Selbsterfahrung

„Lust an Bewegung kann man wecken“

Bewegung ist für die motorische und psychische Entwicklung von Kindern unerlässlich. Expertin Renate Zimmer spricht über Bewegungspädagogik und wie Bewegung in der Kita allen Spaß macht – auch den Fachkräften. Von Vincent Hochhausen

21.06.2023 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Warum ist Bewegung für Kinder wichtig?

Bewegung ist neben der Stimme das erste Ausdrucksmittel von kleinen Kindern, um mit ihrer Umwelt zu interagieren. Das Kind spürt von Anfang an seinen täglichen Lernfortschritt bei der Bewegung. Einerseits den motorischen Fortschritt, der sehr wichtig ist, denn der Mensch ist ein Bewegungswesen. Andererseits spürt es auch, dass es vorankommt, dass es aus eigener Kraft die Umwelt verändern und Dinge bewirken kann. Das hat eine starke psychologische Wirkung, Bewegung wird zum Mittel der Selbsterfahrung. So gewinnen Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Bewegungsimpulse der Kinder sollten also in der Kita gefördert werden?

Ja. Die soziale Umgebung des Kindes muss diese Impulse aufnehmen. Um das in der Kita tun zu können, braucht es gute räumliche Gegebenheiten, die Kindern die Gelegenheit zum Bewegen, etwa zum Klettern oder Balancieren geben. Aber das allein reicht nicht. Wichtig ist auch, die Bedürfnisse der Kinder wahrzunehmen und aufzugreifen, denn Kinder wollen die Rückmeldung von Erwachsenen. Manche Kinder sind etwas ängstlicher als andere und trauen sich gewisse Dinge nicht. Dann müssen Fachkräfte ihnen helfen, indem sie sie zum Beispiel bestärken oder Balanciergeräte anpassen.

Renate Zimmer ist emeritierte Professorin für Sportpädagogik an der Universität Osnabrück und leitete bis 2018 das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung. 2020 gründete sie das Institut Bewegte Kindheit.

Was können Fachkräfte noch tun?

Sie sollten den Kindern ermöglichen, ihr Bewegungsrepertoire zu erweitern. Wenn sie Kindern einen Reifen geben, spielen sie damit, aber irgendwann hat sich das Spiel erschöpft. Alle Möglichkeiten, die ein Reifen für Bewegungsspiele bietet, werden die Kinder nicht von sich aus entdecken, dazu brauchen sie Impulse von außen. Und Kinder freuen sich über neue Fertigkeiten und Bewegungsideen. Lerngelegenheiten mit Bewegung – sei es Bewegung zu Rhythmen oder zu Musik, oder das Festlegen von Spielregeln – brauchen Planung durch die Fachkräfte. Ohne solche Bewegungsimpulse bleiben die Kinder nur auf dem Stand, den sie selbst erreichen können.

Gilt das auch für bewegungseingeschränkte Kinder?

Ja, denn auch die haben ein Bewegungsrepertoire, das sie ausbauen können und wollen. Man muss von Fall zu Fall sehen, was für Bewegungsideen sich anbieten und wie die Bedürfnisse des Kindes sind. Es sollte immer darum gehen, das Kind beim möglichen nächsten Schritt zu begleiten und zu unterstützen – dabei ist es egal, auf welchem Bewegungsniveau man startet.

Auf was sollten Fachkräfte achten, wenn sie Bewegungsimpulse bieten?

Wichtig ist, sich von dem Gedanken zu lösen, dass es dabei um Sportlichkeit oder um körperliche Perfektion geht: Es geht um Freude an der Bewegung. Viele Fachkräfte haben die als Erwachsene ein Stück weit verloren, aber sie lässt sich gerade in der Gruppe leicht wieder wecken. Bewegungspädagogik sollte deshalb in der Kita auch nicht einer Expertin oder einem Experten als Verantwortungsbereich zugeteilt werden – alle Fachkräfte in der Gruppe sollten Spaß an Bewegung haben.

Was ist bei den Räumlichkeiten für Bewegung wichtig?

Wenn wir von Räumen für Bewegung sprechen, sollten wir den größten Raum nicht vergessen: den, der draußen vor der Tür liegt! Sich draußen zu bewegen und sich auszuprobieren ist eine wertvolle Erfahrung für die Kinder. Das kommt im Elternhaus oft zu kurz. Kinder haben keine Scheu vor Kälte oder Regen – und Fachkräfte merken schnell, dass ihnen das Draußensein ebenfalls guttut.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:

Meine Kita - das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 2/2023, S. 14-17, www.meine-kita.de



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