Leuchtturmprojekte oder starke Kitas? Eine Milliardenfrage der frühen Bildung
Kindertageseinrichtungen haben klar definierte Bildungsaufträge. Warum entstehen dennoch ständig neue Förderstrukturen? Und wie wirksam sind diese? Ein Kommentar.
25.06.2026 Bundesweit Artikel PD Dr. habil. Gerhard FriedrichDie Bildungs- und Orientierungspläne werden Jahr für Jahr umfangreicher und präziser. Neue Themen kommen hinzu, kaum eines verschwindet. Der bestehende Bildungsauftrag wird umfassender.
Der Orientierungsplan Baden-Württemberg zeigt diese Entwicklung beispielhaft: Die aktuelle Fassung beschreibt auf rund 300 Seiten die Aufgaben von Kindertageseinrichtungen so detailliert wie nie zuvor. An seiner Erarbeitung waren über 150 Fachleute aus Wissenschaft, Praxis, Verwaltung sowie Aus- und Fortbildung beteiligt. Die zentralen Themen früher Bildung werden dort umfassend behandelt und durch zahlreiche weiterführende Materialien und Unterstützungsangebote ergänzt.
Die Aufgaben sind bekannt
Es mangelt also weder an fachlichem Wissen noch an Beschreibungen der Aufgaben und Ziele.
Deshalb stellt sich mir die naheliegende Frage: Wenn die Bildungsziele und Aufgaben so umfassend und präzise beschrieben sind, warum entstehen zusätzlich immer neue Förder- und Unterstützungsstrukturen für Themen, die zum Bildungsauftrag der Kitas gehören? Und welche langfristigen Wirkungen lassen sich für diese Programme nachweisen?
Diese Fragen erscheinen umso wichtiger, als die Bildungsberichte seit Jahren auf wiederkehrende Herausforderungen im Bildungssystem hinweisen. Die aktuellen Befunde zu Bildungsleistungen, sprachlichen und mathematischen Kompetenzen sowie zur Bildungsgerechtigkeit fallen im nationalen Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2026“ erneut äußerst ernüchternd aus. Zugleich richten Politik, Bildungsverwaltung, Bildungsforschung und Fachverbände wieder große Erwartungen an die frühe Bildung.
Trotz zahlreicher Förderprogramme und erheblicher Investitionen kehren viele Debatten nach nahezu jedem Bildungsbericht in ähnlicher Form zurück. Wenige Monate später ebbt die öffentliche Aufmerksamkeit meist wieder ab.
Investieren wir in Aktionismus oder in Verstetigung?
Viele Programme befassen sich mit Themen, die zum regulären Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen gehören. Sprache, mathematische Bildung, Zusammenarbeit mit Familien, Inklusion, Gesundheit oder Medienbildung sind keine neuen Aufgaben. Sie werden in Bildungsplänen beschrieben, in Fachschulen und Hochschulen vermittelt und durch zahlreiche Materialien und Unterstützungsangebote begleitet.
Damit stellt sich eine weiterführende Frage: Warum entstehen für dieselben Themen immer wieder neue Förderstrukturen?
Eine mögliche Antwort liegt in der fehlenden Verstetigung erfolgreicher Ansätze. Programme können Impulse geben, Wissen hervorbringen und gute Praxis sichtbar machen. Dauerhaft wirksam werden sie jedoch erst dann, wenn ihre Inhalte Teil des Regelsystems werden: der Ausbildung, der Fortbildung, der Fachberatung und des pädagogischen Alltags aller Einrichtungen.
Genau hier scheint das eigentliche Problem zu liegen. Was nicht verstetigt wird, muss erneut gefördert, erneut begleitet – und erneut organisiert werden.
So entstehen immer neue Förderstrukturen für Aufgaben, die längst bekannt sind. Nicht weil das Wissen fehlt. Nicht weil die Ziele unklar wären. Nicht weil es an Konzepten mangelt. Sondern weil es offenbar nicht gelingt, erfolgreiche Ansätze dauerhaft in der Breite des Systems zu verankern.
Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, dafür zu sorgen, dass erfolgreiche Ansätze irgendwann selbstverständlich werden. Erst dann entfalten sie ihre volle Wirkung. Erst dann erreichen sie alle Kinder. Und nur dann vermeiden wir, dieselben Themen immer wieder in neuen Programmen, Förderlinien und Modellvorhaben bearbeiten zu müssen.
„Sprach-Kitas“: Wann gilt ein Programm als erfolgreich?
Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas“ zeigt exemplarisch die hier beschriebene Entwicklung. Es steht in einer längeren Tradition sprachbezogener Förderinitiativen des Bundes. Zusammen mit seinen Vorläuferprogrammen wurden über mehr als zehn Jahre hinweg deutlich über eine Milliarde Euro in zusätzliche Fachkräfte, Fachberatungen, Vernetzungsstrukturen und Unterstützungsangebote investiert.
