Universitätsstruktur am Standort München

Nach einer ersten Anhörung des Rektors der Universität München, Prof. Dr. Bernd Huber, und des Präsidenten der Technischen Universität München, Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann, hat die Expertenkommission Wissenschaftsland Bayern 2020 eine grundsätzliche Stellungnahme zur Universitätsstruktur am Standort München mit seinen zwei Universitäten vorgelegt.

14.09.2004 Bayern Pressemeldung Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst

Grundlage der Arbeit der Kommission zum Wissenschaftsstandort München sind die am 19. Juli 2004 vorgestellten Strukturüberlegungen der Bayerischen Rektorenkonferenz in "Vision UniBay 2010", die zum Wissenschaftsraum München festhalten, dass dieser sich "aufgrund seiner Größe, seiner fachlichen Vielfalt und seiner internationalen Bedeutung zu einer gemeinsamen Strukturpolitik verpflichtet, die diesem Anspruch auch wirklich gerecht wird".

Wissenschaftsminister Thomas Goppel kündigte an, alle Erwägungen mit den beiden Münchner Universitäten, insbesondere auch mit den Professoren und Studierenden, eingehend und umfassend zu besprechen. Goppel: "Gemeinsam wollen wir ein Konzept für die Zukunft der Münchner Universitätslandschaft erarbeiten, das die Forschungsprofile schärft und die Lehrprofile optimiert." Ziel sei kein Sparprogramm, sondern eine noch bessere Positionierung des Standorts München im internationalen Wettbewerb, stellte der Minister klar. Freiwerdende Ressourcen sollen dem Wachstums- und Innovationspotential der Wissenschaft in München zugute kommen.

Die Kommission unter Vorsitz des Konstanzer Philosophieprofessors und Vorsitzenden der Akademie der Europäischen Wissenschaften, Prof. Dr. Jürgen Mittelstraß hat im Wortlaut am gestrigen Montag in München folgenden Beschluss gefasst:

"Grundsätze zu einer neuen Universitätsstruktur am Standort München

  1. Innerhalb des Wissenschaftsstandortes München, der mit seinen Hochschulen und zahlreichen außeruniversitären Forschungseinrichtungen zu den herausragenden Wissenschaftszentren Deutschlands gehört, nehmen die beiden Universitäten (TU und LMU) in Forschung und Lehre eine zentrale Stellung ein. Ihre historisch gewachsenen Strukturen zeugen von unterschiedlichen Entwicklungswegen, die zu jeweils eigenen Profilen und in einigen Fällen auch zu Wechselbeziehungen in Forschung und Lehre geführt haben. Dennoch wird die derzeitige Situation, auch von den beiden Universitäten, in vieler Hinsicht als nicht optimal und daher als reformbedürftig angesehen. Als Beispiel gilt vor allem die Universitätsmedizin mit ihren Großstandorten Innenstadt, Großhadern und Rechts der Isar, aber auch unabgestimmte Doppelstrukturen, z.B. in den Disziplinen Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Biologie und Betriebswirtschaft. Hier besteht - nicht erst auf dem Hintergrund der derzeitigen Neuordnungsdebatte in Bayern - ein erheblicher Optimierungsbedarf.

Dies geht mittelbar auch aus der Darstellung beider Universitäten in den von den bayerischen Universitäten gemeinsam vorgelegten Eckpunkten zu einer miteinander abgestimmten Universitätsentwicklung ("Vision UniBay 2010") hervor, desgleichen aus dem Umstand, dass seit längerem zwischen den Leitungen beider Universitäten Gespräche über eine intensivere Kooperation und eine gemeinsame Strukturreform geführt werden. Diese Überlegungen schließen ausdrücklich auch die Möglichkeit eines strukturellen Zusammengehens nicht aus.

2. Aus Sicht der Expertenkommission "Wissenschaftsland Bayern 2020" bieten sich unter Optimierungsgesichtspunkten zwei Rekonstruktionskonzepte für die beiden Münchner Universitäten an: ein Austauschkonzept und ein Integrationskonzept, wobei in beiden Fällen bei der weiteren Ausarbeitung auch die Situation der Fachhochschulen und der außeruniversitären Forschungseinrichtungen bedacht und konzeptionell berücksichtigt werden muss.

