"Inklusion ist kein Schnellschuss"
Alle rufen nach einem inklusiven Bildungssystem, aber keiner will es bezahlen: Inklusion läuft Gefahr, zum Schwarzer-Peter-Spiel zu werden. Wie sich das verhindern lässt und wie die Umsetzung gelingen kann, erklärt Dr. Jörg Dräger.
29.01.2016 ArtikelHerr Dr. Dräger, wenn Sie dem deutschen Bildungssystem eine Note für das Fach "Inklusion" geben müssten, welche wäre das?
Eine Note für Deutschland zu vergeben ist schwierig. Die 16 Bundesländer setzen die Inklusion ganz unterschiedlich um. Zwar haben alle Bundesländer ihre Inklusionsanteile in den letzten Jahren deutlich erhöht, aber nur Schleswig-Holstein und die Stadtstaaten konnten den Anteil der Schüler, die separiert in Förderschulen unterrichtet werden, spürbar reduzieren. Den anderen Ländern ist das nicht gelungen, weil es immer mehr Schüler mit besonderen Förderbedarfen gibt. Das ist eine große Herausforderung und es gibt noch viel zu tun, um das gemeinsame Lernen überall im Land zu verankern.
Länder und Kommunen schieben sich gegenseitig die finanzielle Verantwortung für die schulische Inklusion zu. Welche Schritte fordern Sie von der Politik?
Inklusion ist eine nationale Herausforderung, die nur gemeistert werden kann, wenn Bund, Länder und Kommunen zusammenarbeiten. Wir brauchen hier kein Gegeneinander und erst Recht kein Schwarzer-Peter-Spiel, sondern einen klaren, von Bund, Ländern und Kommunen abgestimmten realistischen und bindenden Finanzplan. Es gibt deutlichen Handlungsbedarf: Erstens benötigen wir einheitliche Konzepte und gemeinsame Standards für Diagnostik und inklusive Beschulung in allen Bundesländern. Zurzeit entscheidet der Wohnort über die Teilhabechancen an Inklusion, weil sich Förderquoten, Inklusionsanteile und Exklusionsquoten innerhalb und zwischen den Bundesländern so stark unterscheiden. Wir müssen zweitens eine angemessene Infrastruktur für Inklusion und entsprechende Aus- und Weiterbildung für Lehrkräfte bereitstellen. Sonderpädagogen sollten verstärkt an die Regelschulen kommen. Drittens muss Inklusion im gesamten Bildungsverlauf verankert werden. Aktuell werden die Inklusionschancen mit jeder Bildungsstufe geringer: Während Inklusion in der Kita fast überall gelebt wird, gilt das in den Grundschulen nur noch für die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf, in den weiterführenden Schulen geht Inklusion dann drastisch zurück – von der Ausbildung ganz zu schweigen. Für die gesamte Entwicklung gilt: Inklusion ist kein Schnellschuss, Qualität muss vor Geschwindigkeit gehen.
Eltern sollen die Wahl haben, ob ihr Kind auf eine Regel- oder Förderschule geht. Ist dieses Recht noch gewährleistet, wenn einige Schultypen z.B. für die Förderbedarfe Sprache, Lernen und emotional-soziale Entwicklung abgeschafft werden?
Schulen, egal ob Förder- oder Regelschulen, werden vorwiegend dann geschlossen, wenn nicht genügend Schüler angemeldet werden. Das ist in den meisten Bundesländern das Ergebnis des Elternwillens. Das Angebot sollte also überzeugen. Die Forschung zeigt, dass Inklusion vor allem in den Förderbereichen Lernen und emotional-soziale Entwicklung gut funktionieren kann. Es ist doch die Frage, ob sich das Elternwahlrecht darauf beziehen lässt, zwischen Förder- und Regelschule zu wählen, oder ob es nicht vielmehr darum gehen sollte, die beste Schule für das jeweilige Kind zu finden. Wenn es gute Förderbedingungen gibt, dann ist das meiner Meinung nach eine inklusive Schule.
Über die größten Inklusionsbaustellen diskutiert Dr. Jörg Dräger auf der didacta 2016 in Köln unter anderem mit dem Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, Ludwig Hecke, und dem Vorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. Sie sind herzlich eingeladen!
Forum Bildung
Inklusion in der Praxis: Armutszeugnis für die Politik?
18. Februar 2016
Weitere Informationen unter www.bildungsmedien.de/didacta
10:15 Uhr - 11:30 Uhr
Forum Bildung: Halle 6, E 50/F 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.
Weitere Veranstaltungen zum Thema:
Sonderschau
Wege zur Inklusion
16. - 20. Februar 2016
jeweils 9:00 Uhr – 18:00 Uhr
Halle 8, E 40/F 45
Veranstalter: Ausschuss Frühe Bildung im Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Forum Bildung
Neue Fachlehrer/-innen: schlecht in Mathe, gut in Inklusion?
Referent: Ralph Fleischhauer, Schulministerium NRW
16. Februar 2016
Weitere Informationen unter www.bildungsmedien.de/didacta
15:30 Uhr - 16:45 Uhr
Forum Bildung: Halle 6, E 50/F 51
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e.V.
Forum didacta aktuell
Hochschultag: Der lange Weg zum gemeinsamen Lernen – Inklusion in Schule und Hochschule
18. Februar 2016
11.00 Uhr – 12.30 Uhr
Forum didacta aktuell, Halle 6, Stand C 61
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft
Einen ausführlichen Hintergrundbericht zum Thema Inklusion und weitere Veranstaltungstipps finden Sie hier.
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