Online-Lehre

Nichts gegen Digitalisierung

...doch die fehlende Präsenz schadet, meinen Johannes Wessels und Hinnerk Wißkamp von der Uni Münster.

31.05.2021 Bundesweit Artikel DUZ - Magazin für Wissenschaft und Gesellschaft
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Die Corona-Pandemie hält uns alle in Atem. Wer die Bilder aus Indien gesehen hat, wer Intensivmedizinern zuhört, wer das Risiko langfristiger gesundheitlicher ­Beeinträchtigungen kennt, wird Corona trotz aller Erschöpfung auch weiter bitter ernst nehmen. Wir alle sind gefordert, nach den richtigen Wegen für den Umgang mit Corona zu suchen, immer wieder neu – in Verantwortung für heute und morgen. So haben auch die Hochschulen agiert und vom ersten Tag an ihren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie geleistet. Die digitale Lehre trat an die Stelle des lebendigen Campus, Homeoffice in Isolation musste als Ersatz für engagierte Diskussion herhalten und experimentelle Forschung blieb weitgehend frei von den Impulsen aus informellem Austausch. Schon dies verdeutlicht die allseits spürbaren qualitativen Verluste im universitären Leben. Dennoch sind dies noch eher vorübergehende Belastungen im Vergleich zu den weit gravierenderen, langfristigen Verlusten, die der Generation drohen, die in dieser Zeit wesentliche Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft treffen muss.

In den nächsten Wochen entscheidet sich wiederum für eine junge Generation, wie sie die Lebenschance eines Studiums nutzen kann. Doch wer 2021 Abitur macht, hat keine Möglichkeit, sich vor Ort über Studiengänge und Hochschulen zu informieren. Wer 2020 sein Studium begonnen hat, hat noch keine Universität von innen gesehen. Wer seit 2019 studiert, konnte kein Praktikum außerhalb der Universität machen und die zu Recht viel beschworene Verbindung von Wissen und Erfahrung herstellen. Für die jungen Menschen ist seit über einem Jahr nicht nur ihr soziales Leben heruntergefahren – sie haben auch mit Blick auf ihre berufliche Zukunft keine Chance, jenes Orientierungswissen zu erwerben, das nur durch Begegnung und Austausch entstehen kann. Begegnung und Austausch, die ja gerade weit über den gewohnten Horizont hinausreichen müssen, um eigene Perspektiven und Lebensentwürfe zu entwickeln.

Prof. Dr. Johannes Wessels ist Rektor der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster.

Prof. Dr. Hinnerk Wißmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, Verwaltungswissenschaften, Kultur- und Religionsverfassungsrecht sowie Senatsvorsitzender an der Uni Münster. 

Wir wissen um die Notwendigkeit der Einschränkungen, die in den nächsten Monaten weiterhin für universitäres wie außeruniversitäres Lernen und Leben bestehen. Aber wir widersprechen entschieden der Ansicht, mit der digitalen Lösung sei der Lebensbereich Hochschule politisch hinreichend geklärt und es gehe nur um spätere Nachsorge, die vor allem durch Transferzahlungen zu leisten wäre. Das Gegenteil ist richtig: Für junge Menschen lässt sich prägende Lebenszeit nicht nachholen oder verschieben. Ihnen entgehen eben nicht nur Abiturfeiern, Orientierungswochen und andere Annehmlichkeiten, ihnen entgeht vor allem die wichtige Chance, Erfahrungen außerhalb von Schule und Studium zu sammeln. Erfahrungen, die im Studium unter Gleichen geteilt werden müssen, um sie einordnen zu können. Ein Doppeljahr 2020/2021 ohne die Universität als Lebensort würde einer ganzen Generation einen nicht gutzumachenden Schaden zufügen – und damit der gesamten Gesellschaft, die auf diese jungen Menschen angewiesen ist, wenn sie die Zukunft gewinnen will.

Bei aller Diskussion darüber, was Hochschulen sinnvollerweise aus den Erfahrungen mit digitalen Räumen in Zukunft beibehalten werden, ist also vor allem zu fragen, wie dem fehlenden Austausch in Präsenz schnellstmöglich begegnet werden kann. Und dabei auch über den Tellerrand zu blicken: Denn natürlich sind diese Kollateralschäden nicht auf Studierende beschränkt. Sie betreffen alle 16- bis 25-Jährigen, die mit Berufs- und damit Lebensentscheidungen konfrontiert sind. 

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