PISA: Suche nach Rezepten
(bikl) Zwei Tage nach der Vorabveröffentlichung der Pisa-Ländervergleichsstudie wird allenthalben nach Rezepten gesucht, wie die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem abgebaut werden könnte.
01.11.2005 ArtikelMehr Selbständigkeit
So stellte der Bundeselternratsvorsitzende Wilfried Steinert heute gegenüber der Frankfurter Rundschau fest, die Debatte um die Dreigliedrigkeit des Schulsystems sei eine Farce. Sie helfe nicht weiter.
Ein guter Weg sei, den Schulen mehr Selbstständigkeit und Verantwortlichkeit für den Bildungserfolg ihrer Schüler zu geben. "Jede Schule", so Steinert wörtlich, "muss lernen, Kinder und Jugendliche in ihrer Region so optimal zu fördern, dass sie Anschluss an höhere Bildungswege erhalten."
Bund soll fördern
Auch Professor Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs empfahl, dass der Staat sich aus der Organisation der Schulen zurückziehen solle. Gegenüber der tageszeitung erklärte er: "Die einzelne Schule sollte dafür viel mehr Freiheit bekommen. Sie muss sich nur an wenigen nationalen Leistungsstandards orientieren. Und: Der Bund sollte gezielt Kinder aus unteren Schichten fördern."
Kommunen in die Verantwortung nehmen
Ähnlich hatte sich bereits Professor Thomas Rauschenbach, Vorsitzender der Sachverständigenkommission des Zwölften Kinder- und Jugendberichts, vor kurzem auf der Bundesfachtagung Schulsozialarbeit geäußert.
Eine politische Debatte sei notwendig, erklärte er gegenüber bildungsklick.de. "Der Kinder- und Jugendbericht versucht hier, einen kleinen Stein ins Wasser zu werfen. Im Unterschied zur Föderalismusdebatte, wo gestritten wird, ob Länder oder Bund zuständig sind, sagen wir: Die Kommunen sollten stärker in die Verantwortung genommen werden. Nicht im Sinne der Zahlmeister, das wäre fatal, aber Kommunen müssen die Schule als Angelegenheit des lokalen Raumes ernst nehmen. Vielleicht haben wir dann eine Föderalismusdebatte, die noch einmal auf den Kopf gestellt wird."
Kleinere Klassen
Auch der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, kritisierte, dass seit 2001 in den Ländern nichts unternommen worden sei, um individuelle Förderung in den Schulen zu verstärken.
Sein Vorschlag: Kleinere Klassen. "Das Schüler-Lehrer-Verhältnis liegt immer noch unter dem OECD-Mittel", so Eckinger "In der deutschen Grundschule kommen zum Beispiel 18,7 Schüler auf eine Lehrerin, im OECD-Mittel nur 16,5. Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter reichen nicht einmal für die Brennpunktschulen aus."
Integratives Schulsystem
Der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne hingegen empfahl der Bundesrepublik, sich schleunigst auf den Weg zu einem integrativen Schulsystem zu machen.
Gleichzeitig mahnte er den konsequenten Ausbau der Ganztagsangebote und der frühkindlichen Bildung an: "Es müssen endlich zusätzliche Lehrkräfte und Sozialarbeiter ein- sowie Finanzmittel bereitgestellt werden." Die integrativen Schulsysteme der PISA-Siegerländer, so Thöne weiter, machten deutlich, dass Chancengleichheit und hohes Leistungsniveau zwei Seiten einer Medaille sind.
Keine erneute Debatte
Dagegen lehnt der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau eine erneuten Debatte über das Schulsystem ab. "Ernst zunehmende Experten weisen immer wieder darauf hin, dass die Qualität von Schule und Bildung im bestehenden gegliederten Schulsystem nachhaltig verbessert und damit auch mehr Chancengerechtigkeit erreicht werden kann", so Rau.
Die Ergebnisse des Pisa-Ländervergleichs und die wissenschaftliche Begründung werden am 3. November in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt.
Siehe auch Bildungs-Special Studien: Pisa /OECD
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