Die Ziele dieser Programme sind unbestritten wichtig: Sprachbildung, alltagsintegrierte sprachliche Begleitung, Zusammenarbeit mit Familien und inklusive Pädagogik gehören zu den zentralen Aufgaben früher Bildung. Das Programm wurde wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Untersucht wurden vor allem Qualitätsentwicklung, Teamberatung, alltagsintegrierte Sprachbildung, Zusammenarbeit mit Familien, Fachberatung, Vernetzung und die Arbeit der zusätzlichen Fachkräfte. Diese Ergebnisse sind wichtig.
Doch die eigentliche Bewährungsprobe zeigte sich zum Ende der Bundesförderung: Nach dem Auslaufen des Bundesprogramms wurden die Strukturen nicht einheitlich in das Regelsystem übernommen, sondern je nach Bundesland unterschiedlich fortgeführt, verändert oder beendet. Daran wird sichtbar: Die Nachhaltigkeit – und damit der Erfolg – eines Programms entscheidet sich oft erst am Ende seiner Laufzeit. Denn meiner Meinung nach ist ein Programm nur dann wirklich erfolgreich, wenn es verstetigt wird und seine Inhalte Teil der Ausbildung, der Fortbildung, der Fachberatung und des pädagogischen Alltags aller Einrichtungen werden.
Aber woran erkennen wir, dass erfolgreiche Ansätze dauerhaft in der Breite des Systems angekommen sind?
Es geht um Milliardenbeträge
Die gesamte Förderlandschaft der frühen Bildung lässt sich nur näherungsweise erfassen. Für die Bundesprogramme „Sprach-Kitas“ und „Kita-Einstieg“ wurden nach Angaben des Bundesfamilienministeriums zwischen 2016 und 2022 mehr als 1,3 Milliarden Euro bereitgestellt. Hinzu kommen Länderprogramme, kommunale Initiativen, Krankenkassenprogramme, Stiftungsprojekte und zahlreiche weitere Fördermaßnahmen.
Ein Programm gilt gewöhnlich als erfolgreich, wenn viele Einrichtungen teilnehmen, viele Fachkräfte erreicht werden und positive Evaluationen vorliegen. Für die frühe Bildung reicht das jedoch nicht aus. Ein Programm ist dann erfolgreich, wenn seine Inhalte irgendwann kein Programm mehr benötigen, wenn sie Teil von Ausbildung, Fortbildung, Fachberatung und pädagogischem Alltag werden.
Zwischen den bereitgestellten Mitteln und den Kindern liegen Projektträger, Koordinierungsstellen, Fortbildungen, Evaluationen, Zertifizierungen, Transferstrukturen und Öffentlichkeitsarbeit. Diese Strukturen erfüllen wichtige Aufgaben. Sie beanspruchen zugleich Zeit, Personal und finanzielle Ressourcen. Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden. Und jeder Euro, der für neue Förderstrukturen ausgegeben wird, steht nicht mehr für die Regelfinanzierung der Kindertageseinrichtungen zur Verfügung.
Ein neues Programm hat einen Namen. Ein Budget. Einen Starttermin. Es lässt sich öffentlichkeitswirksam präsentieren, erzeugt Sichtbarkeit – und suggeriert, dass „etwas passiert“.
Die dauerhafte Verankerung erfolgreicher Ansätze verläuft anders, weniger plakativ. Ausbildungsordnungen müssen weiterentwickelt, Fortbildungen dauerhaft finanziert werden. Die Fachberatung stärken, den Personalschlüssel verbessern, Zeitressourcen schaffen: Diese Veränderungen benötigen Zeit und dauerhaftes Engagement. Genau deshalb wächst die Förderlandschaft oft schneller als das Regelsystem.
Frühe Bildung gehört in Kindertageseinrichtungen, nicht in Projekte
Frühe Bildung entsteht weder in Programmbeschreibungen noch in Evaluationen. Gute frühe Bildung darf auch keine Zufallsgröße sein. Sie muss alle Kinder erreichen. Frühe Bildung entsteht, wenn Kinder und pädagogische Fachkräfte miteinander in Beziehung treten: im Gespräch, im Spiel, beim Erzählen, Bauen, Messen, Zählen, Fragen und Erklären. Hier entscheidet sich täglich, ob Bildungspläne lebendig werden oder Papier bleiben.
Deshalb glaube ich, dass eine andere Perspektive mehr Aufmerksamkeit verdient. Kindertageseinrichtungen geraten leicht in die Rolle von Projektstandorten, während die Frage vernachlässigt wird, wie das Regelsystem selbst gestärkt werden kann.
Kindertageseinrichtungen sind keine Projektstandorte. Sie sind die tragenden Institutionen früher Bildung. Ihr Auftrag besteht nicht in der Umsetzung wechselnder Förderprogramme, sondern in der konstanten Verwirklichung des Bildungsauftrags, den die Bildungs- und Orientierungspläne beschreiben.
Die Zukunft – und der Erfolg – früher Bildung entscheidet sich deshalb nicht in Förderlinien, Modellvorhaben oder Zertifizierungen. Sie entscheidet sich in den Kindertageseinrichtungen selbst.
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