Elementarpädagogik

"Erzieherinnen auf hohem Niveau qualifizieren"

Sprachförderung, Inklusion, naturwissenschaftliche Bildung und schließlich die Bildung der unter Dreijährigen - die Ansprüche an die Kindertagesstätten als Bildungsinstitutionen sind in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Eine Herausforderung, der viele Erzieherinnen mit Weiterbildung begegnen, weiß Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, ehemaliger Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. Im Interview erklärt der Präsident des Didacta Verbands, welche Fachkompetenzen Erzieherinnen besitzen sollten.

16.02.2011 Artikel
  • © privat

Herr Professor Fthenakis, wie steht es um die Bereitschaft der Erzieherinnen und Erzieher, sich fortzubilden?

Prof. Wassilios Fthenakis: Unsere Erfahrung zeigt, dass die Fachkräfte im Elementarbereich großes Interesse an weiterer Professionalisierung zeigen. Die Einführung der Bildungspläne hat dieses Bedürfnis verstärkt. Denn sie müssen nicht nur über fundierte wissenschaftliche Kenntnisse auf den Gebieten der Entwicklungspsychologie, der Neurowissenschaften und der Erziehungswissenschaften verfügen, sie sind auch gehalten, Bildungsprozesse so zu organisieren, dass kindliche Kompetenzen gestärkt werden. Dafür ist nicht nur eine elaborierte Didaktik erforderlich, die es bislang nicht gab. Sie haben auch eine Reihe von Fachkompetenzen zu entwickeln, wie z. B. die Interaktionskompetenz, die Reflexionskompetenz, Beobachtungs- und Dokumentationskompetenz, um nur einige anzudeuten. Die Individualisierung von Bildungsprozessen, ein anderer Umgang mit Vielfalt und die Einbettung des Bildungsprozesses in den sozialen und kulturellen Kontext stellen neue Herausforderungen dar.

Der Ausbau der Bildungsangebote für unter dreijährige Kinder, die Etablierung einer Bildungspartnerschaft mit der Familie und eine Vernetzung mit weiteren Bildungsorten stellen weitere Anforderungen, denen die Fachkräfte nur mit dem Erwerb zusätzlicher Kompetenz wirkungsvoll begegnen können. Schließlich verlangen die Institutionen übergreifenden Bildungspläne nach neuen Wegen der Kooperation zwischen dem Elementar- und dem Primarbereich. Erfreulich ist, dass die Erzieherinnen und Erzieher sich mit großem Engagement an Professionalisierungsangeboten beteiligen.

Die Kita-Seminare auf der didacta leisten seit Jahren einen Beitrag zur Qualifizierung der Fachkräfte. In diesem Jahr haben Sie die Struktur der Seminare verändert. Warum?

Prof. Wassilios Fthenakis: Wir haben das Programm erstmals nach Thementagen gestaltet. Dabei haben wir viele Hinweise aus der Praxis berücksichtigt. Eine solche Strukturierung erleichtert die Orientierung und macht möglich, dass die Fachkräfte an einem Tag umfassend über eine Thematik informiert werden. Bei näherer Betrachtung wird man auch erkennen können, dass wir zentrale, praxisrelevante Schwerpunkte behandeln, wie die Betreuung von Kindern unter drei Jahren, die Gestaltung von Bildungsprozessen, die Persönlichkeitsstärkung und die eigene Gesundheit, Sprache und Literacy sowie die Familie als Bildungsort. Um einen intensiven Austausch mit den Referenten zu ermöglichen, finden an den Nachmittagen Workshops mit maximal 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Das neue Konzept ist schon jetzt ein Erfolg, denn fast alle Workshops sind bereits vor der Messe ausgebucht.

Sie selbst werden nicht müde, eine Reform der Erzieherausbildung zu fordern. Warum?

Prof. Wassilios Fthenakis: Eine hohe Bildungsqualität in allen Bildungsinstitutionen können wir nur sichern, wenn wir bereit sind, die Fachkräfte auf hohem Niveau zu qualifizieren. Dies ist weder eine neue Erkenntnis noch eine Vision für die Zukunft. Denn 25 europäische Länder haben bereits begonnen, z. T. sogar vor längerer Zeit, die Ausbildung zu reformieren. In Europa steht Deutschland nur noch mit Malta auf dem gleichen, unzureichenden Niveau. Wir dürfen aber die Fachkräfte nicht länger ohne die notwendige Qualifizierung mit gestiegenen Anforderungen konfrontieren. Deshalb trete ich seit langer Zeit für eine Anhebung sowohl des Niveaus als auch der Ausbildungsqualität ein, mit allen Konsequenzen auch für die Vergütung. In Bremen entwickle ich mit einem Team im Rahmen des Projektes "Natur-wissen schaffen" der Deutsche Telekom Stiftung ein solches Ausbildungskonzept und hoffe sehr, dass wir konkrete Anregungen für eine solche längst fällige Reform bieten werden.

