Rechenschwäche

"Rechnenlernen beginnt im Säuglingsalter"

Mathematik ist für einen erfolgreichen Bildungsweg unerlässlich. Doch viele Schüler haben Probleme mit dem Rechnen. Woran liegt das und wie kann man möglichen Schwierigkeiten frühzeitig entgegenwirken? Das wollte Perspektive: Bildung von Annemarie Fritz-Stratmann wissen. Die Professorin lehrt Pädagogische Psychologie an der Universität Duisburg-Essen und hat gemeinsam mit zwei Kollegen ein Entwicklungsmodell des Rechnenlernens erarbeitet.

03.02.2011 Artikel
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Frau Prof. Fritz-Stratmann, beim Thema Rechenschwierigkeiten trifft man immer wieder auf den Begriff Dyskalkulie. Werden damit die Probleme der Kinder mit Rechenschwierigkeiten beschrieben?

Annemarie Fritz-Stratmann: Kinder mit Dyskalkulie haben ganz starke Schwierigkeiten beim Prozess des Rechnenlernens, sie gehören in diesem Fach zu den schwächsten ihrer Altersgruppe, wobei sie gleichzeitig eine durchschnittliche Intelligenz aufweisen. Das betrifft ungefähr drei bis sechs Prozent der Schüler. Tatsächlich muss man aber sagen, dass es viel mehr Kinder mit Rechenschwierigkeiten gibt. Die PISA-Befunde belegen, dass nahezu 25 Prozent der Kinder massive Schwierigkeiten beim Rechnen haben und – wie es bei PISA heißt - nicht sehr viel mehr können, als Aufgaben aus dem Routinebereich des Grundschulstoffs zu bewältigen. Das heißt, das Problem der Kinder mit Rechenschwierigkeiten ist erheblich größer.

Wie lernen Kinder überhaupt das Rechnen?

Annemarie Fritz-Stratmann: Gabi Ricken von der Universität Hamburg, Lars Balzer von der Universität Bern und ich haben ein Entwicklungsmodell des Rechnenlernens erarbeitet und auch empirisch belegt. Fünf Entwicklungsstufen zeigen, wie das Rechnenlernen aufeinander aufbaut. Und das beginnt bereits im Säuglingsalter. Schon mit sechs Monaten können Kinder Mengen unterscheiden – und mit neun, zehn Monaten verstehen sie ein Konzept von Vermehren und Vermindern. Mit zwei Jahren fangen Kinder an, Zahlworte nachzuplappern und allmählich begreifen sie, dass man diese Worte zum Zählen einsetzen kann. Kindergartenkinder können dann schon kleine Textaufgaben lösen.

Im Kindergarten spielt das Rechnen also bereits eine große Rolle?

Annemarie Fritz-Stratmann: Die Kindergartenzeit muss man nutzen, um die Kinder gut auf die Schule vorzubereiten. Darauf kann die Schule dann aufsetzen. Meine Kollegin Dr. Maria Gerlach und ich, wir haben jetzt ein spezielles Werk für den Kindergarten entwickelt, das im April erscheinen wird: Biene Mina. Grundlage ist das vorhin genannte fünfstufige Entwicklungsmodell. Die Kinder werden durch diese Stufen anhand von Geschichten geführt, die Biene Mina mit ihren Freunden erlebt. Dabei kommt es immer zu einem Konflikt, den die Kinder lösen müssen – und das ist ein mathematischer. So können sie sich mathematische Konzepte und Strategien erarbeiten.

Was heißt das konkret?

Annemarie Fritz-Stratmann: Ein Beispiel aus einer der ersten Geschichten: Der Maulwurf behauptet, heute sei er sehr fleißig gewesen, er habe sehr viele Blätter gesammelt und die Biene denkt: "Ich war heute auf so vielen Blumen und dieser alte Angeber macht sich hier so breit!" Sie überlegt nun, wie man feststellen kann, ob der Maulwurf mehr Blätter gesammelt hat oder ob sie mehr Blumen besucht hat. Die Kinder nehmen nun die Blätter, legen sie in eine Reihe und legen die Blumen in eine zweite Reihe darunter – in einer 1-zu-1-Zuordnung und sehen schnell, welche Reihe länger ist. Dazu müssen sie noch gar nicht zählen können.

Und wie viel mathematisches Know-how sollten dann die Schulanfänger mitbringen?

Annemarie Fritz-Stratmann: Sie müssen die Zahlwortreihe sicher beherrschen, bis zehn, auch bis 20 zählen können und sie sollten auch wissen, welche Zahl kommt vor der Fünf und welche Zahl kommt nach der Sieben. Auch müssen sie wissen, dass die Zahl drei für drei Plättchen steht oder dass für die Zahl vier ein weiteres Plättchen hinzukommt. Entscheidend ist: Der Stoff geht immer weiter und setzt das Vorhergehende voraus. Wenn Kinder von Anfang an bestimmte Konzepte nicht verstanden haben, dann haben sie einfach schlechte Voraussetzungen und bleiben schwache Rechner mit großen Lücken

Wie erkennen Lehrer diese schwachen Rechner und was können sie tun?

Annemarie Fritz-Stratmann: Die meisten Kinder machen schnelle Fortschritte, sie sind ja begierig auf die Schule. Kinder mit Schwierigkeiten sind deutlich langsamer, sie geben nicht auf, die Finger zum Zählen einzusetzen – sie können diese zählende Rechenstrategie nicht verlassen. Das heißt, Mengen werden von ihnen immer wieder neu ausgezählt. Dabei müssen sie jedes Mal am Anfang der Zahlwortreihe anfangen, weil sie nicht verstehen, dass eine Zahl auch für die gesamte Menge steht.

Es gibt spezielle Fördermaterialien für die Grundschule. Beispielsweise die Reihe "Kalkulie" – ein Diagnose- und Trainingsprogramm für das erste und zweite Schuljahr. Damit lernen Kinder, mathematische Strukturen zu erkennen, zum Beispiel, dass in Zahlen andere Zahlen enthalten sind. Wenn ich sage ´Gib mir fünf Plättchen, drei davon sollen rot sein`, dann müssen Kinder verstehen, dass diese drei roten Plättchen in der Menge fünf enthalten sind. Es gibt ja ein wundervolles Beispiel aus der Kinderliteratur: "Jim Knopf und die Wilde 13" von Michael Ende: Die Wilde 13 - das sind zwölf Piraten und ein Hauptmann – tatsächlich aber ist der Hauptmann einer von ihnen. Sie sind also insgesamt nur 12 Piraten. Erst im Laufe der Geschichte werden sie von diesem Irrglauben befreit.



Weiterführende Links

  • Homepage Prof. Dr. Annemarie Fritz-Stratmann

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