DKLK-Studie

Dramatische Personalunterdeckung trotz Gute-Kita-Gesetz

„40 Prozent der Kitaleitungen geben an, dass sie in mehr als einem Fünftel der Zeit wegen Personalunterdeckung ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen können", so Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), anlässlich der heutigen Veröffentlichung der DKLK-Studie 2021.

24.08.2021 Bundesweit Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)
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"Das heißt, an mindestens einem Tag pro Woche ist die Aufsicht in diesen Kindertageseinrichtungen nicht mehr entsprechend den gesetzlichen Vorgaben garantiert. 7,3 Prozent der Befragten schätzen sogar, dass sie im zurückliegenden Jahr in über 60 Prozent der Zeit in Personalunterdeckung gearbeitet haben. Bei etwa 57.500 Kitaeinrichtungen in Deutschland hieße das: Über 4.000 Kitaeinrichtungen in Deutschland mussten über die Hälfte des Jahres unter Gefährdung der Aufsichtspflicht arbeiten. Allein diese Zahlen machen deutlich: Erwartungen, die die Politik vor allem mit dem sogenannten Gute-Kita-Gesetz geschürt hat, wurden vielfach nicht erfüllt. Dass Gelder aus dem Gesetz von vielen Ländern nicht in dringend notwendige Verbesserungen der Kita-Qualität und stattdessen in eine Senkung oder Abschaffung der Elternbeiträge investiert wurden, unterstreicht den Etikettenschwindel des Gesetzes und ist eine klare politische Fehlentscheidung“, kommentiert Udo Beckmann anlässlich der heutigen Veröffentlichung der DKLK-Studie 2021 im Rahmen des Deutschen Kitaleitungskongresses in Düsseldorf.

„Dass 72 Prozent der Kitaleitungen angeben, dass sich der Personalmangel in den vergangenen 12 Monaten verschärft hat, verdeutlicht die Brisanz der Lage“, so Beckmann. Träger stellen heute Personal ein, welches vor Jahren wegen mangelnder Passgenauigkeit nicht eingestellt worden wäre, so die Wahrnehmung von 46,9 Prozent der Befragten. Eine nahezu logische Konsequenz ist, dass die hohe Arbeitsbelastung der pädagogischen Fachkräfte zu höheren Fehlzeiten und Krankschreibungen führt, so die Bewertung von 87,6 Prozent der befragten Kitaleitungen. Dass der dramatische Personalmangel an Kitas Fachkräfte und Kinder gleichermaßen betrifft, zeigt auch der Blick auf die Fachkraft-Kind-Relation. Trotz Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr schätzen nach wie vor 80 Prozent der Befragten diese als schlechter ein, als es die wissenschaftlichen Empfehlungen für das Betreuungsverhältnis vorgeben (U-3-Bereich: 1:3; Ü-3-Bereich: 1:7,5).

Die Ein- und Auswirkungen im Zusammenhang mit der Coronapandemie haben die Herausforderungen für Kitaleitungen zusätzlich erschwert. Als größtes Problem benennen fast 80 Prozent der Befragten ständig wechselnde und/oder unklare Vorgaben und damit fehlende Planungssicherheit. Neben der unzureichenden Personalausstattung fallen den Kitas auch die Defizite im Bereich der digitalen Ausstattung auf die Füße. 41,5 Prozent benennen eine Verbesserung dieses Bereiches als eine der drei wichtigsten Maßnahmen in Bezug auf die Situation in der Pandemie. 27 Prozent der Befragten geben zudem an, dass es eines der drei größten Probleme in der Coronapandemie sei, dass sich Eltern nicht an die Vorgaben hielten. „Das zeigt, dass sich der Frust in Teilen der Gesellschaft über bestehende „Coronaregeln“ vielfach an Kita und Schule entladen hat, wie auch eine vom VBE in Auftrag gegebene forsa-Umfrage im Mai dieses Jahres zeigte. Ein wesentlicher Grund: Das Regelungschaos und die intransparente Kommunikation der Politik verunsichern viele. Die Folge sind unter anderem Konflikte an Kitas. Hier wird pädagogisches Fachpersonal dafür verantwortlich gemacht und dafür abgestraft, dass es seiner Arbeit nachkommt und die verordneten Infektionsschutzmaßnahmen umsetzt. Das darf nicht sein“, so Beckmann.

