Eltern und Erzieherinnen

"Eine Bildungspartnerschaft muss keine Liebesbeziehung sein"

(red) Bei der traditionellen Elternarbeit in der Kita ging es meist um die Mithilfe bei Festen, um die Unterstützung bei Ausflügen oder darum, den Spielplatz aufzupeppen. Darüber hinaus begegneten sich Eltern und pädagogische Fachkräfte eher mit einer gewissen Distanz. Inzwischen wird jedoch von ´Bildungspartnerschaften` gesprochen. Was steckt dahinter und wie sieht eine solche Partnerschaft ganz konkret aus? Das wollten wir von Prof. Dr. Timm Albers wissen.

27.01.2014 Artikel
  • © privat

Wenn Eltern und Erzieherinnen sich trafen, fiel das bislang unter den Begriff ´ Elternarbeit`. Heute heißt es Bildungspartnerschaft. Ist das nur ein neuer Name oder geht damit auch eine andere Qualität des Zusammenwirkens einher?

Timm Albers: Der Begriff Bildungspartnerschaft scheint in der Debatte um frühkindliche Bildung tatsächlich den Begriff Elternarbeit abzulösen. Der Hintergrund ist, dass die bei allem Bemühen um eine optimale Unterstützung der Kinder in Krippe, Kindergarten, Schule und Hort häufig die Tatsache vernachlässigt wird, dass die Grundlagen für die Bildung und Entwicklung in der Familie gelegt werden. Natürlich ist Elternarbeit immer schon als wichtiger Baustein in pädagogischen Konzepten verankert gewesen und wird es auch bleiben. Eine Partnerschaft zwischen pädagogischen Fachkräften und Erziehungsberechtigten markiert dabei das Ziel, dass die Familie zumindest als gleichberechtigt wahrgenommen wird, wenn es um die Bildung der Kinder geht. Bildungspartnerschaft muss dann keine Liebesbeziehung sein, sondern Elternarbeit im Sinne der Kooperation auf Augenhöhe.

Wie profitieren die verschiedenen Akteure: Eltern, Erzieherinnen und schließlich die Kinder?

Timm Albers: Der Leiter einer Kita in einem belasteten Stadtteil berichtete im Rahmen eines Projekts zur Unterstützung von Familien in Armutslagen eindrucksvoll, wie ein veränderter Blick auf die Familien sich auf Elternarbeit auswirken kann. Während Eltern häufig zu Gesprächen in die Kita gebeten wurden, wenn es Probleme mit dem Verhalten der Kinder gab, waren die Mütter und Väter plötzlich überrascht, als die Kita sich entschloss, Entwicklungsgespräche zu führen, in denen die Ressourcen der Kinder in den Vordergrund gestellt wurden. Wenn Verfahren wie die Bildungs- und Lerngeschichten oder Portfolios eingesetzt werden, ermöglicht es Eltern einen vertieften Einblick in die professionelle Arbeit der Kindertageseinrichtung. Interessen, die das Kind in der Kita verfolgt, können dann zuhause fortgeführt werden. Wenn Eltern stärker in die Arbeit einbezogen werden, wenn Möglichkeiten der Beteiligung gegeben werden, führt das im Idealfall zu einem verbesserten Verständnis und zu einer stärkeren Identifikation mit der Bildungseinrichtung Kita. Umgekehrt ermöglicht ein Dialog auf Augenhöhe auch den frühpädagogischen Fachkräften einen Einblick in das Familienleben. Dass dies ein langwieriger Prozess ist, bei dem Vorurteile und Vorbehalte abgebaut werden müssen, ist selbstverständlich.

Sind die Erzieherinnen auf diese Partnerschaft vorbereitet, beziehungsweise was müsste dafür noch getan werden?

Timm Albers: Eltern haben Vorurteile gegenüber der Kindertageseinrichtung, ebenso wie frühpädagogische Fachkräfte sie im Hinblick auf die Familien haben. Familien sind genauso unterschiedlich in ihren Bedürfnissen und Ausgangslagen, wie das die Kinder einer Einrichtung sind. Zu einem besseren gegenseitigen Verständnis trägt die Vernetzung von Kindertageseinrichtungen mit Angeboten der Frühen Hilfen, Frühförderung, Familienbildung, Elterntrainings, Institutionen des Gesundheitssystems und weiteren Angeboten für Familien in der Kommune oder im Stadtteil bei. Wenn frühpädagogische Fachkräfte in der Kommunikation mit Erziehungsberechtigten an ihre Grenzen kommen, brauchen sie Unterstützung durch Fachberatung und Supervision. Zentral für das Gelingen von Bildungspartnerschaft ist das Einlassen auf die möglicherweise völlig unterschiedlichen Bildungsverständnisse von Familie und Institution. Die Anerkennung der unterschiedlichen Ausgangslagen in der Elternarbeit kann im Prozess dann zu einer Annäherung von Positionen im Sinne einer Bildungspartnerschaft führen.

Zur Person

Timm Albers ist Professor für Inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn. Zuvor war er Juniorprofessor für Frühkindliche Bildung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Seine Schwerpunkte in Lehre und Forschung liegen in den Bereichen Inklusion in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen, Spracherwerb und Sprachliche Bildung bzw. alltagsintegrierte Sprachförderung, sowie der interdisziplinären Frühförderung.

Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart

Kita-Seminare

Vom 25. bis zum 28. März 2014 finden auf der didacta wieder die Kita-Seminare statt. Themenschwerpunkt am Donnerstag, 27.03.2014, ist: "Bildungspartnerschaften zwischen Familie und Institution". Eröffnet wird dieser Tag um 10:30 Uhr mit dem Auftaktvortrag von Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis.

Daran schließen sich Workshops zum Thema an, unter anderem von 13 Uhr bis 14:30 Uhr der Workshop Familie im Wandel mit Prof. Dr. Timm Albers.

27.03.2014

Elternarbeit - Tipps für die Praxis, 11:00 - 11:45 Uhr Halle 1, Stand C81, Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg e. V.

28.03.2014

Aktionstag: Wohin gehen die Kitas und wer steuert ihre Entwicklung? Der Tradition folgend, laden die kirchlichen Trägerverbände KTK-Bundesverband und BETA zusammen mit dem Didacta Verband in Stuttgart wieder zum Aktionstag ein. Die Entwicklung der Kitas steht dabei im Mittelpunkt. 09:30 - 13:00 Uhr, ICS, Raum C7

Weiterführende Informationen


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