Ungleiche Bildungschancen am Pranger
Bei der Bezirksdelegiertenversammlung im schwäbischen Gersthofen hat der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Albin Dannhäuser, ungleiche Bildungschancen in Bayern angeprangert. Er forderte die Staatsregierung dazu auf, "das Recht auf Bildung für jeden jungen Menschen bestmöglich einzulösen - unabhängig von seiner sozialen, regionalen und ethnischen Herkunft." Die Forderung nach gerechten Billdungschancen reicht über die Schulzeit hinaus.
07.10.2006 Bayern Pressemeldung Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) e.V."Jugendliche brauchen vor allem auch Chancen auf einen Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplatz. Es ist ökonomisch und gesellschaftlich absurd, wenn junge Menschen trotz bester Qualifikation sich in zeitlich befristeten und unterbezahlten Teil- und Mehrfachjobs verdingen müssen. Es ist gesellschaftlich kritisch, wenn immer mehr Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden und dem Sozialstaat zur Last fallen. Wenn der Weg Jugendlicher von der Schule in die Arbeitslosigkeit führt, so ist das gegenüber Staat und Gesellschaft der erste Schritt in die innere Kündigung." Ein entscheidender Ansatz zum Abbau ungleicher Bildungschancen ist die frühe und individuelle Förderung aller Kinder. Dafür haben Landtag und Staatsregierung zwar Maßnahmen eingeleitet, der entscheidende Durchbruch ist aber noch nicht gelungen.
Bildungsverlierer in Bayern sind arme Kinder, Kinder aus Migrantenfamilien und Kinder aus strukturschwachen Regionen. Nirgendwo sonst ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung so hoch wie in Bayern - diese Tatsache wird jedoch aus der bildungspolitischen Diskussion weitgehend ausgeklammert. Als arm gilt ein Kind, wenn es in einer Familie lebt, die Sozialhilfe bezieht. Soziale Armut bedeutet Bildungsarmut. "Von 100 Kindern, die bereits im Kindergarten arm waren, schaffen lediglich vier den Sprung aufs Gymnasium", erklärte Dannhäuser. Je höher die Arbeitslosigkeit ist, desto mehr Schüler besuchen die Hauptschule bzw. versagen in Grund-, Haupt- und Realschulen. Kinder mit Migrationshintergrund werden vor allem durch Selektionsprozesse beim Übergang in weiterführende Schulen und durch sozialräumliche Unterschiede benachteiligt. Hinzu kommt, dass Bildungschancen in Bayern vom Wohnort abhängen. Das Gefälle zwischen Stadt und Land ist ebenso groß wie das zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Regionen. Auch die unterschiedlichen finanziellen Aufwendungen pro Schüler sprechen eine beredte Sprache: Nach der jüngsten Untersuchung der OECD wendet Deutschland für ein Grundschulkind 4624 US-Dollar auf und liegt damit an 20. Stelle von 28 untersuchten Staaten. Die Kosten pro Schüler und Jahr weichen in Bayern nicht weniger deutlich ab: Für einen Grund- und Hauptschüler werden 3800 Euro ausgegeben, für einen Gymnasialschüler 4900 Euro – "das sind 1100 Euro mehr."
Dannhäuser hielt fest: "Der Kampf um Bildungsvorteile deformiert die Schulen. Das Lernen wird instrumentalisiert, es geht nicht um Wissenszuwachs, sondern um Noten und Berechtigungen. Das gesamte Lernen ist fixiert auf die Schulkarriere. Lernen wird immer flüchtiger und oberflächiger - das originäre Bildungsverständnis pervertiert." Die frühe Auslese verschärft die Benachteiligungen, sie ist gerade für Kinder aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien verhängnisvoll. Diese Kinder haben kaum eine Chance, bestimmt Defizite innerhalb weniger Grundschulejahre auszugleichen. Das gilt vor allem für die Entwicklung der Sprache sowie des Lern- und Arbeitsverhaltens. "Ausgrenzung ist aber sozialer Sprengstoff", warnte der BLLV-Präsident und stellte die Frage, ob sich alle politischen Kräfte bewusst sind, in welchem Ausmaß ungleiche Bildungschancen die soziale Balance gefährden. "Junge Menschen, die die Schule ohne Abschluss und berufliche Perspektive verlassen, sind in ihrer personalen Würde verletzt und besonders anfällig für Gewalt, für radikale Scharlatane und für extreme politische Gruppierungen."
Um die Bildungschancen für alle zu verbessern, müssen alle Kinder bestmöglich gefördert werden, alle müssen die Möglichkeit einer längeren gemeinsamen Schulzeit haben. "Der BLLV hält an dieser pädagogisch begründeten Auffassung fest - auch wenn bestimmte gesellschaftliche und politische Gruppen reflexartig aufschreien", betonte Dannhäuser. "Nach dem Berufsverständnis bayerischer Lehrer geht es darum, Schüler zu fördern statt auszulesen, zu ermutigen statt zu enttäuschen, anzunehmen statt auszugrenzen."
Bisher eingeleitete wertvolle Maßnahmen wie der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan werden durch die gleichzeitige Einführung des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes ad absurdum geführt. Die meisten Träger finanzieren nur mehr entsprechend der Buchungs- und Nutzungszeiten. Der Zeitaufwand für die fachlich-pädagogische Arbeit, die Zusammenarbeit mit Eltern, Grundschulen, Therapeuten und Fachdiensten wird in der Regel nicht mehr vergütet. Das schwächt eine ganze Berufsgruppe. Viele Erzieherinnen sind inzwischen in ihrer Existenz gefährdet. Dannhäuser bedauerte, dass der Ausbau von Ganztagsschulen nur schleppend voran geht - obwohl diese Einrichtungen individuelle und gezielte Förderung optimal ermöglichen würden. Ganztagsschulen sind somit auch ein wichtiger Ansatz zum Abbau ungleicher Bildungschancen. Derzeit gibt es in ganz Bayern nur 90 Ganztagsschulen, nur knapp ein Prozent aller Klassen werden als "Ganztagsklassen" geführt.
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