Dazu auf der didacta

Dienstag 22. bis Samstag 26.02
Kita-Seminare 2011
Jeder Messetag unterliegt einem speziellen Thema. Eröffnet werden die Seminare mit jeweils einem umfangreichen Fachvortrag. Anschließend werden die Fachthemen in verschiedenen Workshops konkretisiert.
ICS

Dienstag, 22.02.2011, 14 – 16 Uhr
Bündnis frühkindliche Bildung
Gesprächsteilnehmer: Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis (Präsident des Didacta Verbandes), Anette Stein (Bertelsmann Stiftung), Norbert Hocke (Mitglied des GEW-Hauptvorstandes), Eva Hammes - Di Bernardo (Vorsitzende des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes). Moderator Herr Dr. Matthias Degen
Forum didacta aktuell, Stand 5G12

Donnerstag, 24.02., 14 – 15 Uhr
Professionalisierung von Erzieherinnen und Erziehern – aber wie?
Welche Bedeutung kommen den Kindertageseinrichtungen bei der Entwicklung von Bildungsprozessen von Kindern unter drei Jahren zu? Mit welchen Mitteln und auf welche Weise erfahren Kinder Bildungsprozesse? Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern? Diese Fragen diskutieren Bernhard Arnold, Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg, Christian Lauer, Ausbilder am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (BS) Freiburg, MR´in Hildegard Rothenhäusler Kultusministerium Baden-Württemberg und Prof. Dr. Ursula Stenger, PH Ludwigsburg.
Marktplatz "Beruf ist Zukunft", Stand 1G76

Donnerstag, 24.02., 14:00 - 15:15 Uhr
Frühkindliche Bildung in Baden-Württemberg – Chancen, Grenzen, Möglichkeiten
Gesprächsteilnehmer: Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung, Frankfurt, Norbert Hocke, Leiter des GEW-Vorstandsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, Hans-Peter Vogeler, Vorsitzender des Bundeselternrates, Georg Wacker, Staatssekretär im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Moderator Christoph Link, Redakteur der Stuttgarter Zeitung
forum bildung Stand 1K72

Freitag, 25. 02, 10 – 17 Uhr
Aktionstag 2011: Alles nach Plan? Eine bildungspolitische Bestandsaufnahme
Mit folgenden Fragen will sich der Aktionstag kritisch auseinandersetzen: Welche Voraussetzungen sind notwendig, damit die Inhalte der Bildungspläne in Kindertageseinrichtungen umgesetzt werden können? Sind die Bildungspläne geeignet, mehr Chancengerechtigkeit für benachteiligte Kinder sicherzustellen? Gefährden die Bildungspläne und die vielfältigen bildungspolitischen Projekte das in Kindertageseinrichtungen seit vielen Jahren etablierte ganzheitliche Bildungsverständnis?
ICS, Raum C1.1.2

Freitag, 25. Februar 2011, 12:45 – 13:45 Uhr
Früh fördern statt spät reparieren - (Ein-)Blick in die Kita-Landschaft
Die Diskussionen über den Sinn und Unsinn frühkindlicher Förderung in der Kita werden seit vielen Jahren geführt. Gemeinsam mit Machern, Wissenschaftlern und der Praxis sollen die Kita-Landschaft analysiert und schließlich Anregungen für die tägliche pädagogische Praxis diskutiert werden. Teilnehmer: Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, Universität Bremen / Präsident Didacta Verband; Dr. Peter Rösner , Geschäftsführer Stiftung Haus der kleinen Forscher; Gerhard Seiler, Schulen ans Netz e.V.; Anne Lankes-Dickler , Kindertagesstätte Zwergennest, Hüllhorst; Moderation: Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer Deutsche Telekom Stiftung.
Forum didacta aktuell, Stand 5G12

Samstag, 26.02, 09:30 – 17 Uhr
Entscheidertag des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg: Bildung und Erziehung im Wandel - welche Chancen und Risiken birgt der Orientierungsplan Baden-Württemberg?
Der didacta Entscheidertag will mit Vorträgen, Diskussionen und Workshops allen Interessierten einen Blick auf die momentanen Fachdiskussionen um den aktuellen Orientierungsplan in Baden-Württemberg ermöglichen.
ICS, Raum C1.2.2


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