Gastbeitrag

OECD-Bericht. Gute Bezahlung – hoher Altersdurchschnitt

Der Bericht „Bildung auf einen Blick 2016“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) soll aufzeigen, was im deutschen Bildungssystem gut läuft und wo es hapert. Von Anne Odendahl.

04.07.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
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Während das Bundesministerium für Bildung und Forschung die guten Ergebnisse hervorhebt, zeichnen die OECD und die Medien ein anderes Bild.

Im internationalen Vergleich liegt die Stärke des deutschen Bildungssystems laut Bericht im reibungslosen Übergang ins Berufsleben. Nur in Island und den Niederlanden ist der Anteil arbeitsloser junger Menschen geringer als in Deutschland. Das betonen auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Kultusministerkonferenz in ihrer gemeinsamen Stellungnahme zum Bericht. „Leistungsstark und zukunftsweisend“ sind die Schlagworte. Die berufliche Bildung gilt international weiterhin als vorbildlich, auch wenn der Anteil der Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung unter den 25-­ bis 34-­Jährigen bei 13 Prozent stagniert. Die OECD lobt Deutschland zwar für seine starke duale Ausbildung, bemängelt aber zum Beispiel auch die Hochschulfnanzierung und die Bildungsmobilität. Auch die Medien diskutieren den Bericht kritischer.

Lehrer brauchen mehr Zeit

„Die Zeit“ titelt zum aktuellen Bericht: „Deutsche Lehrer sind gut bezahlt – und ziemlich alt.“ Tatsächlich ist es so, dass Deutschland nach Italien das älteste Kollegium hat. Etwa jede zweite Lehrkraft im Grund­ und Sekundarbereich I ist über 50 Jahre alt. Gemessen an ihrer Qualifkation ist der Verdienst erfahrener Lehrkräfte mit anderen Berufsgruppen vergleichbar. Allerdings steigt das Gehalt meist nur mit dem Alter: „Altwerden lohnt sich in diesem Beruf mehr als Leistung“, berichtet „Die Zeit“. „Die Welt“ fragt: „Warum soll es keine Prämien geben für jene, die die Zahl der Schulabbrecher in ihren Klassen reduzieren oder besonders viele Gewinner in bundesweiten Wettbewerben hervorbringen?“ Die Attraktivität des Berufs hängt aber nicht nur von der Bezahlung ab: Deutsche Lehrkräfte unterrichten am Gymnasium 714 Stunden im Jahr, japanische Lehrer rund 200 weniger. Lehrer in Deutschland hätten deshalb weniger Zeit für andere wichtige Aufgaben wie Fortbildungen oder die Unterrichtsvor­- und -­nachbereitung“, sagt OECD­Bildungsdirektor Andreas Schleicher.

Bildungsferne Schichten abgehängt

Die OECD­-Experten fordern daher, das Stundendeputat zu senken. Individuelle Unterrichtskonzepte könnten aus ihrer Sicht der Schlüssel zu einer höheren Chancengerechtigkeit sein: „In Deutschland können wir von den leistungsstärksten Bildungssystemen lernen, wie sie das Potenzial aller Schüler mobilisieren und erkennen“, mahnt Schleicher. So besitzt in Deutschland einer von zehn 25­- bis 44-­Jährigen aus bildungsfernem Milieu einen Abschluss an Hochschulen oder Berufsakademien. Nur in sechs Staaten ist die Quote geringer. Eine weitere Ursache vermuten die Studienautoren im hohen privaten Finanzierungsanteil in der frühkindlichen Bildung: Er liegt bei etwa einem Viertel und damit deutlich über dem OECD-­Mittel. „In Deutschland bittet man die Jüngsten zur Kasse, also dort wo Nachteile aufgrund eines bildungsfernen Elternhauses am ehesten ausgeglichen werden können“, schlussfolgert Schleicher. Laut Bericht fließt weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die frühkindliche Bildung.

Der Bericht „Bildung auf einen Blick“ (Education at a Glance) bietet einen Überblick über die Bildungssysteme in den 35 OECD-­Ländern und einigen Partnerländern. Rund 150 Indikatoren sollen einen internationalen Vergleich der Bildungssysteme ermöglichen. Die Studie erhebt Daten zu Bildungsbeteiligung, Absolventenquoten, Bildungsausgaben sowie zu Lehr-­ und Lernbedingungen. Der Bericht wird seit 1996 jährlich von der OECD herausgegeben.

Unterfinanzierung der Hochschulen

Im tertiären Bildungsbereich wird dagegen stärker investiert. Aber auch hier gibt es „Licht und Schatten“, schreibt „Der Tagesspiegel“. Die Gesamtausgaben für Einrichtungen des Tertiärbereichs sind zwischen 2008 und 2013 um 16 Prozent gestiegen. Allerdings hat die Ausgabenerhöhung nicht mit der Zunahme der Studienplätze Schritt gehalten: „Die Ausgaben pro Studierendem sanken dabei in vergleichbarem Umfang wie in Spanien während der Finanzkrise“, sagt Bildungsdirektor Schleicher. Das BMBF verweist auf die hohen Forschungsaufwendungen, die mit einbezogen werden müssten. Laut OECD spiele allerdings „die Forschung in einem Hörsaal mit 500 Studierenden wohl eine eher geringere Rolle“. Im schulischen Bereich zeigt sich indessen ein besseres Bild: Die Ausgaben zwischen 2008 und 2013 stiegen um drei Prozent an, bei sinkender Schülerzahl. Damit nahmen die Ausgaben pro Schüler um zwölf Prozent zu.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2017, S. 56-57 veröffentlicht.


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