"Engagierte Lehrer sind Helden des Alltags"
"Wer an der Bildung spart, spart an der falschen Stelle", erklärte heute Bundespräsident Horst Köhler in seiner mit Spannung erwarteten Grundsatzrede zur Bildung.
21.09.2006 ArtikelDabei nahm er alle Beteiligten in die Pflicht: die politisch Verantwortlichen, die Eltern und die Lehrer. Ministerpräsidenten und die Kultus- und Bildungsminister hätten den Menschen in Deutschland nach PISA versprochen, die Bildungsdefizite abzubauen, so Köhler. " Die Deutschen werden die Vergleichsstudien und Ranglisten sehr genau verfolgen. Denn dort lässt sich durchaus ablesen, wie es um die Anstrengungen der Verantwortlichen steht."
Gemeinsam essen statt fernsehen
Von den Eltern forderte er, sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen: "Spiel und Gespräch, Vorlesen und Erzählen, gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch - das fördert die Entwicklung der Kinder. Ein Fernseher im Kinderzimmer tut es nicht." Gleichzeitig forderte er ein verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr sowie verpflichtende Sprachprüfungen vor dem Schuleintritt. "Gute Deutschkenntnisse sind nun einmal unersetzlich für den Schul- und damit für den Bildungserfolg", betonte er.
Wichtig: Musik, Kunst und Sport
Zwar solle die Schule jungen Menschen das vermitteln, was nötig sei, um sich in der Welt zurechtzufinden, um selbständig weiterzulernen und um Neues beurteilen zu können. Aber, so warnte Köhler, bei der Konkurrenz um die knappe Schul- und Lernzeit dürften Fächer wie Musik, Kunst und Sport nicht ins Hintertreffen geraten. "Denn Musik, Kunst und Sport bringen Vernunft und Gefühl zusammen, und das ist gut für Intuition und Kreativität." Es müsse endlich ernst gemacht werden mit der individuellen Förderung von Schülern. "Wir brauchen gute Lehrer - und wir brauchen auch genug Lehrer." Lehrer bräuchten auch mehr Unterstützung von Spezialisten - etwa von Logopäden, Schulpsychologen und Sozialarbeitern.
Außerdem sprach Köhler sich für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern aus. Deutlich wurde der frühere Geschäftsführender Direktor des Internationalen Währungsfonds bei der Frage der Finanzierung von Bildung: "Nur jeder zehnte Euro, den die öffentliche Hand in Deutschland ausgibt, fließt ins Bildungswesen. Bei den Ausgaben für die allgemeinbildenden Schulen liegen wir deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder, und der Abstand hat über die letzten Jahre zugenommen."
Köhler warnte vor dem Trugschluss, man könne das Problem durch eine bloße Umverteilung innerhalb der Bildungsausgaben lösen: "So richtig es ist, dass wir mehr Geld für frühkindliche Bildung und Erziehung ausgeben müssen, so falsch wäre es, dafür beispielsweise die Hochschulausgaben zu kürzen." Außerdem müsse der demographische Wandel für das Bildungswesen als zusätzliche Chance genutzt werden. Sinkende Schülerzahlen eröffneten finanzielle Spielräume und neue Gestaltungsmöglichkeiten.
Ein dickes Lob gab es schließlich für die Lehrer: "Engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die nicht aufgeben, die darauf brennen, jungen Menschen etwas beizubringen - das sind für mich Helden des Alltags", so Köhler wörtlich.
Köhler sprach in der Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln. Hier hatten im Sommer 51 Schüler ihr Abschlusszeugnis bekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte nur einer von ihnen eine Lehrstelle gefunden.
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Die Rede des Bundespräsidenten
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