ist – das ist alarmierend.

Was sind die Hauptursachen für unangemessenes Verhalten von Fachkräften in der Kita?

Die Gründe sind vielfältig. Eine häufige Ursache ist das individuelle Verhalten der Fachkraft selbst, oft beeinflusst von eigenen negativen Kindheitserfahrungen. In Stresssituationen greifen einige Fachkräfte unbewusst auf Muster zurück, die sie selbst als Kinder erlebt haben, wie etwa strikte Essensregeln. Daneben spielen strukturelle Faktoren eine große Rolle, wie überfüllte Gruppen, unzureichende Ausstattung oder der derzeit akute Fachkräftemangel. Auch die Team- und Leitungsqualität sind wichtige Einflussfaktoren: Ein unterstützendes und transparentes Arbeitsumfeld trägt dazu bei, Fehlverhalten zu verringern. Schließlich kann akuter Stress – sei es durch private Herausforderungen oder besonders anspruchsvolle Situationen in der Gruppe – das Risiko für solches Verhalten zusätzlich erhöhen.

Ein sensibles Thema. Wie können Eltern überhaupt erkennen, ob ihr Kind in der Kita unangemessen behandelt wird?

Oft erzählen die Kinder von solchen Erlebnissen. Hier ist es wichtig, zuzuhören und das Erzählte nicht gleich als Fantasie abzutun. Wenn ein Kind plötzlich sein Wesen deutlich ändert, kann das ein Anzeichen sein, dass etwas nicht stimmt. Jede Kita sollte zudem über ein Beschwerdeverfahren verfügen. Leider hapert das in der Praxis, obwohl seit zwölf Jahren gesetzlich vorgeschrieben ist, dass alle Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen ein solches Verfahren vorhalten.

Was können Erwachsene tun, wenn sie den Verdacht haben, dass etwas vorgefallen ist?

Es gibt verschiedene Stufen. Zunächst sollte man versuchen, ein kollegiales Gespräch zu führen, etwa einer Kollegin zu sagen: „Ich hatte da ein ungutes Gefühl. Lass uns darüber reden.“ Wenn das nichts bringt oder wenn das Verhalten gravierend ist, muss die Leitung informiert werden, die dann den Träger und gegebenenfalls die Aufsichtsbehörde einbezieht. Wichtig ist hier, dass es nicht ums Petzen geht, sondern um den Schutz der Kinder.

Wo ist die Grenze zwischen angemessener Erziehung und unangemessenem Verhalten gegenüber Kindern?

Die Grenze ist oft schwer zu ziehen und kann sowohl in der Familie als auch in pädagogischen Einrichtungen Unsicherheiten hervorrufen. Grundsätzlich ist es wichtig, dass Erziehung gewaltfrei bleibt. Es gibt jedoch Situationen, in denen Erwachsene gezwungen sind, ein Kind festzuhalten, um es vor sich selbst oder anderen zu schützen, wie zum Beispiel bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. Diese Maßnahmen müssen jedoch stets im Sinne des Schutzes und nicht aus einem impulsiven oder aggressiven Antrieb heraus erfolgen. Eine offene Kommunikation im Nachhinein – etwa durch Erklärungen oder Entschuldigungen – ist entscheidend, um Verständnis und Vertrauen aufzubauen. Letztlich sollten Erwachsene stets bemüht sein, ihre Erziehungsmethoden zu reflektieren und gegebenenfalls professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Sie haben einmal gesagt, dass gewaltfreie Erziehung ein „unerreichbares Ideal“ sei. Was meinen Sie damit?

Der Anspruch der Gewaltfreiheit ist sehr hoch. Ich würde von niemandem – auch nicht von mir – erwarten, ihn immer zu erfüllen. Vielmehr geht es darum, sich stets sensibel mit dem eigenen Fehlverhalten auseinanderzusetzen und dem Ideal so nahe wie möglich zu kommen.

Was wünschen Sie sich in Bezug auf die Kinderrechte von der Politik?

Neben der Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz wäre es wichtig, die Rahmenbedingungen in Kitas und Schulen zu verbessern – kleinere Gruppen, mehr Fachkräfte. Ebenso sollten pädagogische Fachstandards klarer definiert werden. Im medizinischen Bereich gibt es Leitlinien, die auch in der Pädagogik Orientierung schaffen könnten. Letztlich führt das zu einer besseren Professionalisierung des gesamten pädagogischen Bereichs.

Das Interview mit Jörg Maywald in ausführlicher Form findet sich in der Episode „Kinderrechte: Jede vierte pädagogische Interaktion ist nicht kindgerecht“ des didacta Bildungspodcast, verfügbar auf bildungsklick.de und allen gängigen Podcastplattformen. In schriftlicher Form ist dieses Interview zuerst im Magazin Meine Kita Ausgabe 4/2024, S. 30-32 erschienen.



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