Kempen: "Freiheit der Wissenschaft ernstlich in Gefahr"
"Forschung an Deutschlands Universitäten ist ohne die Einwerbung von Drittmitteln und erfolgreich begutachteten Anträgen nahezu unmöglich geworden. Das Verhältnis von angemessener Grundausstattung, Programmförderung und thematisch freier Förderung ist auf Grund der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen aus dem Lot geraten", erklärte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Professor Dr. Bernhard Kempen, anlässlich des 61. DHV-Tags in Potsdam, der unter dem Thema "Wie frei ist die Wissenschaft? Forschung und Lehre zwischen Autonomie und Steuerung" stand.
12.04.2011 Pressemeldung Deutscher Hochschulverband (DHV)Durch das modularisierte Bachelor- und Masterstudium sowie im internationalen Vergleich hohe Lehrdeputate würden Wissenschaftler an Deutschlands Universitäten zu Lehr- und Prüfungsautomaten degradiert. Ihre Handlungsfreiheit werde durch zunehmende Managementaufgaben und wachsende Weisungsabhängigkeit von Dekan, Rektor oder Präsident eingeschränkt. Forschung werde immer mehr durch Förderprogramme gesteuert, die wandelbaren Zeitströmungen unterlägen und nahezu ausschließlich auf Nutzen und Anwendung ausgerichtet seien. "Unkonventionelles Denken, das innovative Wege eröffnet, wird strukturell benachteiligt", erklärte Kempen. "Erfolg in der Wissenschaft bemisst sich nicht mehr allein am Erkenntnisgewinn, sondern an Zielvereinbarungen mit quantitativen Parametern wie Drittmitteln und Publikationsleistungen." Unter dem Deckmantel der Leistungsbewertung werde die wissenschaftliche Freiheit jeden Tag ein wenig kleiner und die Steuerung von wissenschaftlichen Prozessen immer erdrückender. "Wissenschaft wird zum Betrieb, und der Betrieb bedroht die wissenschaftliche Freiheit", so Kempen.
Dem könne entgegengesteuert werden. "Die Einzelförderung für Wissenschaftler muss ausgebaut werden. Hervorragende Wissenschaftler müssen ausreichend Mittel erhalten, um Forschungen ohne inhaltliche Vorgaben vorantreiben zu können", so Kempen. Instrumente wie die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Reinhart-Koselleck-Projekte, die Wissenschaftler bei innovativen und risikobehafteten Forschungsvorhaben unterstützen, wiesen in die richtige Richtung.
Der DHV-Präsident mahnte zugleich einen offenen Diskurs über "Alibi- und Mainstreamforschung" an, bei der Geld fließe, es aber sowohl an Forschungsinteresse als auch am Forschungsergebnis fehle. Hierzu gehöre auch, einer unnützen Publikationsflut innerhalb der Wissenschaft Einhalt zu gebieten. "Die Qualität von Wissenschaft beruht auf Klasse, nicht auf Masse", betonte Kempen. "Die zwanghafte Fixierung auf Zitationsindizes und "impact"-orientierte Leistungskriterien lässt sich nur lösen, wenn das bisherige wissenschaftliche Publikationsverhalten auf den Prüfstand gestellt wird." DFG und DHV zögen an einem Strang, wenn sie bei Förderanträgen bzw. für Berufungsverfahren die Begrenzung von Publikationslisten auf wenige aussagekräftige Veröffentlichungen forderten.
Der Deutsche Hochschulverband ist die bundesweite Berufsvertretung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland mit über 26.000 Mitgliedern.
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