3. Ein Austauschkonzept sähe die Verlagerung ganzer fachlicher oder disziplinärer Einheiten von einer Universität in die andere vor. Ziel wäre die institutionelle Zusammenführung benachbarter Fächer und Disziplinen sowie eine stärkere Schwerpunkt- und Profilbildung. In diesem Sinne wird etwa an die Verlagerung der TU-Medizin an die LMU gedacht, die damit zum alleinigen Medizinstandort würde, und im Gegenzug an die Verlagerung eines Teiles der LMU-Naturwissenschaften an die TU, die damit ihr technisch-naturwissenschaftliches Profil stärken würde. Ein derartiges Austauschkonzept führte zu zwei zwar großen, aber nicht vollständigen Universitäten. Die Folge wäre vermutlich dauerhafte Uneinigkeit mit partiellen oder kompletten Nachbesserungserfordernissen bzw. Nachbesserungen. Es dürfte daher auch ungeeignet sein, die wünschenswerte Optimierung der Münchner Universitätsstrukturen zu leisten. Die Kommission empfiehlt dieses Modell nachdrücklich nicht.

4. Moderne Forschung stützt sich zunehmend nicht mehr auf eine feste Fächer- und Disziplinenordnung, sondern auf eine flexible Verbindung fachlicher und disziplinärer Kompetenzen in immer wieder neuen Forschungskontexten (z.B. in den Material- und Biowissenschaften). Ein Integrationskonzept sähe in diesem Sinne eine strukturierte Kooperation beider Universitäten in Forschung und Lehre vor, in der auch neue institutionelle Lösungen erprobt werden. Integration bedeutete hier nicht einfach eine Fach-zu-Fach-Zusammenführung (im großen: 'Fusion'), sondern ein Denken und eine Ordnung in neuen, den Erfordernissen der Forschung wie der Lehre entsprechenden Strukturen. Natürlich käme es auch zur Vermeidung von Doppelangeboten, was aber nicht das primäre Ziel sein sollte.

5. Die Kommission spricht sich im Grundsatz für ein derartiges Integrationskonzept aus, in dessen Rahmen Forschungs- und Lehrprogramme zusammengeführt würden und an die Stelle der bisherigen traditionellen Fächer- und Fakultätsstrukturen eine neue, an den Erfordernissen einer modernen Forschung und Lehre orientierte Struktur träte. So sollten Forschung und Lehre eine Matrixform bilden, in der die Lehre vertikal und im wesentlichen disziplinär, die Forschung horizontal über Forschungsschwerpunkte organisiert wird. Damit würde es zugleich gelingen, eine ausreichend große kritische Masse fachlicher, disziplinären und transdisziplinärer Einheiten zu schaffen.

6. Der Vorteil des hier beschriebenen Integrationskonzepts liegt darin, dass es Ausdruck eines wissenschaftsgetriebenen Prozesses ist, die Stärken beider Universitäten sowohl im Forschungs- als auch im Lehrbereich zusammenführt, darin sich ergebende Einsparungspotentiale in neue strategische Vorhaben umsetzt, dem Wissenschaftsstandort München zusätzlich ein neues starkes Profil verleiht und zugleich die besten Voraussetzungen dafür bietet, dass der Universitätsstandort München in einem zukünftigen Wettbewerb europäischer Universitäten eine starke Position wahrzunehmen vermag. Darin könnte das Integrationskonzept auch Modellcharakter für andere Universitätsstandorte haben.

7. Die Kommission wird über diese grundsätzliche Stellungnahme hinaus in ihren späteren Empfehlungen detailliertere Vorschläge machen und weiterhin aus universitärer Sicht versuchen, näher auf eine (Neu-)Ordnung des Verhältnisses zu den außeruniversitären Forschungseinrichtungen und zu den Fachhochschulen einzugehen."


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