Waldorfpädagogik

Ganzheitlich, naturverbunden, zeitgemäß?

Waldorfkindergärten sind für Eltern eine beliebte Alternative zu staatlichen Kitas. Manche Wissenschaftler kritisieren die Theorien ihres geistigen Vaters Rudolf Steiner als verquer und unwissenschaftlich. Wie viel von Steiners Ideen heute tatsächlich noch in den Kindergärten ankommt, zeigt dieser Artikel. Von Roman Eisner

31.03.2025 Bundesweit Artikel Meine Kita
  • Mehrere Erwachsene und Kindergartenkinder sitzen in einem Kreis und machen gemeinsam Musik. © Adobe Stock

Beinahe 100 Jahre ist es her. 1926 wurde in Stuttgart der erste Waldorfkindergarten gegründet. Zu diesem Zeitpunkt war dessen Ideengeber Rudolf Steiner seit einem Jahr tot. Nach einem Verbot durch das Nazi-Regime ab 1939 lässt sich die weitere Geschichte der Waldorfkindergärten nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute als Erfolgsstory beschreiben: 1969 gab es bereits 65 Waldorfkindergärten in Deutschland, heute sind es über 2000 weltweit – allein in Deutschland arbeiten aktuell 581 Waldorfkindergärten in privater Trägerschaft. Das sind zwar nicht einmal 1 Prozent der insgesamt 60.662 Kindertageseinrichtungen in Deutschland. Dennoch polarisiert die Waldorfpädagogik bis heute, wie ein kritischer Artikel in Deutschlands auflagenstärkstem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ vom August beweist. Woher diese Polarisierung kommt, zeigt ein Blick in die Geschichte.

Die Weisheit vom Menschen und das mythische Atlantis

Rudolf Steiner wurde 1861 im heutigen Kroatien geboren, das damals zum österreichischen Kaiserreich gehörte. Ihren Namen hat die Waldorf-Pädagogik von der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, für deren Arbeiterkinder Steiner 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart eröffnete. Sein Aufsatz „Die Erziehung des Kindes“ von 1907 gilt bis heute als Grundlagentext der Waldorfpädagogik. Die Wurzeln liegen aber tiefer. Steiners Pädagogik beruht auf seiner Weltanschauung, die er Anthroposophie nannte, also die „Weisheit vom Menschen“. Steiner wollte seine Anthroposophie als Wissenschaft zum Verständnis von Natur, Geist und menschlicher Entwicklung verstanden wissen.

Er glaubte unter anderem an eine übersinnliche Welt, an das mythische Reich Atlantis und daran, dass Menschen alle sieben Jahre einen neuen „Leib“ entwickeln. Dass bis heute manche Menschen einen beinahe religiösen Kult um Rudolf Steiners Grab und das von ihm entworfene Goetheanum-Gebäude im schweizerischen Dornach pflegen, alarmiert Kritiker. Sie sehen Steiners Anthroposophie als esoterischen und spirituellen Unsinn an, der keiner empirischen Überprüfung standhält und die Anforderungen an moderne Wissenschaft nicht erfüllt. „In wirklich keinem Fall darf Rudolf Steiner an einer Hochschule unkritisch gelesen werden“, so zitiert „Der Spiegel“ den Theologieprofessor und Steiner-Experten Helmut Zander. Für Waldorferzieherinnen und -erzieher sind Steiners Anthroposophie und seine pädagogischen Vorträge hingegen die Grundlage ihrer täglichen pädagogischen Arbeit mit den Kindern.

Aber auch Birgit Krohmer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei der Vereinigung der Waldorfkindergärten, räumt ein: „Es gibt einige Stellen in Steiners Werk – dies weniger im pädagogischen Bereich als in den allgemein anthroposophischen Darstellungen, die ich so heute nicht zitieren würde.“ Krohmer ist erfahrene Waldorferzieherin, hat angehende Waldorfpädagoginnen und -pä- dagogen ausgebildet und ist heute als Fachberaterin tätig. Die Waldorfpädagogik sei mehr als Rudolf Steiner, betont sie. Schließlich hätten sich sich die Waldorfkindergärten erst nach Steiners Tod entwickelt und sich dadurch leichter als die Waldorfschulen den gesellschaftlichen Anforderungen der Zeit anpassen und andere pädagogische Ideen integrieren können, etwa die der Kinderärztin Emmi Pikler oder der Pädagogin Elisabeth von Grunelius.

