Messen und Gemessen werden – PISA und die Folgen
Bis ins Jahr 2000 genoss das auf die allgemeinbildenden Konzepte eines Wilhelm von Humboldt aufbauende und nicht ökonomisch ausgerichtete deutsche Bildungswesen weltweit höchstes Ansehen. Abitur und Diplom erzielten internationale Anerkennung und bescheinigten teilweise deutlich höhere Qualifikationen als entsprechende Zertifikate anderer Länder. Ein über die OECD inszeniertes Erdbeben namens PISA hob das deutsche Bildungssystem schließlich komplett aus den Angeln. Wie selbstverständlich haben die Vertreter des Konsortiums inzwischen in fast allen Ländern der OECD die Beratungsfunktion der Politik übernommen. Von Prof. Dr. Hans Peter Klein
26.04.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNGDurch PISA sollte die Antiquiertheit des deutschen Bildungsdenkens nachgewiesen und an die angloamerikanisch geprägte, wirtschaftliche Ausrichtung angepasst werden. Bezeichnenderweise erregte die PISA-Studie in fast keinem Teile der Welt Aufregung, außer im deutschsprachigen Raum. PISA hatte angeblich nachgewiesen, dass deutsche Schüler bestimmte Testaufgaben im Durchschnitt nur mittelmäßig lösen konnten. Geschickt konstruierte internationale und nationale Rankings der Big Player der internationalen Testindustrie lieferten zusammen mit den Ratings des nationalen PISA-Konsortiums die Grundlagen, um das deutsche Bildungswesen umzusteuern.
Prof. Dr. Hans Peter Klein unterrichtete viele Jahre als Gymnasiallehrer, bevor er 2001 auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt am Main berufen wurde. Klein ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften, Mitbegründer der Gesellschaft für Bildung und Wissen und Mitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte.
Rankings in Analogie zur Bundesligatabelle wurden erstellt, in denen auch Unbedarften mit einfachen Zahlen klar und deutlich gemacht werden sollte, dass es schlecht um das deutsche Bildungswesen bestellt sei. Die ausschließliche Verwendung einfacher Zahlen sollte auch unliebsame Nachfragen nach den Methoden der Datengenerierung von vornherein unmöglich machen. Die Tabelle ist nämlich wesentlich einfacher zu lesen als die Bundesligatabelle. Man muss nur wissen, dass beispielsweise die Zahl 523 größer ist als die Zahl 498 – das versteht jeder, auch ein Politiker. Was sich hinter diesen Zahlen verbirgt und wie die Daten generiert werden, weiß niemand, außer ihren Erstellern und selbstverständlich werden die Daten nicht veröffentlicht. Es ist mehr als erstaunlich, wie in der heutigen Zeit internationale, wirtschaftlich ausgerichtete Konzerne mit freundlicher Unterstützung der OECD und der Bertelsmann-Stiftung die Bestimmungshoheit in den einzelnen Ländern längst nicht nur im Bildungsbereich im Rahmen einer „Soft Governance“ übernommen haben. Ohne jegliche demokratische Legitimierung werden indirekte, intransparente und manipulative Strategien der indirekten Einflussnahme verfolgt: das Bloßstellen der bisherigen Konzepte in der Öffentlichkeit, die diskursive Verbreitung der bevorzugten Ideen, das Festelegen von Standards und Verhaltensweisen und deren Überwachung, sowie das Ausschalten möglicher Veto-Player.
Intransparenz: PISA-Aufgaben werden nicht veröffentlicht
Auch die PISA-Aufgaben selbst – also die Grundlage zur Umsteuerung des Bildungswesens – werden nicht veröffentlicht. Alle drei Jahre werden jeweils nur wenige, ausgewählte Aufgaben der Presse überlassen. Diese Vorgehensweise entspricht damit keinesfalls der von PISA in Anspruch genommenen Wissenschaftlichkeit. Denn alle Daten offenzulegen ist eine der grundlegenden Anforderungen wissenschaftlichen Arbeitens. Davon kann bei PISA keine Rede sein. Für die jeweils verantwortlichen internationalen Testkonzerne ist PISA nur ein ganz kleiner Fisch, mit dem sich im weltweiten Bildungsmonitoring dennoch beachtliche Gewinne erzielen lassen. In Ermangelung ähnlicher Testkonzerne in Deutschland ist hierzulande die empirische Bildungsforschung – beginnend mit den TIMS-Studien in den 90er Jahren – geschickt auf den PISA-Zug aufgesprungen. Sie beherrscht seitdem die gesamte Bildungsszenerie und Politikberatung im deutschsprachigen Raum inklusive der Vergabe dort fließender Forschungsgelder aus Steuermitteln.
