Gastbeitrag

Das Abi entscheidet

Darüber, ob Absolventen ein zulassungsbeschränktes Studium beginnen können, entscheiden in Deutschland meist die Abiturnoten. Sind Eignungstests eine Alternative? Eine Analyse. von Cort-Denis Hachmeister

20.05.2021 Bundesweit Artikel Bildungspraxis
  • © www.pixabay.de

Im Frühjahr 2020, während der strengen Kontakt beschränkungen und Schulgebäudeschließungen, war zunächst unklar, wann die Abiturprüfungen stattfnden. Weil die Ansteckungszahlen schnell wieder sanken, konnten die Prüfungen etwas später als geplant stattfnden. Auch die Hochschulen haben ihre Fristen entsprechend angepasst. Denn: Ohne Abiturnoten gibt es keine Entscheidung
über die Zulassung zum Studium.

Eignungsprüfung statt Abiturnote?

Die Abiturnote spielt in Deutschland eine wichtige Rolle bei der Vergabe der Studienplätze, die zulassungsbeschränkt sind, bei denen es also mehr Bewerber als Plätze gibt. Vor dem Hintergrund des drohenden Ausfalls der Abiturprüfungen hat sich das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) mit der Frage beschäftigt, ob Eignungstests die Abiturnote als Kriterium ersetzen könnten. In Bezug auf die Corona-Situation hätte man bei der Durchführung solcher Tests allerdings vor den gleichen Problemen gestanden wie bei den Abiturprüfungen. Das zeigt zum Beispiel der bundesweit als Auswahlkriterium für das Medizinstudium verwendete Test für Medizinische Studiengänge (TMS), der ebenso wie die Abiturprüfungen wegen Corona verschoben werden musste. Darüber hinaus zeigte die Analyse des CHE, dass Eignungstests die Abiturnote als Kriterium zwar ergänzen, aber nicht wirklich ersetzen können.

Cort-Denis Hachmeister ist Senior Experte am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh.

Tests machen Arbeit

Zum einen, weil diese Tests zunächst entwickelt und ihre Vorhersagekraft für den Studienerfolg überprüft werden müsste – eine langwierige Aufgabe. Studierfähigkeitstest haben nur dann wesentliche Vorteile gegenüber der Abiturnote, wenn sie fachspezifsch sind, wie beispielsweise der oben erwähnte TMS. Das heißt, dass solche Tests für viele verschiedene Fächer oder zumindest Fächergruppen entwickelt und die Aufgaben jährlich aktualisiert werden müssten. Allgemeine Studierfähigkeitstests wie der in den USA verwendete SAT sind in Deutschland als Auswahlkriterium derzeit nicht zulässig. Zur Feststellung der allgemeinen Studierfähigkeit dient in Deutschland traditionell das Abitur oder eine Meisterprüfung sowie ein vergleichbarer Bildungsabschluss. Allerdings ist die absolute Vergleichbarkeit der Abiturnoten zwischen Schulen und Bundesländern bislang noch nicht sichergestellt. Immerhin gibt es bei den bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern, wie etwa Medizin, mittlerweile Mechanismen, die zu einer größeren Vergleichbarkeit der Bewerberinnen und Bewerber aus unterschiedlichen Bundesländern beitragen: Mit Länderquoten konkurrieren nur Bewerber aus jeweils einem Bundesland um die auf das Land entfallenen Studienplätze. Die Umrechnung der Noten in relative Platzierungen innerhalb eines Bundeslandes, Prozentränge, macht Bewerber aus verschiedenen Bundesländern vergleichbar.

Die meisten Studiengänge sind zulassungsfrei

Doch inwieweit ist die Abitur-Durchschnittsnote wichtig? Der aktuelle „Check – Numerus Clausus an deutschen Hochschulen“ zeigt, dass 58 Prozent der Bachelorstudiengänge zulassungsfrei sind, das heißt, dass sich Abiturienten unabhängig von ihrer Abiturnote einschreiben können. Allerdings gibt es hinsichtlich der Quote zulassungsbeschränkter Studienangebote Unterschiede, insbesondere zwischen den Fächern, den Bundesländern und einzelnen Orten: Medizin, Zahnmedizin, Tiermedizin und Pharmazie sind bundesweit zulassungsbeschränkt und die Studienplätze werden über die Stiftung für Hochschulzulassung vergeben. Allerdings haben die Hochschulen die Möglichkeit, für ihre Studienplätze eigene Kriterien wie Studierfähigkeitstest, gewichtete Einzelfachnoten – also etwa die Biologienoten für ein Biologiestudium – vorherige Berufserfahrung oder das Ergebnis von Auswahlgesprächen heranzuziehen. In den Rechts-, Wirtschafts-, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften ist etwa die Hälfte der Angebote zulassungsfrei, in den Sprach- und Kulturwissenschaften sind es fast drei Viertel der Angebote.

Große Unterschiede bei den Zulassungsbeschränkungen

Während in Berlin und Hamburg über 60 Prozent der Angebote beschränkt sind, ist es in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern gerade einmal jeder fünfte Studiengang. Studieninteressierte sollten sich daher nicht nur auf ein Wunsch-Studienfach an einem Wunsch-Studienort fokussieren, sondern auch nach verwandten Fächern oder Studienangeboten an anderen Hochschulen Ausschau halten. Die Bewerbungsplattform hochschulstart.de bietet seit diesem Jahr die Möglichkeit, sich für mehrere bundesweit zulassungsbeschränkte Fächer, also zum Beispiel für Medizin und für Pharmazie, an allen Hochschulen zu bewerben. Darüber hinaus kann man sich noch für mehrere lokal zulassungsbeschränkte Studiengänge bewerben. Eine zulassungsfreie Studienoption sollte man sich allerdings mindestens aussuchen, um trotz vieler Bewerbungen nicht doch ohne Studienplatz dazustehen.


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden