Radikale Reform, radikale Kritik
- Zwei provozierende Gastbeiträge im neuen DSW-Journal des Deutschen Studentenwerks (DSW) - HIS-Geschäftsführer Martin Leitner schlägt eine radikale Reform der Studienfinanzierung vor, um das deutsche Hochschulsystem sozial zu öffnen - Für den HU-Politologen Herfried Münkler werden Bachelor/Master mit "strategischem Dilettantismus" eingeführt
28.11.2008 Pressemeldung Deutsches StudierendenwerkIm neuen DSW-Journal des Deutschen Studentenwerks (DSW) melden sich zwei profilierte Wissenschaftler mit provozierenden Beiträgen zu Wort. Prof. Dr. Martin Leitner, Geschäftsführer des Hochschul-Informations-System (HIS), beklagt die soziale Selektivität des deutschen Hochschulsystems im europäischen Vergleich. Die von HIS durchgeführte Vergleichsstudie EUROSTUDENT III belege, dass "die soziale Herkunft nur noch in ehemals sozialistischen Staaten einen stärkeren Einfluss auf die Bildungsbiografien aufweist als in Deutschland", schreibt Leitner. Einer seiner Gegenvorschläge: eine radikale Reform der Studienfinanzierung. Der bekannte Politologe Herfried Münkler von der Humboldt-Universität zu Berlin unterzieht im zweiten Beitrag die Art und Weise, in der in Deutschland die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master eingeführt werden, einer radikalen Kritik.
Das DSW-Journal hatte beim HIS-Geschäftsführer Leitner nachgefragt: Was sind aus seiner Sicht die wichtigsten bildungspolitischen Befunde der vor kurzem veröffentlichten europäischen Vergleichsstudie "EUROSTUDENT III"? Leitner erinnert die Tatsache, dass akademische Bildung in Deutschland seit Langem fast ausschließlich von Akademiker-Generation zu Akademiker-Generation weitervererbt wird, an absolutistische Zeiten.
Was kann man dagegen tun? Die Studie gebe Hinweise, so Leitner, die Studienfinanzierung in Deutschland einer kritischen Revision zu unterziehen. Leitners radikaler Vorschlag: das BAföG abschaffen, ebenso die Kinderfreibeträge und das Kindergeld, überhaupt alle Vergünstigungen für Studierende, angefangen von der verbilligten Theaterkarte bis zum bezuschussten Mensaessen. "Wir haben dann einen ziemlichen Batzen Geld gespart", schreibt Leitner, "den wir für die Studierenden ganz einfach wieder ausgeben können: Jeder bekommt elternunabhängig monatlich 900 Euro, die Hälfte davon als Stipendium." Sein Vorschlag sei kostenneutral, sozial nicht unausgewogener als die derzeitige Verteilung der Gelder und nehme die Studierenden als "volljährige, verantwortungsbewusste Individuen" ernst, behauptet Leitner.
Auch der Politologe Herfried Münkler bedient sich einer historischen Analogie, allerdings bezogen auf die Einführung von Bachelor und Master an deutschen Hochschulen. An eine "nachhaltige Verbesserung der Studiensituation bei unveränderter Ressourcenausstattung" könne nur glauben, "wer die Universität nicht kennt beziehungsweise meint, die Erfordernisse der Logistik ließen sich durch die ständige Verwendung des Wortes Strategie außer Kraft setzen", schreibt Münkler, und fährt fort: "Wer nach Parallelen zur gegenwärtigen Studienstrukturreform sucht, wird am ehesten in der Organisationsgeschichte der Wehrmacht nach der Wende vor Moskau im Winter 1941 fündig werden, als Regimenter und Divisionen einfach geteilt wurden, um doppelt so viele davon zu haben. Aber man hatte bloß die Kennziffern vermehrt, nicht die Kräfte."
Mit der "starken Curricularisierung insbesondere im Bachelorstudium" würden "Breite und Tiefe des zu vermittelnden Wissens" schwinden, beklagt Münkler, da helfe alle Standardisierung von Lehrinhalten nichts. "Die Produktion von Automobilen oder Ziegelsteinen ist eben doch etwas anderes als die Ausbildung von Menschen." Münklers Fazit ist vernichtend: Man sei bei der Studienstrukturreform mit einem "strategischen Dilettantismus zu Werke gegangen, der seinesgleichen sucht", und: "Der angerichtete Schaden ist wirklich unermesslich."
Beide Beiträge im DSW-Journal 4/2008, kostenloser Download (40 Seiten) über: www.studentenwerke.de
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