„Es verwundert in diesem Kontext nicht, dass sich auch in der DKLK-Studie 2021 keine Verbesserungen hinsichtlich der wahrgenommenen Wertschätzung des Berufsbildes durch die Öffentlichkeit und vor allem durch die Politik zeigen. Daran haben auch die öffentlichen Bekundungen über die Systemrelevanz von Kitas in der Pandemiezeit und das Gute-Kita-Gesetz nichts geändert“, urteilt der Bundesvorsitzende. Laut Studie fühlen sich fast 80 Prozent der Kitaleitungen nach wie vor von der Politik nicht ausreichend gewürdigt. „Ein zusätzliches Warnsignal: Jüngere Leitungskräfte sehen ihre Tätigkeit deutlich weniger wertgeschätzt, als es bei älteren Leitungskräften der Fall ist. Anstrengungen, den Beruf attraktiver zu gestalten, werden auch konterkariert, wenn Wertschätzung und Bezahlung nicht stimmen (55,2 Prozent empfinden ihr Gehalt als tendenziell unangemessen) und übertragende Verantwortung, insbesondere im Leitungsbereich, unzufrieden macht. Erst recht, wenn man sich vor Augen führt, dass in den kommenden Jahren ein großer Teil der Leitungspositionen in Deutschland neu zu besetzen ist. Wir brauchen engagierte Menschen, die Leitungsverantwortung übernehmen, gleichzeitig ist die Gefahr offenbar, dass sich Menschen unter den bestehenden Bedingungen aus dem System verabschieden“, warnt Beckmann. Ein Kernproblem: Zwischen vertraglich festgelegter und benötigter Leitungszeit klafft eine eklatante Lücke. 16,2 Prozent der Kitaleitungen arbeiten gänzlich ohne vertraglich zugesicherte Leitungszeit. 52,6 Prozent der Kitaleitungen benötigen mehr als 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für Leitungsaufgaben, aber nur 30,5 Prozent der Befragten wird diese Leitungszeit vertraglich eingeräumt.

Der VBE fordert:

  1. Aufeinander abgestimmte, flächendeckende Investitionen im Rahmen einer bundesweit abgestimmten Fachkräfteoffensive, ergänzt um regional angepasste Maßnahmen. Diese müssen die Ausweitung der Ausbildungskapazitäten an Fach- und Hochschulen, das Angebot adäquater Entwicklungsperspektiven für ausgebildete Fachkräfte und die leichtere Anerkennung europäischer Abschlüsse einbeziehen. Die Ausbildung im frühpädagogischen Bereich darf dabei qualitativ nicht ausgedünnt werden.
  2. Sofortmaßnahmen zur Beseitigung aufsichtspflichtrelevanter Personalunterdeckungen.
  3. Nachhaltige Investitionen in eine wahrnehmbare Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf mehreren Ebenen, vor allem bei Personalausstattung, Bezahlung, Einführung einer grundsätzlich vergüteten Ausbildung, Fort- und Weiterbildungen sowie räumlicher und sächlicher Ausstattung, um die Attraktivität des Berufsbildes dauerhaft zu stärken.
  4. Eine Anpassung der vertraglich fixierten Leitungszeit an den tatsächlichen Bedarf, systematische Evaluierungen der Leitungszeit und vertragliche Korrekturen durch den Träger, wo angezeigt. Eine Entlastung von Kitaleitungen bei Verwaltungsaufgaben, unter anderem durch eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur.
  5. Weitere Anstrengungen, um den Fachkraft-Kind-Schlüssel in Richtung des von der Wissenschaft empfohlenen Niveaus zu bringen. Der unterstützende Aufbau multiprofessioneller Teams muss auch in diesem Sinne gefördert werden
  6. Im Kontext der Coronapandemie nachvollziehbare, klare und – wo immer möglich – einheitliche Vorgaben für Kitas. Zudem braucht es eine ehrliche und systematische Analyse der Erfahrungen aus der Pandemie unter Einbezug aller Akteure. Von der Politik müssen präventiv Maßnahmenpläne und Mechanismen für künftige Krisenszenarien entwickelt werden. Der Aufbau eines professionellen Krisenmanagements ist zwingend erforderlich. Die Digitalität von, für und mit Kitas muss in allen Dimensionen weiterentwickelt werden.

Die DKLK-Studie 2021 ist eine Umfrage von FLEET Education Events in Kooperation mit dem VBE Bundesverband sowie den drei VBE Landesverbänden, dem Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), dem VBE Baden-Württemberg und dem VBE Nordrhein-Westfalen, unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Ralf Haderlein und Dr. Andy Schieler von der Hochschule Koblenz. An der Umfrage, welche zum sechsten Mal erhoben wurde, haben 4.460 Kitaleitungen teilgenommen, fast 60 Prozent mehr als 2020 und so viele wie nie zuvor. Der Deutsche Kitaleitungskongress ist eine gemeinsame Veranstaltung von FLEET Education Events, dem VBE Bundesverband, den drei VBE Landesverbänden –Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), VBE Baden-Württemberg und VBE Nordrhein-Westfalen – sowie der AOK.


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