Vorleben und nachahmen

Grunelius gilt als "Urkindergärtnerin" der Waldorfpädagogik und fasste 1950 die frühkindliche Waldorferziehung so zusammen: „Die Erziehung in einem Waldorfkindergarten ist überall bemüht zu vermeiden, in die freie natürliche Entfaltung des kindlichen Wesens einzugreifen und es aus dem Gleichgewicht (…) herauszureißen. Andererseits überlässt sie das Kind nicht sich selbst, sondern gibt eine Führung (…) mit den rechten Mitteln von Vorleben und Nachahmung.“ Die Ideen von Grunelius sind Teil der Ausbildung von Waldorfpädagoginnen und -pädagogen, die nicht an öffentlichen Fachakademien oder Universitäten stattfindet, sondern an privaten Waldorfseminaren und -fachschulen und der Alanus Hochschule bei Bonn.

Erleben durch alle Sinne

Für den Alltag in Waldorfkitas gilt laut Krohmer heute der Grundsatz, dass sich jedes Kind die Welt über das Erleben sinnvoller Tätigkeiten und das eigene Forschen und Erkunden im frei gewählten Spiel selbst erschließt. Die Fachkräfte würden viele praktische Tätigkeiten vorleben, die die Kinder zum Mitmachen einladen, vom Kochen, Handarbeiten und Werken bis hin zur Gestaltung und Pflege der Umgebung, also des Gruppenraumes, des Gartens oder eines Platzes im Wald. Ein besonderes Augenmerk liegt laut Krohmer auf dem Erleben durch alle Sinne. Dazu gehört mehr als das Tanzen des eigenen Namens, für das die Waldorfpädagogik berüchtigt ist. Rhythmisch-musikalische und sprachliche Spiele gehören ebenso zum Tagesablauf wie das freie Erzählen und Puppenspiele. Wichtig in Waldorfkitas: Die Spielsachen müssen aus Naturmaterialien gefertigt und wenig ausgestaltet sein. „Nur so können die Kinder ihre Fantasie entfalten“, ist sich Krohmer sicher. Die Kinder malen auch mit Wachs- und Wasserfarben und kneten mit Bienenwachs. Ganzheitlich, spielerisch, naturverbunden – vielen Eltern gefällt dieser alternative Ansatz der Waldorfpädagogik.

Puppen und Bücher selbst herstellen

Ob Bücher, Puppen oder Tablets – gegenüber Medien aller Art haben die Waldorfkitas eine eigene Haltung. Diese lässt sich am Puppenspiel illustrieren: Am besten würden Fachkräfte die Puppen eigenhändig mit Naturmaterialien herstellen und das vor den Augen oder mit der Unterstützung der Kinder, so Krohmer. Nur durch die aktive Mitgestaltung könnten die Kinder nachvollziehen, was gerade passiert und dass die Puppen als handelnde Figuren in einer Geschichte verwendet werden. Auch Bewege-Bilderbücher sollten Kitas aus diesem Grund selbst herstellen. Tablets oder andere digitalen Medien passen nicht zu dieser Haltung, betont Krohmer: „Für Kindergartenkinder sind elektronische Medien kognitiv nicht durchschaubar.“ Frühpädagogik-Experte Professor Wassilios Fthenakis sieht das anders: „Sehr wohl sind Kinder in der Lage, elektronische Medien zu verstehen und sogar metakognitiv darüber zu reflektieren.“ Verschließen wolle sich die Waldorfpädagogik neuen Entwicklungen aber nicht, denn selbstverständlich verpflichten sich die Waldorfeinrichtungen den gültigen Bildungsplänen ihrer jeweiligen Bundesländer, stellt Krohmer klar: „Wir müssen unsere pädagogischen Konzepte immer wieder an die Notwendigkeiten der Zeit anpassen und offen bleiben für den Austausch.“ Damit die Erfolgsgeschichte der Waldorfkindergärten weitergehen kann.

Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Meine Kita, Ausgabe 1/2025, S. 26-27 erschienen.



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