In seinem kürzlich erschienenen Buch „Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel“ beschäftigt sich Hans Peter Klein mit den Schulreformen der vergangenen Jahre und stellt Praxisbeispiele seit PISA und Bologna heraus. Er diskutiert kritisch, was hinter der den Schulen verordneten Kompetenzorientierung steckt. Der Autor erläutert zudem, warum er in einer nur durch eine Nivellierung der Ansprüche erreichten Bildungsexpansion mit einer stetig steigenden Anzahl von Bestnoten und Zertifizierungen ein Gefährdungspotenzial für den Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland sieht.
PISA hat Bildungswesen umgesteuert
Wie ist nun die Umgestaltung erfolgt? Schaut man sich die einzelnen Begrifflichkeiten an, die in der bildungsökonomischen Landschaft seit PISA und Bologna Verwendung finden, begegnen einem meist folgende Schlagworte: Wissensgesellschaft, Lebenslanges Lernen, Humankapital, Effizienz, Output-Orientierung oder Outcome, Bildungsstandards, Kompetenzorientierung, Schlüsselqualifikationen, Autonomie, Wettbewerb, Entstaatlichung, Privatisierung, Ausschöpfen der Begabungsressourcen und Employability. Durch den normativen bildungsökonomischen Charakter hat PISA das über Jahrhunderte auf der Basis europäischer Bildungstradition gewachsene Bildungswesen demontiert und umgesteuert. Insbesondere die Ausrichtung des Unterrichts an Schulen und Hochschulen auf Kompetenzorientierung soll dazu dienen, das nachwachsende Humankapital für die weltweite Globalisierung fit zu machen. Kompetenzen sind nämlich laut der den Bildungsstandards zugrundeliegenden Expertise der PISAianer Fähigkeiten, mit deren Hilfe sich Probleme lösen lassen, sind also ausschließlich über ihren Nutzen definiert. Es geht nicht mehr um das gemeinsame Lernen an einem gemeinsamen Unterrichtsgegenstand, der von sich aus Interesse erweckt und interessant ist, sondern es geht ausschließlich um die Frage, inwiefern dieser uns im späteren Leben von Nutzen ist. Die unmittelbare Folge dieses utilitaristischen Denkens ist die ständig weiter um sich greifende Absenkung insbesondere der fachlichen Ansprüche, die zweifelsfrei die Schulen und zunehmend auch die Hochschulen heimsucht. Wenn es selbst in Zentralabiturarbeiten auf der Grundlage des in PISA vorgegebenen Konzepts zur Lesekompetenz nur noch darum geht, aus umfangreichen Materialien vorgegebene Informationen nach der jeweiligen Fragestellung zu durchforsten, in denen die Inhalte den Status der Beliebigkeit und Austauschbarkeit zugewiesen bekommen, wenn selbst fehlerhafte PISA- oder auch Abituraufgaben niemanden mehr interessieren, mag man eine Vorstellung davon bekommen, wie der an Geschwindigkeit aufnehmende Kompetenzzug das hinter ihm zurück gebliebene Gelände bereits verwüstet hat.
Testfragen als „Blitzschach“
Auch auf die Fragwürdigkeit der bei PISA gestellten Testfragen – rund 70 Prozent sind Multiple-Choice-Fragen und keine Aufgabe besitzt eine curriculare Validität – kann an dieser Stelle ebenfalls nur verwiesen werden. PISA ist eine Art Blitzschach, in dem der Schüler in der Regel nicht mehr als 90 Sekunden pro Aufgabe Zeit hat, seine Kreuze zu setzen, gerade so wie ein Börsenmakler. Fast alle Aufgaben verfügen über teilweise verschwurbelt formulierte Texte, in denen die Ostereier versteckt sind, nach denen in der Frage gesucht wird.
Das teure Messen von Kompetenzen
Die Vermessung von Kompetenzen stellt dann auch den vorläufigen Höhepunkt im Vermessungswahn der Bildungsökonomie dar. Die höchste Infektionsrate verzeichnen dabei die Bildungswissenschaften. Seit der Jahrtausendwende sind in die Vermessung und Umsteuerung des deutschen Bildungswesens und in völlig sinnfreie externe Akkreditierungen hohe zweistellige Milliardenbeträge geflossen. Hätte man das Geld dazu genutzt, zehntausende Lehrerstellen an den Schulen zu schaffen und den bis zur Jahrtausendwende für Konstanz in der Lehre sorgenden akademischen Mittelbau an den Universitäten weiter auszubauen anstatt zu pulverisieren, hätten Schüler und Studierende in ihrem Lernen sicherlich erheblich davon profitiert. Um das zu verstehen, ist keine Vermessung notwendig, sondern nur der gesunde Menschenverstand, der anscheinend gerade heute im Bildungswesen vielen Beteiligten völlig abhandengekommen zu sein scheint.
Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2017 veröffentlicht.
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